Kunst

Die Galerie für Gegenwartskunst im E-Werk zeigt eine Einzelschau des Basler Künstlers Michel Winterberg

„Why does no one listen to me? System change. Black lives matter. Fight for your right.“ Kaum hat man

Die Galerie für Gegenwartskunst im E-Werk zeigt eine Einzelschau des Basler Künstlers Michel Winterberg

„Why does no one listen to me? System change. Black lives matter. Fight for your right.“ Kaum hat man eine Parole gelesen, ploppt die nächste in einer anderen Schrifttype auf. Es sind gängige politische Forderungen oder auch mal ein Lamento, warum eigentlich niemand einem zuhört. Man kennt sie aus einschlägigen politischen Diskussionen, vor allem aber aus dem Netz. In der Galerie für Gegenwartskunst im E-Werk Freiburg stehen sie auf einem kleinen Display über einem gekreuzigten Bronze-Jesus. Und da das eigentliche Kreuz fehlt, sieht es aus als hielte die Figur die Forderungen in Form eines Banners hoch. Würde ein charismatischer Religionsführer heute solche Slogans predigen? Oder ist Hightech die neue Religion? Michel Winterberg ist in Basel eine feste Größe der Netzkunstszene. Seit den 1990er Jahren macht er elektronische Musik, von 2009 bis 2012 hat er am Hyperwerk studiert. In der Galerie für Gegenwartskunst ist derzeit seine Einzelausstellung „Drifting Futures“ zu sehen. Und da viele von Winterbergs Arbeiten politisch zu verstehen sind, gehörte sie zum begleitenden Programm des Festivals Performing Democracy.
Ein Großteil der Arbeiten von Michel Winterberg, der 1972 in Basel geboren wurde, sind eigentlich Kommunikationsmodelle und beruhen auf solchen. „Political Jesus“ spricht uns direkt an und die Kochtöpfe seiner Installation „Nimmersatt, das Spiel mit den Hungrigen“ reagieren auf Bewegungen. Wird der Sensor ausgelöst, heben sie den Deckel, das sieht dann etwas nach einem grotesken Konzert aus oder nach der Aufforderung, gefälligst den Topf zu füllen. In „Weapon Rain“ aus dem Jahr 2023 wird zusammengebracht, was zusammengehört: die Waffenproduktion mit den Auswirkungen des Krieges. Während sich der hellblaue Bildraum mit Flugzeugen, Bomben und Ölfässern füllt, werden Zahlen eingeblendet, Italien etwa steht auf Rang sieben der waffenexportierenden Nationen und im Jahr 2022 wurden 1,2 Millionen Menschen aus Myanmar vertrieben oder verschleppt. Nichts bleibt auf dieser Welt ohne Auswirkungen, alles ist mit allem verbunden. In den Anfängen der Kybernetik hatte das noch einen optimistischen Klang.
Doch Winterbergs Modelle veranschaulichen auch Störungen und Prämissen. Das „Pendel für sieben Monologe“ besteht aus sieben elektronischen Geräten wie Netzteile und Röhrenfernseher, die auf einer Holzleiste stehen und zwei Lautsprechertrichtern, die wie ein Pendel angestoßen werden können. Unterschiedlich hohe und tiefe Töne sind zuhören und es scheint als hingen sie mit der Pendelbewegung zusammen. Doch tatsächlich nimmt ein Sensor die elektromagnetischen Wellen wahr, die von den Geräten ausgehen und die wir ansonsten nicht wahrnehmen würden. Was sie auslösen und welche konkreten Auswirkungen sie auf uns Menschen haben, bleibt hier offen. Bei drei goldüberzogenen Plastikbananen auf einem Holzsockel, aus denen regelmäßig Wasserdampf ausgestoßen wird, ist Michel Winterberg expliziter. Nicht zuletzt aufgrund Weichmacher in Plastik sank in den letzten Jahren in den Industrienationen die Fruchtbarkeit der Männer. Und nicht grundlos sehen auch die Eis essenden Frauen unter und neben riesigen Pilzen seiner Serie „Licking Ice Dream under a Large Mushroom“ völlig albern aus. Die Bild generierenden KI-Modelle spiegeln den Sexismus des Netzes wider und derer, die diese Programme entwickeln. Michel Winterbergs Modelle haben sehr besonderen Rückkoppelungsphänomene, sie zeigen, wo etwas nicht stimmt. Dass elektronische Geräte und Programme sehr viel Energie brauchen, wie stark wir die Meere verschmutzen, dass Misogynie sich in frauenverachtenden Bildern ausdrückt und dass Waffen nicht umsonst produziert werden.

Michel Winterberg, Drifting futures. Galerie für Gegenwartskunst, E-Werk, Eschholzstr. 77, Freiburg. Freitag 17-20 Uhr, Sa 14-20 Uhr, So 14-18 Uhr. Bis 5.07.26

Foto: Michel Winterberg: „Otherworld“, 2026, Foto: Michel Winterberg

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Annette Hoffmann