Interview Veranstaltung

Weibliche Komplizinnenschaft: Drei Fragen an… Laura Braun, Lisa Christ und Karo Bender (Sisters of Comedy)

Das Format „Sisters of Comedy“ findet einmal jährlich auf verschiedenen Bühne in Deutschland zur gleichen Zeit statt. Hier heißt

Weibliche Komplizinnenschaft: Drei Fragen an… Laura Braun, Lisa Christ und Karo Bender (Sisters of Comedy)

Das Format „Sisters of Comedy“ findet einmal jährlich auf verschiedenen Bühne in Deutschland zur gleichen Zeit statt. Hier heißt es am 9. November, 20 Uhr im Freiburger Vorderhaus: Komikerinnen in die Offensive! In Zeiten, in denen erneut über Frauenrechte und Meinungsfreiheit diskutiert wird, zeigen Frauen auf verschiedenen Bühnen, wie man Kunst und Humor zur Waffe umschmieden kann. In Freiburg stehen Laura Braun, Lisa Christ und Karo Bender auf der Bühne.
Die wortgewandte Freiburgerin Laura Braun wagt sich mit unverkennbarer Stimme und pointiertem Klavierspiel in die dunkelsten Momente ihrer eigenen Lebensgeschichte. Feministisch, pointiert und gnadenlos ehrlich wird es mit Lisa Christ (Zürich) und Karo Bender (Bremen) gibt Einblicke in die düsteren Ecken unserer Gesellschaft: dreckig, erbarmungslos und saukomisch.
Jede Show der „Sisters of Comedy“ spendet einen Teil der Eintrittsgelder an lokale Frauenhilfsprojekte, in Freiburg an die Frig (Freiburger Fachstelle Intervention gegen häusliche Gewalt). Elisabeth Jockers befragte Laura Braun, Lisa Christ und Karo Bender im Vorhinein der Show.

Kultur Joker: Welche ganz persönlichen Rituale, Gedanken oder Marotten erden Sie in den letzten zehn Minuten vor Ihrem Auftritt?

Laura Braun:In den letzten zehn Minuten vor dem Auftritt ziehe ich meinen Hut auf, das ist für mich die Verkleidung und das Wissen, dass ich jetzt nicht mehr die Privatperson sondern die Künstlerin Laura Braun bin. Meistens lese ich noch ein Gedicht (immer das Gleiche, „Dein Kleid“) von dem Liedermacher und Poeten Max Prosa: „Sorge dich nicht, meine Seele / Ob dir der Auftritt heut glückt / Aus Licht ist das Kleid, das du anhast / So bist du längst prächtig geschmückt / Auf dich wartet, was du geformt hast / Denn du wächst daran empor / Steigst auf die höhere Stufe / und trittst durch ein weiteres Tor.“

Kultur Joker: Humor kann auch eine Art frühe Überlebensstrategie sein oder dazu beitragen, Themen zu verarbeiten. Gibt es eine prägende Erinnerung oder eine bestimmte Beobachtung aus Ihrer Jugend, die Ihren Blick auf Autoritäten, Rollenbilder oder Widersprüche geschärft hat?

Lisa Christ: Humor ist sicherlich eine Bewältigungsstrategie für mich – ich war schon als Mädchen laut und unangepasst, das eckt an. Auf der Bühne waren diese Eigenschaften erwünscht und kamen gut an. Ich habe zudem schon früh angefangen, Texte zu schreiben, um mein Erleben und meine Emotionen zu verarbeiten. Dass hinter meinen intensiven Gefühlen (auch) eine ADHS steckt, habe ich erst später im Leben entdeckt. Während meiner Jugend hat mich das Schreiben und Auftreten gerettet.

Karo Bender: Ich habe früh festgestellt, dass Autorität und Kompetenz zwei Dinge sind, die sich nicht zwangsläufig überschneiden müssen. Nur weil jemand Macht hat, heißt das noch lange nicht, dass er verantwortungsvoll damit umgeht. Manche Menschen halten sich allein deshalb für überlegen, weil sie älter sind, einen Titel tragen oder eine Führungsposition bekleiden.

Ich habe wenig Respekt vor Hierarchien um ihrer selbst willen. Jeder Mensch hat ein gewisses Maß an Respekt verdient und alles darüber hinaus muss er sich durch sein Verhalten verdienen.

