Drei Bücher für den Leseherbst: Buchtipps aus der Redaktion
Rückkehr nach LembergEs ist nicht üblich, für den Leseherbst ein Buch zu empfehlen, das nicht zu den Neuerscheinungen gehört.
Rückkehr nach Lemberg
Es ist nicht üblich, für den Leseherbst ein Buch zu empfehlen, das nicht zu den Neuerscheinungen gehört. Aber es gibt einen aktuellen Anlass, Philippe Sands 2017 erschienene Spurensuche in Freiburgs ukrainischer Partnerstadt Lviv in Erinnerung zu rufen. Der berühmte Anwalt für Menschenrechte erhält in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In „Rückkehr nach Lemberg“ verknüpft er seine Familiengeschichte mit der Erkundung zweier Begriffe, die ihren Ursprung in der Ermordung der Juden durch den NS-Staat haben: Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Genozid. Zwei Juristen, die in Lemberg lehrten, bevor sie ins Exil gezwungen wurden, haben parallel an einer Einordnung der nationalsozialistischen Verbrechen gearbeitet: Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin. Ausgangspunkt des Buchs ist Sands Großvater Leon Buchholz, der von Lemberg nach Paris emigrieren konnte und sehr alt wurde. Sands entwickelt seinen hervorragend recherchierten Stoff wie ein Mosaik mit wechselnden Perspektiven, das sich dank seiner Fähigkeit, spannend zu erzählen, zu einem lebendigen zeithistorischen Panorama zusammenfügt. In diesem fehlt nicht die Geschichte vom Aufstieg des Juristen Hans Frank zum Generalgouverneur in den besetzten polnischen Gebieten, zu denen auch Lemberg gehörte. Mit Franks Sohn Niklas besucht Sands 68 Jahre später den Saal 600 des Kriegsverbrecherprozesses in Nürnberg, in dem die Alliierten über die NS-Verbrecher zu Gericht saßen und Lauterpacht und Lemkin um die Anwendung ihrer Kategorien rangen. Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Genozid? Die Auseinandersetzung darüber hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren.
Philippe Sands: Rückkehr nach Lemberg. Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Eine persönliche Geschichte. Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2019 (6. Auflage 2026). 590 Seiten, 19 Euro.
Besser als nie
Stefan Thome, Jahrgang 1972, muss vom Grenzgang so fasziniert sein, dass er ihm aus der Ferne – seit 18 Jahren lebt er in Taiwan – einen zweiten Roman gewidmet hat. 17 Jahre nach seinem Debüt „Grenzgang“ setzt er dessen Geschichte mit „Besser als nie“ fort. Die Zeiten haben sich geändert: Das traditionsreiche Volksfest in seinem Heimatort Biedenkopf, im Roman Bergenstadt genannt, ist in die Kritik geraten. Denn in dessen Zentrum steht der Mohr. Der auch so geschminkt wird. Blackfacing! Während auf deutschen Bühnen diese Praxis vor Jahren als rassistisch entlarvt wurde, wollen die Traditionalisten im Grenzgangsverein nichts davon wissen. Das ist Zündstoff für einen Roman, der die Auseinandersetzung zwischen Brauchtum und postkolonialer Kritik aus der Perspektive verschiedener Figuren entfaltet. Und die gesellschaftliche Wirklichkeit im Jahr 2022 in den Blick nimmt. Geschiedene und Patchwork-Familien bevölkern Thomes Roman. Es braucht etwas, bis man die Beziehungsverhältnisse durchschaut, aber dann folgt man den Figuren mit Anteilnahme. Wird der Bürgermeister der Konfrontation mit der Reporterin des HR standhalten? Wie tritt er seiner Trans-Tochter gegenüber? Stefan Thome wirft einen scharfen, am Ende versöhnlichen Blick auf die Verhältnisse in der deutschen Provinz.
Stefan Thome: Besser als nie. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 490 Seiten, 28 Euro.
Königin der Nacht
Lukas Bärfuss ist der wichtigste zeitgenössische Schweizer Autor. … erhielt er den Büchnerpreis, nun ist er mit seinem neuen Roman für den Schweizer Buchpreis nominiert. „Königin der Nacht“ ist eine ziemlich gnadenlose Auseinandersetzung mit seiner Mutter, die am Rand der Gesellschaft lebte und in die Dominikanische Republik auswandern musste, weil ihre Rente für ein Leben in der Schweiz nicht reichte. „Eine Mutter ist, was man nicht loswird“: So steht es in dem „kurzen Buch über meine Mutter“. Deshalb wurde es geschrieben. Über eine Mutter, die man sich so nicht wünschen kann. Die den halbwüchsigen Sohn in einer leeren Wohnung zurücklässt. Mit der er sein Leben lang nicht reden kann. Die seine Kinder nicht kennt. Die ihn nicht haben wollte. In kurzen Sätzen umreißt Bärfuss das Porträt einer Frau, für die Konventionen nicht gelten. Die weiter nicht vom Bildungsbürgertum seiner Leser entfernt sein könnte. Es ist ein schmerzhaftes, ein wahres Buch. Wer in der Schweiz kein Geld hat, gilt nichts. Und doch ist diese Mutter ungebeugt. Eine Königin der Nacht. Eine schwarze Sonne. Der Sohn trägt ihr am Ende mit diesem Buch seine Liebe nach.
Lukas Bärfuss: Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter. Rowohlt Verlag, Hamburg 2026. 126 Seiten, 22 Euro.
Bettina Schulte
Foto: Haziq Farooqi/Pexels




