Vision

Wie ich politisiert wurde (3): Cornelia Grothe, Geschäftsführerin des Vereins Amica e.V. in Freiburg

Etwas zu hören oder zu lesen bekommen, das Erinnerungsarbeit leistet und politische Erfahrungen über die Generationsgrenzen hinweg transportiert, vielleicht

Wie ich politisiert wurde (3): Cornelia Grothe, Geschäftsführerin des Vereins Amica e.V. in Freiburg

Etwas zu hören oder zu lesen bekommen, das Erinnerungsarbeit leistet und politische Erfahrungen über die Generationsgrenzen hinweg transportiert, vielleicht auch Jüngeren einen Ankerpunkt bietet: Das ist das Ziel dieser Serie. Heute danken wir Cornelia Grothe, die seit 2019 Geschäftsführerin des Vereins Amica e.V. in Freiburg ist, der seit 1993 Frauen und Mädchen in Krisengebieten unterstützt und fördert. Martin Flashar

„Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Ein prägender Leitsatz meines Lebens. Von Kind an war ich für meinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn bekannt – vielleicht auch berüchtigt. Vor allem in der Schule konnte und wollte ich Ungerechtigkeit nicht ertragen. Unterricht fand ich überwiegend langweilig.

Schule und Jugendarbeit
Mit Eintritt ins Gymnasium begann ich, mich als politische Person zu begreifen. In der sechsten Klasse schrieb ich kritische Artikel für die Klassenzeitung, später führten wir zu dritt ein Öko-Audit für Nachhaltigkeit durch, bestreikten die Schule aus Protest gegen eine Oberstufenreform und engagierten uns gegen Krieg und Rassismus. Erfahrungen des Scheiterns. Meine Diskussionsfreude und meine Neugier fanden eine Heimat, als ich 1996 Mitglied eines kritischen Jugendverbandes in der Tradition der Schülerinnen- und Schülerarbeit wurde. Dort lernte ich, wie gemeinschaftliche Selbstverwaltung funktioniert. Diskutieren war unsere Leidenschaft. Wir wollten die Welt verändern. Aber wir mussten feststellen, dass Vielen individueller Wohlstand wichtiger ist als das gute Leben für alle. Aus dieser Enttäuschung wuchs meine Überzeugung, anders bleiben zu wollen. Ich träumte davon, alternative Formen des Zusammenlebens auszuprobieren, eine sinnstiftende Arbeit zu haben und meinen Überzeugungen treu zu bleiben.
Meine Jugend in den 1990er und frühen 2000er Jahren war von einem berauschenden Gefühl der Selbstwirksamkeit geprägt. Barrieren waren dazu da, eingerissen zu werden. Ich glaubte, ich könnte alles erreichen. Ich erinnere mich an eine Auseinandersetzung im Leistungskurs Gemeinschaftskunde: Es gab einen erbitterten Streit mit dem Lehrer darüber, dass unsere Gesellschaft strukturell noch weit von einer Gleichberechtigung der Geschlechter entfernt sei – wobei ich diejenige war, die das verneinte. Rückblickend eine Mischung aus Naivität und Privileg. Von der Wirkkraft patriarchaler Strukturen wusste und merkte ich damals noch wenig. Das sollte sich ändern.

Perspektivwechsel
Trotz familiärer Auseinandersetzungen merkte ich, wie sicher ich aufgewachsen war, als ich nach dem Abitur 2001 einen Friedensdienst mit Eirene absolvierte. Ich lebte in Belfast in einer Frauen-WG und arbeitete in einem Frauenhaus im Norden der Stadt. Dort erlebte ich Elend, Machtlosigkeit und vor allem Leid hautnah. Ich bekam eine Ahnung davon, was Menschen einander antun können und wieviel Kraft es braucht, aus einer Krise heraus auf die Beine zu kommen. Das waren harte Erfahrungen. Ich litt am meisten darunter, Kinder, die mir ans Herz gewachsen waren, zu den gewalttätigen Vätern zurückkehren zu sehen. Am Ende des Jahres entschied ich, meinen ursprünglichen Berufswunsch zu verwerfen und meinen Studienplatz der Sozialpädagogik aufzugeben. Ich fuhr kurzentschlossen nach Freiburg und schrieb mich Minuten vor Ende der Immatrikulationsfrist für ein Magisterstudium der Volkskunde, Erziehungswissenschaften und Gender Studies ein. Sechs Jahre später hielt ich das Abschlusszeugnis in der Hand. Ich konnte mich in abstrakten geschlechtertheoretischen Diskursen verlieren und hatte eine neue Perspektive auf die Welt gewonnen.

