Wie wir zur Welt kommen: Cosima Dudel und Frieda Wagner haben im Kammertheater „Horsey“ gezeigt
Da ist zweifellos ein Ton im Raum: eine Art stetiges elektronisches Brummen. Und dennoch glaubt man zu Beginn von
Da ist zweifellos ein Ton im Raum: eine Art stetiges elektronisches Brummen. Und dennoch glaubt man zu Beginn von „Horsey“ eine Stille zu spüren. Dabei ist das Duo von Frieda Wagner und Cosima Dudel eigentlich ein Trio. Dritte im Bunde ist Karlotta Frank, die die Bühne des Kammertheaters im E-Werk in einem weißen voluminösen Kleid betreten hat, mit dem sie für einen Kostümfilm bestens ausgerüstet wäre. Später wird sie regelrechte Klangkörper am Keyboard und mit dem Mikro erschaffen. Doch jetzt ist da diese merkwürdige lautstarke Stille. Vielleicht ist es einfach die Spannung, die zwischen den beiden Tänzerinnen herrscht. Wagner fährt Dudel, die den Oberkörper nach vorne gebeugt hat, von hinten mit der Hand durchs Haar, dann übers Gesicht. Es wirkt wie eine zärtliche Erkundung, aber da ist auch eine ruckartige Bewegung, die wie aufgezwungen wirkt. Die beiden tragen Hemdblusen, die eine Adidas-Shorts, die andere kurze Hose mit Fransenreihen.
„Horsey“ dekonstruiert laut Ankündigungstext Heteronormativiät und zelebriert die Vielfalt der Lebewesen und Menschen. Man kann sich aber einfach von der Männerstimme leiten lassen, die Claire A. Nivola zitiert. Sie erzählt von der Menschwerdung, wie jedes Kind auf diesem Planeten lernen muss seinen Körper zu gebrauchen, Arme und Beine zu benutzen und sich aufzurichten. Und sie kündigt an, dass das Leben Vergnügen bereithält, Furcht, Freude und Enttäuschung, Traurigkeit und Wunder. Auch das ist ein bisschen schlicht, doch in der Einfachheit liegt auch etwas Anrührendes. Die Beherrschung des Körpers ist nicht nur die Grundlage für den Tanz, sondern für jede Sinneserfahrung und damit für die Berührung mit der Welt. Das klingt wie ein Leitgedanke des einstündigen Stückes und hier kann dann auch wirklich jeder mit. „Horsey“ integriert Soli wie kleine, sehr unterschiedliche Vignetten. So steigt etwa Cosima Dudel, mittlerweile im Schottenrock, mit einem Mikro in einen Eimer. Sie versucht in den unterschiedlichsten Positionen so viel wie nur möglich von sich in diesem Eimer unterzubekommen, gleichzeitig stößt sie das Mikro in dessen Inneren an Metallobjekte. Knirschende Geräusche entstehen. Wagner wiederum wird ihre Ohrringe ablegen, ein Jabot, Schuhe und eine barocke dunkle Lockenperücke anlegen und sich in eine androgyne Figur verwandeln. Dudel ahmt jede dieser Zurichtungen nach. Jede der folgenden Bewegungen von Frieda Wagner ist eine erotische Pose. Dazwischen fassen sich die beiden an den Händen und rotieren durch den Raum, Frank wird sich zu ihnen gesellen. Oft ist der Körper auch eine Klangquelle. So wird Dudel sich auf den Arm klatschen, auf den Boden werfen und ihren Köper zum Klingen bringen. „Horsey“ ist nicht nur originell, es hat das Ungestüme und Wildes eines jungen Pferdes. Die Intensität vom Anfang hält bis zur letzten Minute an.
Foto: Bis zur letzten Minute zeigt sich „Horsey“ mit großer Intensität Foto: Johanna Brummack




