Hymnen auf die Kraft der Liebe: Im Gespräch mit den Sportfreunden Stiller
Die Sportfreunde Stiller stehen für 30 Jahre Jubel, Trubel, Heiterkeit. Bei einer Show der Münchner fühlt man sich wie
Die Sportfreunde Stiller stehen für 30 Jahre Jubel, Trubel, Heiterkeit. Bei einer Show der Münchner fühlt man sich wie in einer Fußballarena. Peter S. Brugger, Rüdiger „Rüde“ Linhof und Florian „Flo“ Weber sind aber mehr als eine reine Spaßcombo; auf ihrem Jubiläumsalbum „Happy Birthday!“ schlagen sie auch ernste Töne an. Die Musik changiert zwischen grungigen Gitarrenriffs, wummernden Beats, Punk-Pop und Stadionhymnen. Mit Schlagzeuger, Romanautor („You´ll never walk alone“, „Grimms Erben“) und Sportwissenschaftler Flo Weber (52) sprach Olaf Neumann über die Bandkrise, Freundschaft und die teuerste Fußball-WM aller Zeiten.
Kultur Joker: Die Sportfreunde Stiller sind seit 30 Jahren im Showbusiness. Mit welchen Gefühlen begehen Sie Ihr Bandjubiläum?
Florian „Flo“ Weber: In erster Linie mit positiven Gefühlen. Es ist ja ein Geschenk, wenn man mit Freunden so lange leidenschaftlich Musik machen kann. Nichtsdestotrotz sind wir nicht nur Kumpels, sondern wir haben da auch etwas Geschäftliches am Laufen. Dazu gehört genauso Marc (Liebscher), unser Manager, der seit dem zweiten Konzert dabei ist. So lange so funktionieren zu können, lässt uns mit Demut auf das Ganze blicken. Wir wissen das zu feiern, aber wir sind uns bewusst, dass es nicht nur Höhen gibt bei solch einer gemeinsamen Fahrt.
Kultur Joker: Das Showbusiness ist für viele Künstler ein hartes Pflaster, oft verbunden mit enormem Leistungsdruck, Konkurrenzkampf und der Herausforderung, sich ständig neu zu erfinden. Wie hält man das durch?
Weber: Als wir damals versucht haben, die ersten Schritte zu meistern, herrschte ein enormer Erwartungsdruck seitens der Plattenfirma, aber auch seitens uns. „Happy Birthday!“ ist das erste Album, das wir ohne Plattenfirma aufgenommen haben. Nichtsdestotrotz haben wir natürlich Erwartungen. Und so schwimmt man in einem Geschäft, das ich ungern als Haifischbecken betiteln will, weil unser Verhältnis zu unserer langjährigen Plattenfirma stets super war. Natürlich schielt man nach links, nach rechts, wer kommt, wer geht, wer veröffentlicht gerade, mit wem werden wir verglichen, wer haut wieder auf uns drauf? Aber über die Jahre entwickelt man eine Souveränität und ist sich bewusst, auf was man zählen kann bei der eigenen Band, bei der eigenen Leistung.
Kultur Joker: Welche Rolle spielt Freundschaft bei Ihrer Band?
Weber: Die Freundschaft ist bei uns sehr wichtig. Aber sie wurde vor einiger Zeit auf den Prüfstand gestellt. Umso toller, dass wir das gemeinsam gemeistert haben, indem wir uns immer besser kennengelernt, mehr geschätzt und besser verstanden haben, was den anderen stören könnte. Das muss man in einer Freundschaft aber erst lernen. Das Eis war bei uns so dünn, dass es in der Phase ab 2017 auch anders hätte ausgehen können.
Kultur Joker: Was machen Sie seitdem anders?
