Flucht vor der NS-Verfolgung ab 1933 – Drei neue Recherchen
Tschechoslowakei – „Exil in Prag“In Berlin entgingen sie nur knapp der Verhaftung und Misshandlung. Eilig emigrierten Hitler-Gegner wie Gabriele
Tschechoslowakei – „Exil in Prag“
In Berlin entgingen sie nur knapp der Verhaftung und Misshandlung. Eilig emigrierten Hitler-Gegner wie Gabriele Tergit und Alfred Kerr schon Anfang 1933 in die Tschechoslowakei. Noch hofften sie und andere, dass das NS-Regime in kürzester Zeit abgewirtschaftet habe und sie sich nur kurzfristig in Sicherheit brächten, sukzessive rund 20.000 Personen. Die Tschechoslowakei war mit der Bahn erreichbar und die Nazikontrollen noch lückenhaft. Prag war ein besonderes Fluchtziel, dort gab es sogar deutschsprachige Verlage und Theater. Die Weimarer Demokratie war abgeschafft; nach „Ermächtigungsgesetz“, Reichstagsbrand, Auflösung von Gewerkschaften und SPD-Verbot waren Politiker, Künstler, Schriftsteller, Verleger, Regisseure und Musiker zur Flucht gezwungen. In die Tschechoslowakei konnten die Regimegegner noch ungehindert einreisen, andere flohen nach Frankreich, in die Benelux-Staaten oder suchten eine Zukunft auf der Balkanroute, in New York, Buenos Aires oder Tel Aviv. Einige verpassten den Moment, um der Verhaftung zu entgehen. Zahllose Personen werden in Krankheit, Tod und Bedeutungslosigkeit getrieben.
Es sind erschütternde Geschichten, die Peter Lang in seiner Recherche „Vertraute Fremde. Exil in Prag 1933-1939“ versammelt hat und anhand von vierzig Schicksalen entfaltet, darunter Wieland Herzfelde, Alfred Kerr, Bertolt Brecht, Hans Sahl, Stefan Heym, Arnold Zweig, Friedrich Cassirer, Käte Frankenthal, John Heartfield, Otto Wels, Lisa und Hans Fittko, Willy Haas, Walter Ulbricht, Oskar Kokoschka, Willi Bredel, Kurt Hiller, Oskar Maria Graf, Peter Weiss, Maria Mann-Kanova, Golo Mann, Ernst und Karola Bloch. Der Arm der Nazis war lang, so wurde etwa der Philosoph Theodor Lessing, der Zuflucht in Marienbad gefunden hatte, am 31. August 1933 durch deutsche Naziattentäter erschossen. Erich Mühsam war bereits in das KZ Oranienburg verschleppt, wo ihn die SA brutal ermordete. Grenzpolizei und Gestapo erstellten Schwarze Listen, mehrere Institutionen im NS-Staat überwachen die Exil-Szene; Verbindungswege werden ausgespäht, Pässe einbehalten, Entführungen geplant, etwa aus Karlsbad, wo sich u.a. Philipp Scheidemann und Otto Wels aufhalten, deren Reichstagsmandate einkassiert waren. Fast täglich nehmen sich Verzweifelte das Leben.
Wie gut man zurechtkam, hing auch von den Ressourcen ab, über die man verfügte, nur wenige hatten ein Auto. Asyl zu finden, bringt keinen Rechtsanspruch mit sich, Hilfskomitees bilden sich. Tausende kamen mit der Bahn in die tschechoslowakische Hauptstadt. Prag war, besonders von Berlin aus, leichter zu erreichen als Paris oder Amsterdam und stand den meisten kulturell näher: Man sprach und verstand dort Deutsch. Für staatliche Unterstützung oder Lohnarbeit waren die Hürden enorm. Journalisten, die mitunter eine Beschäftigung als freie Mitarbeiter bei Exilorgangen wie der „Neuen Weltbühne“ fanden, lebten in Elendsvierteln unter Leidensgenossen, sie verfassten dennoch aufklärende Artikel und Flugblätter. Bald gab es zunehmend Streitigkeiten zwischen Sozialdemokraten und moskautreuen Kommunisten.
Dann wurde die Tschechoslowakei zerschlagen. Mit dem Münchner Abkommen 1938 verlor sie das Sudetenland, die Exilsuchenden gerieten erneut ins Visier, schwebten in Gefahr und erlebten Feindschaft. 1939 okkupiert die Wehrmacht den Rest des Landes und nun sitzen sie in einer Falle, aus der sie in alle Himmelsrichtungen zu flüchten suchen. Doch wohin? Gabriele Tergit war bereits in Palästina und Alfred Kerr in London … Ein Personenregister sowie genaue Biographien erweitern das Buch im Anhang, dessen Lektüre starke Nerven erfordert.
