Kunst

Claude will Meer: „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ im Frankfurter Städel

Alle kamen nach Étretat: die Komponisten, die Schriftsteller, die Maler und sogar die Verbrecher. Jacques Offenbach ließ sich dort

Claude will Meer: „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ im Frankfurter Städel

Alle kamen nach Étretat: die Komponisten, die Schriftsteller, die Maler und sogar die Verbrecher. Jacques Offenbach ließ sich dort eine Villa bauen, Guy de Maupassants Roman „Ein Leben“ spielt in der Nähe und Maurice Leblancs Gentleman-Gauner Arsène Lupin versteckt in der berühmten Felsnadel seine Beute. Wirklich berühmt ist der Ort aber heute noch wegen der Maler, wegen Gustave Courbet und Claude Monet, aber auch Camille Corot, Félix Vallotton und Henri Matisse.
Das Städtchen in der Normandie, zu dem früher nicht mal eine richtige Straße führte und in dem es keinen Hafen gab, entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum Badeort. Die Fischer wurden Bademeister, umfunktionierte Karren dienten als Sprungbretter, Planken wurden über den Strand gelegt, um leichter ins Wasser zu kommen. Das alles – das Meer, die Fischer, ihre Familien, die Badegäste – ist zu sehen auf den Bildern des ersten Malers, der sich in Étretat niederließ: Eugène Le Poittevin (1806-1870). Er interessierte sich für die Welt der Fischer, die harte Arbeit der Männer, die undankbare der Frauen, verbindet Realismus und Pittoreskes und malt die Bewohner liebevoll. Die anderen, die kamen, interessierten sich dann eher für die Landschaft.


Eine neue Ausstellung im Frankfurter Städel mit dem Titel „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ zeigt zwar die ganze Welt des Küstenörtchens, doch stehen im Zentrum die Wellenbilder Courbets, die Küstenansichten Monets und die kargen Bilder von Matisse. 170 Exponate zeigt das Städel und allein von Monets 80 Gemälden, Pastellen und Zeichnungen, die er in Étretat und von der Küste angefertigt hat, sind rund ein Drittel in Frankfurt zu sehen, viele sind von den bedeutendsten Museen geliehen.
Im zentralen Raum der zweiteiligen Ausstellung, der in Form eines Ovals konstruiert ist, hängen die Ansichten der normannischen Küste, die Monet (1840-1926) besonders in den 1880er Jahren gemalt hat, immer wieder die Felsnadel und das Felsentor von Aval sowie die Manneporte, also die bekanntesten Felsformationen der Steilküste. In fast serieller Arbeitsweise malte er dieselben Motive zu verschiedenen Tageszeiten, mit verändertem Licht, aus unterschiedlichen Blickwinkeln teilweise parallel. Meist sind die Bilder menschenleer, konzentriert er sich auf die unmittelbare Wiedergabe seiner Eindrücke der Natur. Die Malweise in scheinbar spontanen, rhythmischen Pinselstrichen und die feine Abstimmung der Farbwerte auf der Leinwand stehen exemplarisch für die impressionistische Malerei. Das zeigt der zentrale Raum, in dem Meer und Küste in wechselnden Stimmungen zu sehen sind, in dem die Natur mal lieblich, mal herb erscheint, ganz wunderbar.

Claude Monet: „Steilküste von Aval“, 1885, Öl auf Leinwand Foto © Hasso Plattner Collection


Kurz nach Monets erstem Aufenthalt im Jahr 1864 ist auch Courbet (1819-1877) vor Ort. Er bezieht das ehemalige Atelier von Le Poittevin, um dort „Die Klippe von Étretat nach dem Sturm“ zu malen sowie seine Serie der „Wogen“. Auch ihn interessierte weniger der Badeort, sondern mehr die Natur, doch stellt er diese nicht einfach nur dar, sondern konstruiert eine künstlerische Realität, indem er den Bildraum durch Perspektivwechsel verfremdet oder verkürzt. Die Farbe trägt er häufig nicht mit dem Pinsel, sondern mit dem Palettmesser auf, wodurch eine raue, krustige Oberfläche entsteht. Die Wellenbilder vermitteln so eine große gefährliche Kraft unter einer scheinbar versteinerten Oberfläche. Sie fangen nur einen Moment ein, weisen aber immer über diesen hinaus. Und da sich Courbets Vorliebe für das Motiv des schäumenden Meeres, das tosend unter einem Himmel mit dichten Wolken dahinrollt, bezahlt machte, malte er weitere Wogen, Wellen und Wasserhosen, die alle grandios sind. Ebenso wie seine ganz anderen Ansichten der beruhigten See, die eine schier unendliche Weite ausstrahlen, in der man sich verlieren möchte.
Auch wenn das Interesse an Étretat um 1900 etwas nachließ, kamen die Maler weiterhin. Im Jahr 1920 kommt Matisse (1869-1954) gleich zweimal hierher, wo ein großer Werkkomplex von Gemälden und Zeichnungen entsteht, die auch er erfolgreich verkauft. In bewusster Auseinandersetzung mit Courbet und Monet setzt er sich mit der Küste aus verschiedenen Perspektiven auseinander, malt meist menschenleere Bilder, fängt mit wenigen Strichen und reduzierter Farbpalette charakteristische Elemente ein: die Klippen, am Strand liegende Fischerboote, Meerstiere.
Das Frankfurter Ausstellung zeigt, ausgehend von einer immersiven Projektion der Klippen von Étretat, dessen Entwicklung im 19. Jahrhundert vom Fischerdorf zum Seebad und Künstlerort, aber auch, wie dieser als Motiv für Pioniere der Fotografie diente und diese dann als Vorlage für einige Maler diente, thematisiert also auch die wechselseitige Beeinflussung zwischen Fotografie und Malerei. Alexander Eiling und Eva Mongi-Vollmer haben die Ausstellung klug kuratiert und großartig zusammengestellt, die eigentliche Kraft geht aber – und so soll es ja auch sein – von den Bildern aus. Das heutige Étretat wird von Touristen überrannt, die Felsen sind für Besucher gesperrt: Kommen Sie einfach nach Frankfurt!

Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat. Städel Museum, Schaumainkai 63, Frankfurt am Main. Bis 05.07.26

Foto: Gustave Caillebotte: „Mann im Arbeitskittel (auch: Père Magloire auf dem Chemin de Saint-Clair in Étretat)“, 1884, Öl auf Leinwand, Privatsammlung © Bridgeman Images

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Bernd Zegowitz