Weber: Es herrschte drei Jahre lang Pause. Wir haben in dieser Zeit nicht miteinander gesprochen. Unser Manager meinte immer wieder, wir sollten uns wenigstens einmal pro Jahr treffen. In der Band gab es unterschiedliche Meinungen. Peter war kraftlos, und ich wollte unbedingt nach vorne. Rüde hätte auch lieber weitergemacht. Wir mussten erst einmal die Perspektive des anderen einnehmen, was wir bis dahin selten getan haben. Es war ja immer ein gemeinsamer Schwung nach vorne, auch wenn es da schon Stagnationen gab. Nach der Bandpause haben wir uns im Proberaum verabredet. Wir steckten die Gitarren ein und wussten, wenn das jetzt nicht klappt, dann könnte es das gewesen sein. Nachdem wir auf YouTube nachgeschaut hatten, wie unsere eigenen Akkorde gehen, wussten wir sofort, was uns gefehlt hat. Was wir jetzt anders machen, ist auf alle Fälle, dass wir viel eher erkennen, wenn einer von uns sich unwohl fühlt.
Kultur Joker: In „Hey Buddies!“ fragen Sie, was der Hass schon gebracht habe. Ist Hass ein Thema, mit dem Sie sich intensiver beschäftigen?
Weber: In der Debatte innerhalb der Gesellschaft kommt man nicht umhin, sich damit auseinanderzusetzen. Wir waren schon immer eine Band, die die Liebe hochgehalten hat, die Zuneigung, den Zusammenhalt. Im Gegenzug entsteht eine Reibung, wenn man über das Negative spricht, was auch wichtig ist. Hass hat in der heutigen Gesellschaft nichts verloren, ist allerdings im Übermaß vorhanden. Warum neigen Menschen dazu, sich dahin zu begeben? Das ist die Frage, die sich uns aufdrängt. Letztlich hatte der Hass noch nie einen Effekt außer Katastrophen. Als musikalisches Sprachrohr hinterfragen wir diesen gesellschaftlichen Hang oder Drang zur Empörung, zum Aufstand, zum grundsätzlich dagegen sein.
Kultur Joker: Versuchen Sie immer, den Hörern etwas zu liefern, was ihnen keine heile Welt vorgaukelt, aber trotzdem nicht nur „miesepeterich“ rüber kommt?
Weber: Uns wird vorgeworfen, dass wir immer diesen positiven Blick auf die Welt haben, wir tragen das aber in uns. Selbst wenn wir in den dunkelsten Schatten forschen und Lieder über Missstände schreiben, kommt spätestens im vorletzten Satz eine Wendung. Wir sind für das Finden von Lösungen, für eine konstruktive Sicht auf die Dinge. Das kommt eigentlich in jedem Lied aus uns heraus. Also gern Punk, aber immer mit einer Idee, wie man aus der Scheiße herauskommt oder vielleicht gar nicht erst hineinkommt.
Kultur Joker: „Happy Birthday!“ ist nach Jahrzehnten bei der Musikindustrie die erste Veröffentlichung auf Ihrem eigenen Label Sportfreunde Stiller Records.
Weber: Wir hätten vielleicht sogar bei derselben Plattenfirma nochmal anheuern können, denn die Zusammenarbeit war immer spitze. Wir haben das genossen. Aber unser Manager Marc kam mit uns zusammen zu der Erkenntnis, dass wir es jetzt mal ohne Plattenfirma versuchen sollten. Es könnte ja sein, dass das viel Spaß macht oder dass es spannende neue Aufgaben gibt. Wenn es erfolgreich ist, ist es für einen unabhängigen Künstler auch finanziell besser. Das war aber nicht der Aufhänger.
Kultur Joker: In dem Lied „Vergiss mir die Zukunft nicht“ heißt es: „Wir sind hier noch lange nicht fertig“. Wie blicken Sie in die Zukunft?
Weber: Ich versuche, positiv zu bleiben. Wir als Band haben die Möglichkeit, das Ganze in Liedern zu verarbeiten, was ja nicht jeder kann. So mancher muss das schlucken, in sich reinfressen oder sich von dem Ganzen abwenden. Wir haben auch Möglichkeiten zu helfen, leichter als andere Menschen. So haben wir zum Beispiel den Kulturkonvoi (www.kulturkonvoi.com) ins Leben gerufen. Vor allem Rüde ist da sehr intensiv engagiert. Da werden Gelder und Gegenstände gesammelt und in die Ukraine gebracht. Kultur Joker: Waren Sie auch schon in der Ukraine?
