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Wie ich politisiert wurde (4): Benchi Ottstadt: erst „Letzte Generation“, dann Gründer von „Living for Future Freiburg“

Authentisches zu erfahren über die persönliche politische Sozialisation – und so Anderen eine Orientierung zu geben: Das ist das

Wie ich politisiert wurde (4): Benchi Ottstadt: erst „Letzte Generation“, dann Gründer von „Living for Future Freiburg“

Authentisches zu erfahren über die persönliche politische Sozialisation – und so Anderen eine Orientierung zu geben: Das ist das Ziel dieser Serie. Heute danken wir Benjamin Ottstadt für seinen eindrücklichen Be­richt. Martin Flashar

Wie ich politisiert wurde
Meine Mutter ist die entscheidende Person auf meinem Weg, politisch aktiv zu werden. Sie hatte immer einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn – einen Kompass, den ich mir bei ihr abschaute. Schon in Wyhl half sie mit, den Bau des Kernkraftwerks zu verhindern. Sie ging und geht regelmäßig auf Demonstrationen. 2021 blockierte sie schließlich gemeinsam mit mir und anderen Mitgliedern der Letzten Generation die Freiburger B31, um die Politik zu mehr Klimaschutz zu bewegen.
Heute, mit 46 Jahren, ist mein Ziel klar: Ich möchte mein Leben dem Schutz unserer Lebensgrundlagen widmen. Übrigens: Mein Leben ist dadurch nicht enger geworden, sondern freier, tiefer und sinnerfüllter.

Außenseiterrolle als Vorteil
Als Handwerkersohn war ich im Gymnasium der „Bauer vom Dorf“, unter meinen damaligen Hauptschulfreunden hingegen „der Intellektuelle vom Gymnasium“. So entstand schon früh meine Identität des „integrierten Außenseiters“. Diese Rolle begleitete mich auch im Philosophiestudium, da ich nicht so eloquent über Tierethik sprechen konnte wie meine humanistisch hochgebildeten Kommilitonen. Dafür war ich stolz darauf, nach dem Seminar in der Mensa nicht das Fleisch aus Massentierhaltung zu essen, dessen Leid wir gerade noch analysiert hatten. Vielleicht hat gerade diese angenehme Außenseiterrolle meinen Weg zum Vollzeitklimaaktivisten begünstigt. Denn wer gewohnt ist, nicht ganz dazuzugehören, kann leichter bestehende Konventionen infrage stellen und mit Verhaltensweisen brechen, die von der Mehrheit als selbstverständlich angesehen werden.

Ich riskierte meine Existenz
Der Wendepunkt kam 2021. Gemeinsam mit meinen Schülerinnen schaute ich das YouTube-Video „Die Zerstörung der CDU“ von Rezo. Danach nahm ich mir ein Sabbatjahr, um der Frage auf den Grund zu gehen: Wie groß ist die Gefahr der Klimakrise wirklich? Ein halbes Jahr lang beschäftigte ich mich intensiv mit wissenschaftlichen Studien und den Argumenten von Klimakrisenleugnern. Was ich erkannte, erschütterte mich zutiefst. Das Ausmaß der Klimakrise übertraf alles, was ich mir bis dahin vorgestellt hatte. Es zog mir den Boden unter den Füßen weg – und zwang mich zugleich, auf dem Boden der wissenschaftlichen Realität anzukommen.
Auf meinem YouTube-Kanal „Benchi – New World“ teilte ich mein Wissen und dachte, dass die Menschen ihr Handeln verändern würden, wenn sie die Dringlichkeit der Lage erkennen würden. Doch die Landung in der sozialen Realität war hart: Die Menschen lobten meine Videos, machten aber anschließend weiter wie bisher. Was nützt Wissen über eine existenzielle Krise, wenn daraus kein Handeln folgt? Als Mitglied der Letzten Generation wollte ich deshalb mit zivilem Ungehorsam politischen Druck aufbauen. Als verbeamteter Gymnasiallehrer riskierte ich damit meinen Beruf und so die Sicherheit meiner Familie, denn unser finanziertes Zuhause wäre ohne meinen Beruf nicht bezahlbar gewesen. Trotzdem konnte ich nicht tatenlos zusehen, wie die Lebensgrundlage meiner Kinder und zukünftiger Generationen zerstört wird. Also setzte ich mich auf die Straße.

