Kunst Vision

Horst Antes zum 90. Geburtstag: Eine gewichtige Retrospektive jetzt in Hannover

„Und morgen male ich vielleicht ein Bild“ – dies wunderbare Zitat gab den Titel der Antes-Ausstellung der Kunsthalle Würth

Horst Antes zum 90. Geburtstag: Eine gewichtige Retrospektive jetzt in Hannover

„Und morgen male ich vielleicht ein Bild“ – dies wunderbare Zitat gab den Titel der Antes-Ausstellung der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall 2006. Ja: Horst Antes ist auch heute weiterhin produktiv und arbeitet und macht und tut. Längst ausschließlich nur noch in Sicellino im Chianti in der Toskana (und nicht mehr an seinem einstigen Wirkungsort Karlsruhe). In Italien wurde 1972 die Finca bezogen, nach und nach renoviert und restauriert und zur Wohnstatt einschließlich des Ateliers umgebaut; 1977 / 78 gab es eigens für das Sprengel-Museum eine Serie von 24 Sicellino-Radierungen. Ein großes Waldgrundstück gehört dazu, in dem unterdessen mit viel Liebe ein Skulpturenpark eingerichtet ist. Nach Anmeldung kann man das auch besichtigen.

Die Schau im Sprengel
Nun hat das Hannoveraner Sprengel-Museum eine große Ausstellung für Horst Antes, ohne Zweifel einen der bedeutendsten lebenden deutschen Künstler, realisiert – gleichsam auch eine Retrospektive in dessen 90. Lebensjahr. Der Hintergrund ist besonders: Denn die Kollektion im Sprengel (es ist das Museum weltweit mit dem größten Antes-Bestand) basiert auf einer immensen und nachhaltigen Schenkung. Es ist die bedeutende Sammlung von Wolf und Ursula Hermann aus Bremen. Das Paar vermachte sie dem Museum 1987; hernach wirkte das Legat weiter, so dass bis 2023 kontinuierlich Ankäufe möglich wurden. Der Bestand umfasst heute 85 Gemälde, 14 Skulpturen und über 650 Grafiken. Die grafischen Arbeiten sind nicht wesentlicher Bestandteil der Ausstellung; aber besondere Erwähnung verdient, dass das 7-teilige Ensemble „Garten der Lüste“, das für die Bundesgartenschau Karlsruhe 1967 entworfen war und sich mittlerweile im „Ludwig Forum Aachen“ befindet, weithin ausgeliehen werden konnte – ein sinnlich erfahrbarer „Garten der Lüste“, wie Antes einst untertitelte, noch in der Tradition der Pop-Art. Und der Überblick über das Genre reicht bis in die Gegenwart, auch die, ab 1987 entstandenen ‚Hausbilder‘, meist ohne Fenster und Türen, Metaphern für Rückzugsorte des Individuums, sind präsent.

Hängung wie daheim
Die Präsentation in Hannover ist allerdings schon speziell: Es soll die Atelier-Situation nachempfunden werden. Dabei hängt Antes zunächst seine Bilder oben an der Decke, lässt dann viel Raum frei und stellt weitere Arbeiten am Boden an die Wand.
Der Karlsruher Galerist Thomas Riegger hat denn in engem Kontakt mit dem Künstler einen Tag vor der Vernissage in Hannover einen Video-Call mit Antes realisiert und ihn durch die Ausstellung ‚geführt‘ – und dabei dessn Placet eingeholt. Die Idee ist deutlich: Alles soll zurückgeführt werden auf die Ursprungssituation, wie es halt vor Ort den Anfang nimmt. Indes, in den reichlich sechs Meter hohen Hallen des Sprengels funktioniert das nicht so gut wie daheim im viel niedrigeren Atelier. Die Bilder hoch oben sind nun teilweise nur schwer erkennbar, jedenfalls nicht zufriedenstellend zu studieren – und in der mittleren Wandebene entstehen manche doch störende Leerstellen. Das ändert nichts am gestalterischen Impuls, denn der Gedanke war an sich gut und überzeugend.

Installationsansicht im Sprengel Foto: Herling/Herling/Werner

Die Motive
Als der kürzlich verstorbene Georg Baselitz (geb. 1938) 1969 den Gedanken fand, Figuren und Dinge auf den Kopf gestellt zu malen, war Antes schon einige Jahre zuvor zur Erfindung des Kopffüßlers gelangt. Beides waren figurative Auswege und Neuorientierungen nach dem Abstrakten. Beides wurde für Jahrzehnte in der deutschen und internationalen Malerei enigmatisch und jeweils untrügliches Signet. Zu den häufigsten Motiven bei Antes (Kopf, Schlange, Rohr, Leiter etc.) fand die kunstgeschichtliche Forschung zahlreiche Deutungen. Die Leiter, vielfach auch im Chianti-Garten, ist niemals angelehnt, sie wird ihrer Funktion enthoben, das gedankliche Hinaufsteigen bleibt am Ende absurd, sie weist schlicht nach oben ins womöglich Ungewisse. Der Kunstgeschichtler Michael Schwarz formulierte einmal, dass „der Kopf letztlich das Ich des Malers“ sei (1978). Antes selbst sagte: „Einmal braucht eine Figur ein Auge, ein andermal mehr, eben so viel, dass sie sehen kann“.

Freiburg
Auch in Hannover ist bekannt, dass die im Format größte Arbeit, die Antes jemals geschaffen hat, das „Freiburger Bild“ ist, das einstmals (1974) an der Ostseite der Theaterwerkstätten angebracht war (1997 demontiert und seitdem eingelagert): 106 emaillierte Stahlbleche, 11,70 x 26,60 m. Der neue Ort ist längst gefunden: das Parkhaus des Freiburger Klinikums an der Breisacher Straße. Ein beträchtlicher Zuschuss des Bundes ist bewilligt. Selbst wenn inzwischen die Gesamtkosten, auch aufgrund der aufwändigen Restaurierung des Objekts, gestiegen sind, kann man nur hoffen, dass die Freiburger Kulturverwaltung dies nun wirklich zeitnah hinbekommt – und sei es mit der Hilfe bürgerschaftlichen Engagements, das bereitsteht, jedoch bislang nicht in Anspruch genommen wurde. Der Plan war einst, dies bis zum Jubiläum im Oktober 2026 umgesetzt zu wissen. Das wird jetzt knapp werden, hoffentlich nun aber dann allerspätestens im Jahr 2027! Bei der Eröffnung in Hannover waren Sammler zugegen, auch die Tochter Salomea und Vertreter der „Studienstiftung Horst Antes“ – allen ist die Freiburger Situation bewusst, und sie warten gemeinsam gespannt.

Horst Antes. Eine Sammlung, Sprengel-Museum Hannover, Kurt-Schwitters-Platz, Hannover. Bis 05.07.26

Foto: Horst Antes im Skulpturengarten von Sicellino Foto: Flashar

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Martin Flashar