Weber: Ich war noch nicht dabei, aber Rüde schwärmt davon. Als er das letzte Mal in Lwiv war, gab es allerdings Luftalarm. Leider haben viel zu wenige das, was in der Ukraine geschieht, auf dem Schirm. Dort wird unsere Freiheit verteidigt. Es liegt an uns, die demokratische Fahne hochzuhalten. Das geht beim aufeinander Achten los. Oder bei der Tonalität. Wenn ich mir so manche Politiker vor allem hier in Bayern anschaue, wie die mit Leuten von anderen Parteien umgehen. Dann denke ich immer, eigentlich sollten wir doch alle zusammenhalten. Politisch streiten ja, inhaltlich reiben, bitte sehr. Aber als Volksparteien in der grundsätzlichen Haltung zusammenstehen. Im Verbund gegen Rechts stabil bleiben.
Kultur Joker: Wünschen Sie sich, dass der Sport und seine Verbände in einer Welt, in der Demokratie und Menschenrechte mit Füßen getreten werden, politischer auftreten?
Weber: Der Sport kann viel stärkere Zeichen setzen, als er sich zutraut. Von wegen Sport ist nicht politisch. Diese Aussage finde ich völlig falsch. Sport war schon immer politisch. Sport ist mit seiner Haltung politisch. Er ist kompetitiv. Klar spiegelt das auch eine Reibung wider. Deswegen finde ich es wichtig, dass große Sportler sich politisch äußern sollten. Das müssten auch Verbände tun. Gerade der DFB müsste das besser moderieren. Es ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Umsichtigkeit und Souveränität, wenn man sich äußert. Aber das Geld ist offenbar so vorherrschend, dass sich das keiner traut. Schade.
Kultur Joker: DFB-Präsidiumsmitglied Oke Göttlich hat eine Debatte über den Umgang mit der Fußball-WM in den USA und einen möglichen Boykott Deutschlands entfacht. Wie denken Sie darüber?
Weber: Das ist eine Äußerung, die vielleicht im Affekt entstanden ist. Dennoch finde ich sie diskutierenswert. Der DFB müsste sich mit den größten europäischen Verbänden zusammentun, dann könnte man so etwas anstoßen. Wenn Deutschland nicht dabei ist, lachen die Fifa und Trump wahrscheinlich. Aber es wäre sicher effektiv, wenn die sieben wichtigsten europäischen Verbände sich zusammentun und eine starke Stimme für Menschenrechte und gegen Ausgrenzung bilden würden, vor allem auch gegen Korruption. Aber dazu bräuchte es eine einheitliche europäische Meinung.
Kultur Joker: Die Fifa sprengt alle Grenzen zu Gunsten der totalen Kommerzialisierung: 225 Dollar für einen Parkplatz in den USA, 11.500 Dollar für ein Ticket.
Weber: Wenn Fußballfans für den Transport vom Hotel zum Stadion 120 Dollar zahlen müssen, wundere ich mich, dass überhaupt noch jemand vorhat, rüberzufahren. Das zerstört den Sport komplett. Das Problem ist nur, den Fußballsport finde ich so schön, den will ich mir nicht nehmen lassen. Man kann sich darüber aufregen, aber wenn Deutschland gegen Curaçao spielt, werde ich leider Gottes wieder einschalten, weil ich den Fußball und die Spannung so liebe.
Kultur Joker: Die Sportfreunde Stiller sind bis Ende Oktober auf Jubiläumstournee. Können Sie sich noch an Ihr erstes richtiges Konzert erinnern, an den Auftritt, mit dem alles begonnen hat?
Weber: Ich erinnere mich ziemlich gut an unser erstes Konzert. Es war am 9. Februar 1996 im Jugendzentrum Knast in Germering. Sechs Lieder von uns, eine Zugabe, ziemlicher Krach. Wir haben uns Endkrass genannt und uns danach aufgelöst. Unser späterer Manager Marc stand als Gast im Publikum. Er war als DJ ein Bekannter von Peter. Und er meinte, wir müssten schon weitermachen. Wer weiß, wo wir jetzt wären, wenn Marc damals nicht im Publikum gewesen wäre.
Kultur Joker: Vielen Dank für das Gespräch!
Am 24. Juli, 20 Uhr, stehen die Sportfreunde Stiller auf der Bühne des ZMF-Zirkuszelt. Weitere Infos: zmf.de
Foto: Die Sportfreunde Stiller Foto: Ingo Pertramer




