Gedanken aus der Hängematte
Wenn in Freiburg die 40-Grad-Marke gebrochen wird, hilft alles nichts mehr: Eis wird zum Grundnahrungsmittel, die Geschwindigkeit auf Schneckentempo
Wenn in Freiburg die 40-Grad-Marke gebrochen wird, hilft alles nichts mehr: Eis wird zum Grundnahrungsmittel, die Geschwindigkeit auf Schneckentempo gedrosselt und der Kopf schaltet in den Standby-Modus. Während ich diese Zeilen schreibe, summt mein Laptop besorgniserregend laut in meinem Schoß – ich selbst habe mich in die Hängematte verkrochen. Homeoffice – nennen wir das mal so. Und während mir die Sonne auf den Schädel knallt, kocht der ein oder andere streitbare Gedanke hoch.
Beim morgendlichen und abendlichen Zähneputzen lade ich regulär Lanz, Maischberger & Co in mein Badezimmer ein – vormals Debattenformate. Rente, Arbeitsmarkt, Ab- und Einwanderung (aber bitte bloß nicht zusammen gedacht!), Krieg, Steuern. Harter Tobak bei den Temperaturen. Fast so wenig zumutbar, wie faschistisch anmutendes „Send them back!“-Gegröle im europäischen Parlament. Letztere ergötzen sich daran, dass nun auch Kinder in neu geschaffene Abschiebezentren außerhalb der EU gesteckt und mit Haftstrafen von bis zu 24 Monaten rechnen dürfen. Da kann man nur hoffen, dass wir selbst nie um Hilfe bitten müssen.
Apropos Hilfe. Nach der ruft die deutsche Wirtschaft, die nach Jahren der Stagnation und Krisen nicht mehr auf die Beine kommt. Da kommt die Arbeitszeitdebatte ums Eck. Während uns Fritze Merz mit erhobenem Zeigefinger faul nennt, steigt auf der anderen Seite der Krankenstand. Klar, eine unangenehme Debatte. Wer aber einmal einen Blick in die Betriebe wirft und ganz arg ehrlich zu sich selbst ist: Krankmachen kennen wir alle. Und das ist beim Einzelnen dann gar nicht so dramatisch. Aber weil es eben nicht beim Einzelnen bleibt, kommt auf die Masse eine Menge liegen gebliebener Arbeit. Und wenn in so einem Team aus 5-25 Personen eine Person zufällig alle zwei Wochen Freitag und Montag krank ist (erlebt u.a. bei uns im Team), macht das einen Unterschied. Und geht zur Last derer, die tatsächlich auf die Leistungen der Krankenkasse angewiesen sind. Und auch damit setze ich mich in ein wild summendes Vespennest: Wer ist eigentlich ehrlich mit seinen Homeoffice-Zeiten? Gaaaanz ehrlich? Auf Instagram ernähren sich ganze Accounts von der meme-Fähigkeit des Arbeitszeitbetrugs. Am Ende läuft es aufs gleiche Thema hinaus: Solidarität, nicht nur mit sich, auch mit den Kolleg:innen und der (oh Schreck!) Firma, die das Risiko trägt.
Während mein Laptop „hitzefrei“ ruft, summt mein Gehirn weiter. Risiko – das tragen Frauen täglich. 2024 waren 187.128 Frauen von häuslicher Gewalt betroffen, 53.451 wurden Opfer von Sexualdelikten. Insgesamt 308 gesicherte Femizide wurden verzeichnet. Alles nicht so tragisch, meint Dieter Nuhr in seiner Sendung vom 18. Juni: „Die Wahrscheinlichkeit, bei 300 bis 350 Femiziden pro Jahr auf einen Frauenmörder zu treffen“, sei „praktisch null“. Ein hilfreicher Tipp Nuhrs: „Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr vielleicht einfach erst mal kennenlernt.“ Hahaha, männliches Gegröle im Publikum, Brechreiz vor dem Bildschirm. Da wünscht man sich die Rente mit 63 direkt zurück.
Foto: Julia Volk/pexels





