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Ums Lagerfeuer: Onur Karaoğlu inszeniert am Theater Freiburg seine Uraufführung „Love Western“ selbst

Betriebe man jetzt ein bisschen Critical Fabulation, könnte man diese Bar irgendwo im Westen der USA im 19. Jahrhundert

Ums Lagerfeuer: Onur Karaoğlu inszeniert am Theater Freiburg seine Uraufführung „Love Western“ selbst

Betriebe man jetzt ein bisschen Critical Fabulation, könnte man diese Bar irgendwo im Westen der USA im 19. Jahrhundert einfach mal Stonewall nennen. Zwischen ein paar Kakteen, einer Feuerstelle, stehen schließlich genug Steine und Felsen genug herum auf der Bühne des Kleinen Hauses (Bühne: Doruk Çiftçi). Und auch das anstehende Duell zwischen dem südbadischen Einwanderer und dem herbeigerufenen berüchtigten Revolverhelden einfach in Wohlgefallen auflösen. Der eine zog aus, um zu leben und zu lieben, wie es ihr gefällt, die andere zog Männerkleidung an. Ist einfacher, wenn man sich unter Cowboys und Sheriffs Respekt verschaffen will. Am Ende von Onur Karaoğlus „Love Western“ (Übersetzung: Irina Bondas), der am Theater Freiburg im Mai uraufgeführt wurde, lehnen sich Laura Palacios und Hale Richter Rücken an Rücken aneinander. Heimat ist da, wo die Suche nach Solidarität in das Finden von Gefährten endet. Schön, wenn sich zwei oder gleich die ganze queere Community so den Rücken stärkt. So kann man das reale Stonewall mit der Polizei-Razzia 1969 und den darauffolgenden Unruhen getrost vergessen. Vor allem aber das unsägliche Jahr 2033, in dem Theater nach Gnade des Staates gespielt wird.
Aber diese kleine Utopie macht eben nur etwa ein Drittel von Karaoğlus Stück aus, der es auch gleich selbst inszeniert hat. Es wäre nicht abendfüllend gewesen, aber mit den satirischen Elementen, den Überzeichnungen des Westernstils in Form von reifengroßen Cowboyhüten, den Soundeffekten und Hale Richters Nummer mit dem Turnpferd die komischere und kurzweiligere Variante des realen Abends, der gut eineinhalb Stunden dauert.
Eingebunden ist diese kleine, aber hübsche Geschichtsklitterung (aber was wissen wir überhaupt, was sich so alles am Lagerfeuer damals ereignet hat) in die nahe Zukunft. 2033 sind Theater weitestgehend abgeschafft, bis auf dieses eine in Dayton, Ohio. Die Geschichte kennt Dayton als Ort, an dem das gleichnamige Abkommen zur Beendigung des Jugoslawienkrieges ausgehandelt wurde. Im Jahr 2033 kennt man Dayton, wegen der Aufführungen aus der „Enzyklopädie der Werte über dem Gesetz“. Wir sind beim Band vier Queer angelangt. Das Ensemble, das mit diesem staatlichen Auftrag mehr schlecht als recht seine Legitimation bestreitet (Laura Palacios, Melina Pyschny, Hale Richter, Anja Schweitzer, Matthieu Svetchine und Andy Zondag), quält sich durch die Vorstellung und die Pflicht, Anwesenheitslisten zu führen. Das Freiburger Publikum sieht es vor allem im Profil, denn es spielt die imaginären Zuschauer in Dayton an. Anlass ist der Aufruhr dort vor fünf Jahren nachdem ein Standesbeamter sich geweigert hatte, die lesbische cis Frau Emily und die lesbische trans Frau Costar zu verheiraten. Wir lernen daraus, ist ein historisches Ereignis wie Stonewall nicht aufgearbeitet, neigt die Geschichte zu Wiederholungen. Das Ensemble in Jeansvariationen (Kostüm: Carolin Pflüger) kämpft hingegen gegen die staatliche auferlegte Wiederholung an. Lustlos werden am Overheadprojektor Folien abgearbeitet und Kassetten eingelegt. Dahinter ist ein Fragment einer Bühne zu sehen. Die Darstellerinnen und Darsteller tragen das rote Büchlein der Enzyklopädie immer bei sich, besonders Melina Pyschny und Andy Zondag werden nicht müde, es hochzuhalten, während Anja Schweitzer provoziert. Man klatscht pflichtschuldig und füllt die Tafel mit den Namen und Fotos von Paaren – Shakespeares Nebenfiguren sind leichter auseinander zu halten.
Überhaupt weiß man nicht recht, was man von diesem Staat denken soll. Ist er ein Verteidiger der queeren Community, um sie ihren Kritikerinnen und Kritiker auszuliefern, befinden wir uns in einer Art „1984“ oder überhaupt in einer konservativen Wende? Doch weder das eine noch das andere wirkt auch nur einigermaßen plausibel und durchdacht, so dass sich der erste Teil sehr lang anfühlt und sich irgendwo zwischen Ermächtigung und Ensembleaufstand verliert.

Weitere Vorstellungen: 21. Juni, 3./8. und 11 Juli, Kleines Haus Theater Freiburg

Foto: Anja Schweitzer in „Love Western“ © Philip Frowein

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Annette Hoffmann