Das SWR-Symphonieorchester eröffnet mit einem halbszenischen „Rosenkavalier“ die Pfingstfestspiele Baden-Baden
Eine Orchesteraufstellung wie ein Bühnenbild. Der Graben platzt bei Richard Strauss‘ Oper „Der Rosenkavalier“ aus allen Nähten. Links davon
Eine Orchesteraufstellung wie ein Bühnenbild. Der Graben platzt bei Richard Strauss‘ Oper „Der Rosenkavalier“ aus allen Nähten. Links davon flankieren Kontrabässe, Harfen und eine Celesta, rechts davon fünf Schlagzeuger das knapp hundertköpfige Kollektiv in der fast nie zu hörenden Originalbesetzung mit jeweils 16 Violinen 1 und 2, 12 Bratschen, 10 Celli und 8 Kontrabässen. Schon vor dem ersten Ton ein gewaltiger Aufschlag, mit dem das SWR Symphonieorchester die Pfingstfestspiele im Festspielhaus Baden–Baden eröffnet.
Dass ein Rundfunkorchester eine Repertoire-Oper spielt, gehört jetzt nicht unbedingt zum primären Aufgabengebiet – im nächsten Jahr erfolgt an gleicher Stelle „Der Fliegende Holländer“. Aber kann das Orchester Oper? Schon die Orchestereinleitung klingt unter Chefdirigent François-Xavier Roth verheißungsvoll mit brünftigen Hornschlenkern, perlenden Holzbläsergirlanden und einer guten Mischung aus Eleganz und Energie. Genau der richtige Einstieg für die vielschichtige, virtuose, 1911 uraufgeführte „Komödie für Musik“, die auch ganz viele intime Momente enthält und blitzschnell zwischen den Stilebenen wechselt. Im ersten Aufzug dauert es dann ein bisschen, bis sich der riesige Klangkörper auf eine optimale Klangbalance eingestellt hat. Besonders Emily D’Angelo als Octavian wird mit ihrem schlanken Mezzosopran vom Orchester in der langen ersten Szene mit der überragenden Julia Kleiter als Marschallin in einigen Phrasen überdeckt. Aber diese leichten Startschwierigkeiten lösen sich bald in Luft auf – und es entwickelt sich ein flexibler, transparenter, ungemein plastischer Orchesterklang, der in Strauss‘ Musik viele Nebenstimmen hörbar macht, ohne dabei zu schwerfällig zu werden. Der im Sitzen dirigierende François-Xavier Roth kann sich auf das Orchester konzentrieren, da er mit Matthew Ottenlips als Maestro Suggeritore einen vor ihm postierten Assistenten hat, der jeden Sängereinsatz gibt und auch mal soufflierend aushilft bei einem Texthänger. Die breit auseinandergezogenen Orchestergruppen sind bestens vernetzt und sorgen für beeindruckende Stereoeffekte wie die zwischen Hörnern und Trompeten hin- und her schmetternden Fanfaren. Die zahlreichen exponierten Soli von Flöte (Tatjana Ruhland), Oboe (Raquel Pérez-Juana), Klarinette (Dirk Altmann) und Trompete (Jörge Becker) sind delikat. Und wenn Solocellist Frank-Michael Guthmann die wunderbar leuchtenden Legatolinien des Startenors Jonathan Tetelman im Lever der Marschallin deckungsgleich intoniert, dann entstehen ganz kammermusikalische Momente. Was das Orchester in der Einleitung zum dritten Aufzug („So schnell als möglich“) an brillanter Virtuosität abliefert, ist phänomenal. Julia Kleiter stattet die Partie der Marschallin mit einer breiten Farbpalette und vielen Nuancen aus. Benjamin Lazar stellt in seiner szenischen Einrichtung die Einsamkeit der Figur in den Mittelpunkt (Bühne und Licht: Christophe Naillet). Kleiters Zeit-Monolog am Ende des ersten Aufzugs hat Würde und eine große Intimität. Ihre volle Tiefe verleiht dieser melancholischen Marschallin Reife und Lebenserfahrung. Emily D’Angelo gibt einen wirklich jugendlichen Octavian mit großer Flexibilität. Was ihr an dunklen Farben fehlt, macht die Kanadierin durch enorme darstellerische Präsenz wett – gerade als naives Mariandl, das vom übergriffigen Baron Ochs bedrängt wird. Wilhelm Schwinghammer ist mit seinem sonoren, geschmeidigen, Bass ein Ochs von Format. Schön breitbeinig, immer eine Hand im Hosensack gibt er auch darstellerisch der Produktion Schwung und Witz. Katharina Konradi ist eine hell timbrierte Sophie, die nicht nur in der Höhe glänzt und am Ende im schwebenden Duett „Ist ein Traum“ ihren Octavian bekommt. Roman Trekel macht aus dem Herrn von Faninal einen schön großkotzigen Neuadligen. Auch das übrige Solistenensemble, der Kinderchor Cantus Juvenum Karlsruhe (Einstudierung: Lorenzo de Cunzo) und die zahlreichen kleinen Rollen, die von Mitgliedern des MDR Rundfunkchors (Einstudierung: Thomas Eitler-de Lint), besetzt werden, glänzen in dieser Produktion. Dirigent Francois-Xavier Roth hält die Fäden zusammen, gewährt den Walzern Freiheit und sorgt für ein präzises Zusammenspiel. Das SWR Symphonieorchester kann Oper – soviel steht nach diesem beeindruckenden Abend fest.
Foto: Mit „Rosenkavalier“ überzeugt die Eröffnung der Baden-Badener Pfingstfestspiele auf voller Linie © Michael Bode