- Peter Lange. „Vertraute Fremde. Exil in Prag 1933–1939“. Schöffling & Co., Ffm 2025
„Balkan-Odyssee: 1933-1941“
Eine andere Fluchtroute, weitgehend vergessen, führte nach Südosteuropa. Dort fand eine beträchtliche Anzahl von Personen zunächst Unterschlupf, etwa die Schauspielerin Tilla Durieux, die Schriftsteller Manès Sperber und Ernst Toller, der Dramatiker Franz Theodor Csokor und der Maler Richard Ziegler. Die Region schien von Hitlers Deutschland weit entfernt. Die Mehrzahl der bedrohten Personen war in den Westen geflohen, nach Großbritannien, Frankreich, Niederlande sowie in die USA; Ziele waren auch die Tschechoslowakei sowie die Sowjetunion. Zudem begaben sich annähernd 55.000 Personen in das südöstliche Europa, nach Jugoslawien, Griechenland, Serbien und Albanien. Der Flüchtlingsstrom auf der Balkanroute begann mit der ersten Verfolgungswelle der Nazis, verstärkte sich 1938 durch den „Anschluss“ Österreichs sowie das Novemberpogrom. Damals standen nur noch wenige Türen offen, was die „Konferenz von Evian“ zeigt, die 1938 ergab, dass weltweit kaum ein Land mehr Verfolgte aufnehmen wollte.
In Jugoslawien, Griechenland, Serbien und Albanien entwickelte sich ein Milieu, das Geflüchtete unterstützte und ihnen ein bescheidenes Überleben ermöglichte, z.B. bildete sich in Zagreb ein Zentrum für Künstler. Doch als Italien Ende Oktober 1940 Griechenland überfiel und Hitler den Angriff auf die Balkanländer plante, begann sich auch dieser Fluchtweg zu schließen. Tausende saßen fest, zunächst war Albanien ein letzter Ausweg. All dies hat die Historikerin Marie-Janine Calic erstmals erforscht und beschrieben, wobei es ihr gelingt, die Einzelschicksale mit der politischen und kulturellen Geschichte der jeweiligen Region in den Jahren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg zu verbinden; pointiert beleuchtet sie auch die multikulturellen Traditionen in den einzelnen Staaten. Waren die Exilsuchenden anfangs einigermaßen sicher, so fanden sie sich bald darauf, z.B. gefangen in „Irrfahrten“ auf jugoslawischen Flüssen; die NS-Politik war auch im östlichen Europa zunehmend aggressiv präsent, etwa um an die Ölfelder Rumäniens zu gelangen.

Die Situation von Exilsuchenden nach dem Balkanfeldzug
Mit NS-Deutschland verbündete italienische Truppen griffen am 28. Oktober 1940 Griechenland an, gerieten aber in die Defensive und mussten Teile Albaniens preisgeben. Einen Monat später begann die NS-Führung zugunsten des Achsenpartners einzugreifen, der Plan, Jugoslawien als Bündnispartner zu gewinnen, scheiterte. So ging Hitler Anfang April 1941 gegen Jugoslawien und Griechenland vor, startete Angriffe auf Belgrad sowie auf Thessaloniki. Nachdem Kroatien sich zum Vasallen der Achsenmächte machte, kapitulierte Jugoslawien. Aus der nun von den Nazis eroberten Einfluss-Sphäre mussten die Exilsuchenden erneut fliehen, darunter der Maler, Zeichner und Grafiker Richard Ziegler (1891-1992), der Ende 1932 mit seiner jüdischen Verlobten Edith Lendt nach Jugoslawien emigriert war und bis 1937 auf der süddalmatischen Insel Korcula lebte. Als Gegner des NS schuf er von 1933 bis 1935, unter dem Titel „Führer sehen Dich an“, 29 Karikaturen von Nazi-Personal. 1937 flieht er nach Großbritannien, zunächst als „feindlicher Ausländer“ interniert, arbeitet er dann für das „British Ministry of Information“ und wirkt, unter dem Pseudonym Robert Ziller, als Pressezeichner. Marie-Janine Calic wurde für die Recherche „Balkan-Odyssee. 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“, die der Geschichte dieser Route anhand von Einzelschicksalen im historischen Kontext nachgeht, im Jahr 2026 der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen; treffend urteilte die Jury, Calic habe in der Exilforschung eine Lücke geschlossen.
