Vertrauen als tägliche Praxis: Drei Fragen an … Tim Behren, Choreograf und Künstlerischer Leiter der Kompanie Overhead Project
Hier geht es nicht um Monster. Oder doch? Mit „Beasts & Bodies“ entwirft die Kompanie Overhead Project eine eindrucksvolle
Hier geht es nicht um Monster. Oder doch? Mit „Beasts & Bodies“ entwirft die Kompanie Overhead Project eine eindrucksvolle Performance zwischen zeitgenössischem Tanz und Akrobatik. Es ist eine Einladung, jenen flüchtigen Gestalten zu begegnen, die in uns auftauchen, wenn Nähe an ihre Grenzen stößt und Vertrauen zur Herausforderung wird. In einer Atmosphäre aus Neonzirkus und Jahrmarkt-Glitch trotzt das Stück der Schwerkraft. Am 13. Juni, 20 Uhr, gastiert die Kompanie im Freiburg E-Werk. Elisabeth Jockers stellte Tim Behren, Choreograf und Künstlerischer Leiter der Kompanie Overhead Project, drei Fragen. Ein Gespräch über Nähe, Risiko und das, was entstehen kann, wenn wir uns einander zumuten.
Kultur Joker: In der Beschreibung des Stücks heißt es: „Hier geht es nicht um Monster. Oder doch?“ Welche „flüchtigen Gestalten“ oder inneren Monster tauchen auf der Bühne auf, wenn menschliche Nähe an ihre Grenzen stößt?
Tim Behren: Wenn ich mit Menschen über das Stück spreche, fange ich meist mit einer Gegenfrage zum Titel an: „Beasts & Bodies“. Spricht der Titel dich an, was löst er bei dir aus? Da kommt meist gleich eine ganze Menge an Bildern und Referenzen aus der Filmwelt oder der Popkultur. Das ist direkt die erste Ebene, die bei dem Wort Biester aufploppt, sie spricht unsere Fantasie an, dieses beeindruckende, vielleicht auch erschreckende und zugleich faszinierende Ungezähmte, Impulsivität, Bilder roher Kraft und sehr viel Energie.
Davon ausgehend hat uns die Nahbarkeit von Körpern interessiert, ausgehend von unserer akrobatischen Arbeit, in der wir zwar versuchen Situation körperlich zu kontrollieren, aber uns auch nie ganz sicher sein können, ob das klappt. Und daraus ergeben sich dann andere Strategien, aufeinander zuzugehen. Sich zuzumuten, sich anzuvertrauen, ein gemeinsames Risiko eingehen. Ich denke, dass es ein Stück über Vertrauen und verschiedene Formen des Miteinander geworden ist. Und für die Ankündigung haben wir uns entschieden, direkt diese Bilder mit anzusprechen, die beim Titel – bewusst oder unbewusst – aufploppen.
Kultur Joker: Eure Handschrift verbindet Tanz mit Akrobatik. Wenn Körper fliegen, fallen und sich umschichten: Wie nutzt ihr die Akrobatik als Metapher für das existenzielle Risiko, das wir eingehen, wenn wir uns einem anderen Menschen anvertrauen? Welche Möglichkeiten eröffnet sie?
Tim Behren: Vertrauen ist für uns die Baseline in der Partnerakrobatik. Im Training und während unseren Proben wird es zur täglichen Praxis. Es ist eine gegenseitige Abhängigkeit beim Tragen und sich Tragen lassen, die ein Lesen der anderen Körper und eine ständige Form von Caring für das Gegenüber und für die anderen Menschen im Raum voraussetzt. Ich denke genau das überträgt sich auch auf das Publikum in unseren Arbeiten. Genau dieser Aspekt ist für mich auch eine der Besonderheiten von Zeitgenössischem Zirkus und der Grund, warum es so eine große Aufmerksamkeit für diese Kunstform gibt.
Über die Akrobatik haben wir im wortwörtlichen Sinne die Möglichkeit, Brücken zu bauen, über Nähe Verbindungen zu schaffen – etwas das uns auf der Weltbühne der Politik und in Fragen gesellschaftlichen Zusammenhalts gefühlt immer mehr zu entgleiten scheint.
Kultur Joker: Simon Bauers musikalische Komposition trägt die Performance. Wie fängt die Musik diesen Zustand zwischen dem „leisen Auftauchen“ intimer Momente und dem „lautstarken“ Ausbruch von Grenzen ein?
Tim Behren: Mit dem Komponisten Simon Bauer arbeiten wir schon seit über zehn Jahren eng zusammen. Die Musik ist nicht Begleitung, sie ist integraler Bestandteil der Arbeit, zusammen mit der Choreografie und dem Licht und schafft verschiedene Atmosphären und Räume, die wir mit dem Publikum in dem Stück durchlaufen. Stellenweise wird die Musik selbst zum Biest als Antagonist der Körper auf der Bühne. Die Musik eröffnet aber auch Räume des „Biests“ in Richtung von Cyborgs, automatisierten Bewegungs-Abläufen und Fragen des Unkontrollierbaren von Künstlicher Intelligenz. Und manchmal ist die Musik auch einfach dafür da, uns mit einem Augenzwinkern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.
Kultur Joker: Herzlichen Dank für die Antworten!
Weitere Infos und Tickets: ewerk-freiburg.de
Foto: Kompanie Overhead Project




