Im Kunstmuseum Liechtenstein ist das Werk der US-amerikanischen Künstlerin Eleanor Antin zu entdecken
Im Kunstmuseum Liechtenstein bildet Eleanor Antin selbst den Rahmen ihrer Retrospektive. Im ersten Raum ist Antins Fotoarbeit „Carving. A
Im Kunstmuseum Liechtenstein bildet Eleanor Antin selbst den Rahmen ihrer Retrospektive. Im ersten Raum ist Antins Fotoarbeit „Carving. A traditional sculpture“ aus dem Jahr 1972 zu sehen und im letzten das wiederaufgenommene Projekt 45 Jahre später. Carving meint hier den klassischen bildhauerischen Akt. Ein Künstler, meist männlich, schneidet eine Figur aus dem Stein heraus. Doch anstelle eines heroischen männlichen Aktes formt Antin ihren eigenen Körper durch eine Diät. Sie verzichtet nicht nur auf Essen, sie dokumentiert auch über Wochen in vier Fotos, die sie jeweils nackt von vorne und hinten sowie von der Seite zeigen, die Fortschritte. Die nicht wirklich registrierbar sind, aber minutiös schriftlich festgehalten werden.
Antin (*1935) macht sich nicht nur darüber lustig, wie männlich Kunstschaffen konnotiert ist, sondern dass Frauen lediglich der aggressive Akt des Versagens als Haltung gegenüber ihrem Körper bleibt. Ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes, dem Autor David Antin, greift sie die Arbeit wieder auf. 2017 ist Antin 81 Jahre alt. Sie fotografiert sich erneut, diesmal zeigen fünf Fotos ihren Körper, der alt geworden ist, faltig, die Brüste schwer, der Hintern formlos. Es werden 500 Aufnahmen werden. Nun ist es das Leben, das sich in den Körper geschnitten hat. Sie registriert, wie schwer es ihr fällt, Gewicht zu verlieren und zieht eine Verbindung zum Tod des Partners, mit dem sie den größten Teil ihres Lebens zusammen war. Und sie versteht, dass die letzte Konsequenz wäre, zu verhungern. Am Ende von „Carving: 45 Years Later“ steht eine Fotografie, die sie in schwarzer Unterwäsche zeigt, die Hände in die Taille gestützt, ein Umhang fällt über ihre Schultern: eine alternde Frau als Wonderwoman und Überlebende.
Der Körper war die Jahre von 1965 bis 2017, die die Retrospektive in Vaduz beleuchtet, meist ihr Material. Wie ihre Mutter war Eleonor Antin Schauspielerin, der Wechsel von Identitäten, Kostümen und Requisiten wird sich durch ihr bildnerisches Werk ziehen. In „Porträts of Eight New York Women“ die zwischen 1970 und 1971 entstehen, schafft sie eine Art Szenografie für diese acht New Yorkerinnen, zu denen Carolee Schneemann und die Galeristin Noami Dash gehören. Die Assemblagen baut sie im New Yorker Chelsea Hotel auf, diejenige, die Yvonne Rainer gewidmet ist, besteht aus einem Heimtrainer, einem Spiegel sowie einem geflochtenen Fahrradkorb, an dem eine Hupe befestigt ist. Antin reagierte mit diesen Objekten auf den besonderen Charakter des künstlerischen Werks von Yvonne Rainer, der Mitbegründerin des Judson Dance Theater, die in ihre Arbeit als Choreografin alltägliche Bewegungen einbezog. In der Folge wird Antin selbst Rollen schaffen und ihre Selbstinszenierungen mit dem Fotoapparat und der Kamera festhalten. Als feministische Künstlerin verstand sie sich zeitlebens nicht, sie sagte von sich, sie sei ein Konzeptkünstler, der eine Frau war.
Es sind archetypische Figuren, die Antin aufbaut: den König als Repräsentation männlicher Herrschaft, die Ballerina als Inbegriff weiblicher Anmut und die Krankenschwester, irgendwo zwischen Fürsorge und Sexyness. Als „King of Solana Beach“ – Antin war 1968 mit ihrer Familie von New York nach Kalifornien umgesiedelt, wo sie dreißig Jahre als Professorin an der University of California lehr en sollte – ist sie ein Herrscher ohne Land. In romantischer Montur sitzt sie auf einem Sperrmüllsofa vor einer Brache, breitet an einer Klippe die Arme aus als wollte sie die Unendlichkeit ihres Reiches fassen oder sucht die Herrentoilette auf. Ein ganzes Video ist ihren Rollenvorbereitungen gewidmet, es zeigt, wie sie künstliches Haar zu einem Bart trimmt. Antin belässt es jedoch nicht bei Videos, oft ist ihre Referenz die amerikanische Unterhaltungsindustrie, später wird sie abendfüllende Filme drehen, die wie Tableaus wirken und die man getrost zur Campkultur zählen kann. Antin baut Kastenbühnen, in denen sie wie in „Love of a Ballerina“ Kinos einsetzt mitsamt Plakaten, Buchstabentafeln mit verrutschten Lettern und einem Publikum, das nur aus Silhouetten besteht. Und für eine Gruppenausstellung im Jewish Museum New York 1993 produzierte sie mit „Vilna Nights“ eine halb-zerstörte Häuserkulisse, in der drei Videos zu sehen sind, die das vernichtete jüdische Leben in Vilnius aufgreifen. Die Betrachterinnen und Betrachter können den Raum nicht betreten, ihnen sind Perspektiven zugewiesen. Man sollte nicht unterschätzen, wie wichtig Eleanor Antin die Autorschaft über ihr Werk war. Die Retrospektive zeigt dies, vor allem jedoch ein Oeuvre, das in Europa noch nicht die Bekanntheit hat, die es verdient.
Eleanor Antin. Eine Retrospektive. Kunstmuseum Liechtenstein, Städtle 32, Vaduz. Di-So 10-17 Uhr, Do 10-20 Uhr. Bis 27.09.26.
Foto: Eleanor Antin: „The Death of Petronius“, aus The Last Days of Pompeii, 2001 Foto: Sandra Maier © Eleanor Antin / Kunstmuseum Liechtenstein