- Marie-Janine Calic. Balkan-Odyssee. 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa. C.H. Beck 2024
„Paris 1940. Die Buchhandlung der Exilanten“
Auf der linken Seite der Seine gab es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwei bemerkenswerte Buchhandlungen, „La Maison des Amis des Livres“ der Französin Adrienne Monnier sowie „Shakespeare and Company“ von Sylvia Beach, gebürtige Amerikanerin, die nebenbei auch Verlegerin von James Joyce war. Zwischen den Kriegen traf sich hier eine internationale Avantgarde, doch mit dem Einfall der deutschen Besatzung 1940 ändert sich das kulturelle Klima radikal. Nun werden die Buchhandlungen zur Anlaufstelle für Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler, die auf der Flucht vor Verfolgung sind. Von diesen und anderen Entwicklungen erzählt der Romanist Uwe Neumahr in seiner brandneuen Recherche „Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940. Zuflucht und Widerstand“.
Die benachbarten Läden von Sylvia Beach und ihrer Lebensgefährtin Adrienne Monnier prägten lange das literarische Paris und waren Treffpunkt, James Joyce, Ernest Hemingway, Pablo Picasso, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir gingen hier ein und aus. Doch mit der deutschen Besatzung wird aus der erfrischenden Kultur-Oase ab Mai 1940 ein Ort der Zuflucht und des Widerstands für deutsch-jüdische Exilant*innen. Zur Bedrohung durch die Besatzer kam der Hunger, seit Waffenstillstand werden die Lebensmittel streng rationiert. Die Geistesfreiheit wird deutscher Kontrolle unterworfen, Gerhard Heller hieß der Mann, den der deutsche Militärbefehlshaber zur Gruppe „Schrifttum“ einberief, um das Verlags- und Kulturleben zu demontieren; die deutsche Botschaft in Paris hatte bereits die „Liste Otto“ mit „schädlichen“ Autoren verbreitet. Konfisziert wird auch die Buchhandlung „Au Pont de l‘Europe“, ebenfalls ein Refugium, gegründet von Ferdinand Ostertag; geblieben ist nur ein Gästebuch mit über 60 prominenten Namen, darunter Alfred Döblin, Klaus und Heinrich Mann, Joseph Roth, Robert Musil, Anna Seghers, Ernst Toller, Kurt Wolff, Marlene Dietrich, Lotte Lenya, Kurt Weill, André Gide, Julien Green und Paul Valéry.

Ernst Jünger gehörte zu den Besatzern und Gertrude Stein passt sich zögernd dem Vichy-Regime an. Hingegen setzten sich Adrienne Monnier und Sylvia Beach vehement für ihren verfolgten Freundeskreis ein, für Walter Benjamin, Siegfried Kracauer, Gisèle Freund. Doch eines Tages wird Sylvia Beach interniert; für viel andere Beteiligte folgt ein gewaltiger Schicksalsschlag auf den anderen. All dies lässt sich aus Uwe Neumahrs überzeugender Recherche zur Literaturgeschichte und einem ihrer dramatischen Kapitel im besetzten Paris erfahren. Sehr originell ist auch seine Art der Schilderung im „Reißverschluss-Verfahren“, d.h. es wird in zwei miteinander verbundenen Handlungssträngen erzählt; der erste Strang beginnt während des Ersten Weltkriegs, der zweite 1939, kurz vor Ausbruch des nächsten Weltkriegs, der fast alles zerstört. Die Zusammenkünfte in den Buchhandlungen werden überdies durch Anekdoten plastisch; so erfahren wir etwa, dass sich die Beteiligten während der „années folles“ „Potassons“ nannten. Den Begriff prägte der Schriftsteller Léon-Paul Fargue, er sollte eine menschliche Spezies bezeichnen, die der Sinn für Literatur, Kunst und Musik sowie gutes Essen charakterisiert: zu ihnen zählten auch Eric Satie, Francis Poulenc und Valéry Larbaud. Solange nur möglich unterliefen sie die Repression der NS-Besatzung, ohne Genehmigung las bei Monnier zuletzt noch der unabhängige Denker Paul Valéry aus „Mon Faust“, seit seiner Gedächtnisrede für den Philosophen Henri Bergson galt er als persona non grata. Der Blick auf die Geschichte kann schmerzhaft werden, erhellt und befruchtet aber zudem die Gegenwart.
- Uwe Neumahr. Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940. Zuflucht und Widerstand. C.H.Beck 2025