Zwischen Familie und Beruf
2009 trat ich in Hannover meine erste Arbeitsstelle im jugendpolitischen Feld an. Mein Einstieg in die Arbeitswelt holte mich in die Realität zurück. Ich musste lernen, mich als junge Frau in einem überwiegend älteren, männlichen Team zu behaupten. Ich vermisste Solidarität zwischen uns Kolleginnen. Entsprechend verhalten fielen die Reaktionen auf meine Schwangerschaft mit Zwillingen aus – gipfelnd in der Aussage, ich könne nach der Elternzeit in Vollzeit auf meine Stelle zurückkommen oder werde anderweitig eingesetzt. Ich teilte die Erfahrung meiner wenigen Kolleginnen, die sich entweder gegen Kinder und für eine Karriere entschieden hatten oder das Arbeitsfeld verließen – wie ich. 2012 kehrte ich nach Freiburg zurück und bekam 2016 unser drittes Kind. Ich führte das Leben einer Hausfrau und Mutter – eine Rolle, die ich nie hatte einnehmen wollen. Ob bewundernd oder kritisch – Mutterschaft wird durchgehend bewertet. Mütter sollen hübsch und entspannt bleiben, während ihre Erziehung konsequent an den Maßstäben anderer gemessen wird. Es sind meine kritisch-liebenden Freundinnen, die mir bis heute helfen, in einem Labyrinth aus gesellschaftlichen Erwartungen und politischen Rahmenbedingungen die Orientierung zu behalten. Mit der Mutterschaft war meine feministische Politisierung endgültig vollzogen.

Kreise schließen sich
Während der Elternzeit hatte ich viel Raum für Engagement und interessante Nebenjobs. Gleichzeitig nagte die Sorge an mir, ob ich je wieder ins Berufsleben zurückfände. Genau im richtigen Moment veränderte eine Stellenanzeige in der BZ mein Leben. 2019 übernahm ich die Geschäftsführung von AMICA, einem Verein, der mit Partnerorganisationen Frauen in Kriegs- und Krisenregionen unterstützt. Ich fand alle Stationen meines Lebens in dieser Stelle wieder: Die Erfahrungen im Frauenhaus im Konfliktgebiet, die wissenschaftliche Ausbildung und mein ehrenamtliches Engagement. Meine Leidenschaft wurde zum Beruf und ich erlebte, dass Arbeiten auch anders geht. Feministischer Idealismus prägt die Kultur im Team, mit Partnerinnen im In- und Ausland und in der Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen. AMICA ist Teil der FABRIK und des solidarischen Miteinanders an diesem besonderen Ort. Meine Kinder besuchen die Freie Demokratische Schule Kapriole. Wir leben im Mietshäuser Syndikatsprojekt Villa Nostra. Unser Gemüse stammt von der solidarischen Landwirtschaft GartenCoop, die gerade einen Hof in Mengen kauft und damit der Vision der Ernährungssouveränität einen großen Schritt näherkommt. Und weiterhin bin ich mit meinen Weggefährt*innen aus dem Jugendverband über das Ferienheim Haslachmühle verbunden, das seit fast 100 Jahren im gemeinschaftlichen Besitz unseres Vereins und zweite Heimat ist.
Selbstverwaltung kostet Zeit und Kraft. Aber Teil dieser wunderbaren Netzwerke zu sein, ermutigt mich jeden Tag aufs Neue. Visionen, Hoffnung und Solidarität prägen mein Leben. Es geht auch anders.
Cornelia Grothe

Foto: Cornelia Grothe im Gespräch mit der sudanesischen AMICA-Partnerin Mai Shatta © Jeannette Petri

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