Neue Wege des Engagements
Nachdem die Letzte Generation gescheitert war, weil die gesellschaftliche Bereitschaft nicht ausreichte, um die politischen Weichen rechtzeitig für wirksamen Klimaschutz zu stellen, stand ich erneut vor der Frage: Wie kann ich mich wirksam für unsere Lebensgrundlage einsetzen?
Zunächst versuchte ich, an meiner neuen Schule etwas zu bewegen. Wir Lehrerinnen und Lehrer haben eine Vorbildfunktion und einen Bildungsauftrag für nachhaltige Entwicklung. Mein Versuch, Kolleginnen und Kollegen zum gemeinsamen Handeln zu bewegen, stieß jedoch überwiegend auf Ablehnung. Der Wunsch nach einem gemütlichen „Weiter so“ war stärker als die Bereitschaft, sich mit der Dringlichkeit der Klimakrise auseinanderzusetzen. Das wurde für mich zu einer Sackgasse. Schließlich sah ich mich gezwungen, meinen geliebten Beruf als Lehrer aufzugeben. Für mich war es nicht mehr möglich, meinen Schülerinnen und Schülern in die Augen zu schauen und gleichzeitig zu wissen, dass ihre Zukunft zunehmend zerstört wird. Ich wollte einen neuen Weg finden und kaufte ein Haus in Freiburg, um eine For-Future-WG zu eröffnen.

Ein Haus für den Wandel
Das For-Future-Haus ist heute eine Wohngemeinschaft und ein Ort für Klimaschutz und gemeinschaftliches Engagement. Sieben Menschen leben dort mietvergünstigt und bringen sich im Gegenzug zwei bis drei Stunden pro Woche in Klimaschutzprojekte ein. Klimaschutz wird hier nicht als Verzicht oder Protest verstanden. Es geht darum, gemeinsam zu erleben, dass ein anderes Leben möglich ist – und dass Veränderung sogar Freude machen kann.
Regelmäßig finden Klimaschutz-Barcamps statt. Aus einem entstand die Idee einer Verschenke-Hütte: Menschen können Dinge abgeben, die sie nicht mehr brauchen, und andere können sie kostenlos mitnehmen. Was für die einen überflüssig geworden ist, bekommt für andere einen neuen Wert, und Ressourcen werden geschont. Die Casita Haslach wurde vor Kurzem eingeweiht und fand auch in der Lokalpresse Aufmerksamkeit. Rund um das Haus hat sich inzwischen eine Living-for-Future-Community mit vielen Menschen gebildet. Gemeinsam ist ihnen die Idee, dass Veränderung nicht nur gefordert, sondern im Kleinen bereits gelebt werden kann.
Mittlerweile gibt es viele weitere Projekte. Eines davon läuft gerade an der französischen Atlan-tikküste: Auf dem Campingplatz in Le Gurp werden Workshops und Konzerte mit Klimaschutzbezug angeboten, bei denen man sich direkt engagieren kann. Urlaub, Gemeinschaft, Kultur und Klimaschutz werden miteinander verbunden. Genau das ist mir wichtig: Klimaschutz soll nicht Angst machen, sondern Menschen zusammenbringen und Hoffnung geben.

Vom kleinen Keim zur großen Wirkung
Aktuell stellt sich für mich die Frage: Wie können aus diesen kleinen Keimen größere gesellschaftliche Veränderungen entstehen? Bei der Letzten Generation hatten wir versucht, mit einem großen politischen Hebel Veränderungen anzustoßen. Living for Future geht einen anderen Weg: Nicht der große Wurf steht im Mittelpunkt, sondern die Aktivierung von Menschen im Kleinen.
Die Erfahrungen aus dem ersten For-Future-Haus zeigen, dass dieses Prinzip funktioniert. Deshalb wurde in Freiburg inzwischen eine zweite For-Future-WG eröffnet.
Warum sollte dieses Prinzip auf Freiburg beschränkt bleiben? Überall in Deutschland werden Wohnungen frei oder Häuser verkauft. Wer davon weiß, kann selbst etwas beitragen: uns darüber informieren oder die Wohnung selbst anmieten oder kaufen und nach dem Living-for-Future-Prinzip Menschen dazu befähigen, sich für Klimaschutz zu engagieren. Wir sind gerne bereit, unsere Erfahrungen weiterzugeben.

Meine Erkenntnis
Sich der Realität der Klimakrise zu stellen, lohnt sich, denn diese Auseinandersetzung kann uns helfen, grundlegende Fragen über unser Leben zu beantworten. Wozu bin ich hier? Was für ein Mensch möchte ich sein? Und wie würde ich mich verhalten, wenn ich dieser Mensch wäre? Mit jedem mutigen Schritt, den wir gehen, erhalten wir mehr Freiheit und Sinn in unserem eigenen Leben – unabhängig davon, wie viel wir im Außen damit bewirken. Daher: Nur Mut!

Benjamin Ottstadt
(Kontakt: info@benchi.world)

Foto: jetzt For-Future-Haus in Haslach, 2026 Foto: privat

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Martin Flashar