Die Seele der Fotografie: Das Neue Kunstmuseum Tübingen zeigt eine Retrospektive des Fotografen Steve McCurry
Als der junge Fotograf Steve McCurry 1979 nach Indien reiste, wollte er zunächst sechs Wochen bleiben. Mit einem kleinen
Als der junge Fotograf Steve McCurry 1979 nach Indien reiste, wollte er zunächst sechs Wochen bleiben. Mit einem kleinen Koffer, seiner Kamera und einigen Filmen im Gepäck tauchte er in die Tiefen der indischen Seele ein, nicht ahnend, dass ihn diese Reise zu einem der bekanntesten Fotografen unserer Zeit machen sollte. Denn was als kurzer Aufenthalt geplant war, wurde zu einem zweijährigen Abenteuer. In Pakistan begegnete McCurry einer Gruppe afghanischer Flüchtlinge, die ihn, während der sowjetischen Invasion, nach Afghanistan schmuggelten. Über Monate hinweg lebte McCurry unter den aufständischen Mudschaheddin. Getarnt mit traditioneller Kleidung und vollem Bart dokumentierte McCurry als einer der ersten Journalisten die Brutalität des Krieges. Bevor er nach Pakistan zurückkehrte, nähte er besagte Filmrollen in seine Kleidung ein – 1980 erschienen die ersten Aufnahmen in der New York Times und in Geo.
In den darauffolgenden Jahren dokumentierte McCurry die schrecklichen Folgen des Krieges und reiste in die afghanischen Flüchtlingslager nach Pakistan, wo er 1984, im Schulzelt des Camps Nasir Bagh, der etwa 12-jährigen Sharbat Gula begegnete.
Es sind diese tiefgrünen Augen, deren Blick die Besuchenden durch die Retrospektive von Steve McCurry im Neuen Kunstmuseum Tübingen verfolgen. Als würden sie eine Mahnung aussprechen wollen, versammelt sich in ihnen die tiefe Trauer und das Entsetzen eines ganzen Volkes. Das Portrait des afghanischen Mädchens gehört heute zu den bekanntesten Fotografien überhaupt. In Tübingen ist dem Portrait eine eigene Wand im Zentrum der Ausstellung gewidmet, dennoch wird schnell klar: McCurrys Werk geht weit über dieses Portrait hinaus. Im Laufe der vergangenen 47 Jahre hat der Fotograf alle sieben Kontinente bereist und dabei ein Oeuvre geschaffen, das kriegerische Konflikte, verschwindende Kulturen, jahrhundertealte Traditionen sowie moderne Supermetropolen dokumentiert. Im Zentrum der Mensch.
Neben dem Portrait des Mädchens zeigt die Schau zahlreiche Aufnahmen aus Afghanistan. Facetten eines Landes und einer Bevölkerung, das seit Jahrzehnten von Krieg gezeichnet ist. Mindestens zwei Millionen Witwen leben heute in Afghanistan – ein Foto dokumentiert trauernde Frauen an einem Grabstein. Man möchte wegschauen, um diesen intimen Moment nicht zu stören. Zugleich ist klar: Wegsehen hilft nicht. 1992 dokumentiert McCurry die Zerstörung der Stadt Herat durch russische Bombardements. Ruinen, in denen kleine Feuer auflodern. Die Bewohner kehren zurück. „Dieses Bild erzählt viel vom Geist des afghanischen Volkes“, schreibt McCurry. „Es ist ein Geist, der sich keiner Widerwärtigkeit beugt.“ In Beirut (Libanon, 1992) fotografiert er Kinder auf einem Spielplatz. Spielplatz? Ein alter Panzer, umgeben von Schutt und Asche.
McCurry zeigt die Abgründe menschlicher Zivilisation, dokumentiert u.a. auch das atomare Unglück in Fukushima. Schönheit und Zerstörung liegen in seinem Werk nah beieinander. Ihm gelingt es, die fotografische Seele im Kern zu treffen: Menschlichkeit so authentisch einzufangen, dass man beim Betrachten der Werke tiefe Demut empfindet. Mal versteckt hinter der Brutalität von Krieg und Katastrophe, dann ganz fein zu entdecken im Glitzern grüner Augen oder der Disziplin junger Shaolin-Kämpfer im berühmten Kloster von Zhengzhou (China).
Im Auditorium ist ein kurzer Dokumentarfilm zu seiner Arbeit inklusive Interview zu sehen: „Man braucht Leidenschaft, um seine beste Arbeit zu leisten. Fotografie ist etwas, das ich bis zum letzten Atemzug tun werde.“
Steve McCurry: Icons. Neues Kunstmuseum Tübingen, Schaffhausenstraße 123, Tübingen. Di-So 10.17 Uhr. Bis 04.10.26
Foto: Spielende Kinder in Beirut, 1992 © Steve McCurry