Ich bin mit einer sehr wütenden Mutter aufgewachsen und meine Geschwister und ich haben früh gelernt mit Witzen zu beschwichtigen, Situationen erträglicher zu machen oder indirekt zu zeigen: „Guck mal, so lächerlich verhältst du dich gerade“.

Kultur Joker: Wo verläuft die Grenze zwischen Provokation und reinem Schockwert? Gab es schon einmal eine Pointe, die Sie verworfen haben, weil sie sich falsch anfühlte?

Karo Bender: Ich liebe Provokationen. Ich finde es ausgesprochen unterhaltsam, wenn Menschen vor Empörung die Gesichtszüge entgleisen. Allerdings ist Provokation allein noch kein guter Witz. Eine Pointe muss vor allem lustig sein. Wenn ich nur jemanden schockieren möchte, kann ich mich auch nackt in die Fußgängerzone stellen. Humor darf unbequem und geschmacklos sein und auch Grenzen überschreiten. Entscheidend ist für mich, ob die Pointe funktioniert. Je düsterer das Thema ist über das man Witze macht, desto besser muss die Pointe sein. Ich verwerfe Punchlines nur, wenn sie nicht funktionieren und nie aus moralischen Gründen. Wenn jemand meine Punchlines verwirft, dann sind das höchstens die Cutter beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Kultur Joker: Welche Kunstform abseits der Comedy inspiriert Ihre Arbeit?

Lisa Christ: Ich lese viele Sachbücher zu feministischen Themen und habe einen Hintergrund in visueller Kunst. Tatsächlich konsumiere ich gar nicht so viel Comedy in meiner Freizeit. Inspiration finde ich im Alltag, der Natur, ich lese viele Bücher und bin Literatur-Fan, aber auch Filme, Serien und Popkultur interessieren mich. Vorbilder sind oft Persönlichkeiten, die (trotz Öffentlichkeit) reflektiert, ehrlich und in dem was sie machen ungekünstelt sind. Und vor allem: Frauen.

Kultur Joker: Das Format „Sisters of Comedy“ bündelt unterschiedliche Stimmen an einem einzigen Abend. Was bedeutet diese Form von weiblicher Komplizenschaft für Ihre Arbeit? Was passiert, wenn Konkurrenzdenken durch Solidarität ersetzt wird?

Laura Braun: Die weibliche Komplizinnenschaft ist für meine persönliche Arbeit elementar, weil ich in einem männlich dominierten Arbeitsumfeld beschäftigt bin. Das bedeutet, dass es zum einen zu wenig Plätze für Frauen gibt, da es sehr viele entscheidungstragende Männer in der Branche gibt, die sich mit den männlichen Artists häufig besser identifizieren können und sie (so meine Erfahrung) auch in ihrem künstlerischen Schaffen positiver bewerten. Zum anderen, dass ich bei Veranstaltungen nicht selten die einzige Frau bin. Durch weibliche Komplizinnenschaft können wir gemeinsam daran arbeiten, Zugänge und sichere Räume für Frauen und Flintas zu schaffen. Das ist für den künstlerischen Ausdruck meiner Meinung nach unabdingbar.

Ich finde es aber auch sehr wichtig immer wieder zu betonen, dass das Geschlecht nur eine Form von Zugangsbeschränkung in einer immer noch erstaunlich homogenen Branche ist und ich mich deswegen nicht nur mit Frauen solidarisiere, sondern auch mit allen anderen, die erschwerte Zugänge haben. Das sind u.a. Menschen mit Behinderung oder Menschen die von Klassismus, Rassismus oder Queerfeindlichkeit betroffen sind. Konkurrenz finde ich im künstlerischen Bereich sowieso unsinnig. Ich glaube, dass wir durch die Solidarisierung mit unterrepräsentierten Gruppen in der Bühenlandschaft einen wichtigen Hebel haben, um Identifikationsfiguren zu schaffen und damit auch eine stärkere Solidarisierung innerhalb der Gesellschaft.

Kultur Joker: Vielen Dank für die Antworten.

Weitere Infos & Tickets: www.vorderhaus.de/programm/sisters-of-comedy-nachgelacht

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