In der Archäologischen Sammlung erzählt eine Ausstellung vom Pferdekopf des Parthenon
Als Archibald Archer 1819 malte, wie die Marmorskulpturen des Parthenons in London einem interessierten Publikum präsentiert wurden, war der
Als Archibald Archer 1819 malte, wie die Marmorskulpturen des Parthenons in London einem interessierten Publikum präsentiert wurden, war der Verkauf längst in trockenen Tüchern. Drei Jahre zuvor hatte der Staat Lord Elgin die antiken Werke für das British Museum abgekauft, der sich mit dem Transport von der Athener Akropolis nach London finanziell übernommen hatte. Auf Archers Bild hängen an den Wänden der temporären Ausstellungshalle die Friese, eine Marmorurne steht zentral im Raum, der Flussgott Ilisos ist zu erkennen und zu Füßen des Dionysos steht fast ein bisschen unscheinbar ein Pferdekopf. Das Maul ist weit aufgerissen, die Augen quellen hervor, die Ohren sind angelegt, das Tier wirkt ausgesprochen angespannt. Eine Kladde mit Zeichnungen lehnt am Pferdkopf. Er steht auf einem Keil, denn eigentlich ist er nach unten geneigt. Derzeit ist er das Sujet einer Sonderausstellung der Archäologischen Sammlung der Universität Freiburg. „Modell Mondpferd“ heißt sie, denn das Pferd – von ihm gab es nie mehr als den Kopf – zieht Selenes Wagen in den Ozean, womit der Mond die Sonne ablöst. Am Ostgiebel des Parthenon war die Geburt der Athene links vom beginnenden Tag, rechts vom endenden Tag gerahmt.
Dass das Interesse in London derart groß war, hat viele Gründe. Die englische Oberschicht war von Kultur fasziniert, aber auch sportsmen genug, um Gefallen an den muskulösen Griechen zu finden. Man begeisterte sich zu der Zeit fürs Boxen und für Faustkämpfe und natürlich für den Pferdesport. Pferderennen gab es auf der Insel früher als auf dem Kontinent und mit George Stubbs auch einen Maler des 18. Jahrhunderts, der Pferde sezierte, um die des Adels so naturalistisch wie möglich abbilden zu können. Wenn also irgendwo die Naturtreue des antiken Bildhauers Phidias hochgeschätzt wurde, dann hier. Man identifizierte sich in England derart mit diesen „Elgin Marbles“, dass bei diesem Namen auch niemand mehr an die Akropolis denken muss.
Doch wer in der Archäologischen Sammlung um eines der Modelle des Pferdekopfes geht, erkennt deutlich, dass die Helfer des Lord Elgin die Klammer, mit der der Pferdekopf befestigt war, wenig behutsam gelöst haben. Man sieht an Werkzeugspuren, dass Teile des Marmors weggeschlagen wurden. Die Klammern waren nötig geworden, weil ein Erdbeben 426 v. Chr. die Skulpturen am Giebel gelockert hatten, das ganze Ensemble rückte, nachdem es gesichert wurde, zu beiden Seiten nach außen. Für den Pferdekopf hieß das, dass das Maul des Tieres noch dramatischer hervorkragte. Während im British Museum aufgrund fehlender Skulpturen vor allem der rechte Teil des Giebels frei und vereinzelt gestellt ist, kann man in der Archäologischen Sammlung nachvollziehen, wie der Kopf im Giebel platziert war. Das erklärt eine Art Falz auf der Unterseite des Kopfes und dass Schmuck an der Mähne, der vermutlich aus Bronze war, entfernt wurde, weil er nicht mehr in den Giebel passte.
Die Sonderausstellung, die aus einem Seminar hervorging, zeigt nicht nur, was sich alles an Gipsabgüssen über das Original ablesen lässt, sondern auch, wie die Antike durch diese vergegenwärtigt wurde. Es muss ein gutes Geschäft gewesen sein, von ausgesuchten Objekten, wie dem Pferdekopf, Abgüsse herzustellen. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts gab es eine Abguss-Werkstatt im Louvre, in der Folge wetteiferten Paris und London um die besseren Ergebnisse. Der älteste Gipsabguss in einer universitären Sammlung in Deutschland kam aus dem Louvre. Niemand anderes als Goethe hatte ihn für Herzog Carl August bestellt. Goethe hätte ihn gern in Weimar gesehen, doch er gelangte nach Jena in die Anatomische Sammlung. Auch für Goethe verschmolz sich im Pferdekopf Natur- und Kunstgeschichte. Für ihn war der Phidias zugeschriebene Pferdekopf Inbegriff eines Pferdes. Zugleich war es für ihn eines der „herrlichsten Reste der höchsten Kunstzeit“.
Modell Mondpferd. Wie ein Fragment des Parthenon zum berühmtesten Pferdekopf der Antike wurde. Archäologische Sammlung, Herderbau, Tennenbacher Str. 4, Freiburg. Mo-Do 14-18 Uhr. Bis 26.07.26
Foto: Das Pferd, zu dem der Kopf gehört, zieht Selenes Wagen in den Ozean, womit der Mond die Sonne ablöst © Archäologische Sammlung der Univ. Freiburg / Foto N. Schwarz




