Nachhaltig

Vorbild Spanien. Neues Schulfach: die Klimakrise im Lehrplan – praktisch und lebensnah

Es muss im Jahr 2003 gewesen sein, als das große, rote Feuerwehrauto in den Hof des Freiburger Kindergartens fuhr.

Vorbild Spanien. Neues Schulfach: die Klimakrise im Lehrplan – praktisch und lebensnah

Es muss im Jahr 2003 gewesen sein, als das große, rote Feuerwehrauto in den Hof des Freiburger Kindergartens fuhr. Es gab viel zu gucken und die Kids wurden spielerisch auf alle möglichen Notfälle vorbereitet. Zum Abschied wurden die fünf W-Fragen nochmals wiederholt: Wer ruft an? Was ist passiert? Wo ist es passiert? … Und, liebe Leser:innen, wie geht’s weiter? Die Kinder konnten alles beantworten, bis der freundliche Feuerwehrmann fragte: „Können wir nun auflegen oder haben wir noch etwas vergessen?“ Eifrig meldete sich der kleine Paul mit seinem bahnbrechenden Beitrag, was man nicht vergessen darf: „Man muss noch „Tschüss“ sagen!“
Lang ist‘s her, der Sommer 2003 mit seiner Hitzewelle Anfang August, die uns das Hoch ‚Michaela‘ reingedrückt hatte – mit geschätzten 70.000 Todesopfern in Europa und einem volkswirtschaftlichen Schaden von geschätzten 13 Milliarden US-Dollar. In Freiburg hingen Bettlaken vor den Fenstern, man konnte trockenen Fußes die Dreisam durchqueren und das AKW Fessenheim wurde von außen geduscht. Dieser Versuch, das Abregeln zu verhindern, was notwendig wurde, um den Rhein mit dem gebrauchten Kühlwasser nicht noch weiter zu überhitzen, scheiterte. Damals, im August 2003, sprach man vom Jahrhundertsommer. Von den darauffolgenden 22 Jahren waren global 19 heißer als 2003. Und während diese Zeilen getippt werden, drosseln in der Schweiz die Reaktorblöcke von Beznau ihre Leistung, die Aare überschreitet die kritische Marke von 25°C.
Im Jahr 2026 ächzt die Welt schon im Juni unter heftiger Hitze. Man mag sich gar nicht vorstellen, dass 2026 in der Rückschau eines der kälteren Jahre sein wird. Die Klimakrise schreitet voran, auch für diejenigen, die sich noch so engagiert blind und taub stellen.

Eine aufgeklärte Bevölkerung rettet im Ernstfall Leben
Gegen das Verschließen der Augen hat man sich nun in Spanien entschieden. Dort kommen seit diesem Jahr regelmäßig Feuerwehrautos und Katastrophenschützer:innen auf die Schulhöfe. In ganz Spanien hat der Klimaunterricht Einzug in den Lehrplan erhalten. Das Land übernimmt die Vorbildrolle, was die Anpassung an die Erderhitzung angeht, denn dort hat man begriffen: Eine aufgeklärte Bevölkerung rettet im Ernstfall Leben. Die Kosten für die Bildungsmaßnahmen sind indes überschaubar. Man müsste halt drüber reden, dass es etwas zu tun gibt. Doch das Brechen des Klimaschweigens fürchtet man nicht nur in Premium-Fossilokratien, wie der Teufel das Weihwasser. Die spanischen Schülerinnen und Schüler lernen, wie man sich auf die Auswirkungen der Klimakrise vorbereitet, praktisch und lebensnah, und je nach Region mit anderen Schwerpunkten. Für manche Gebiete ist es sinnvoller, sich auf Hitze, Wasserknappheit und Waldbrände vorzubereiten, andere lernen eher, was bei Starkregen und Überflutungen zu tun ist. Wieder anderswo spielen klimawandelbedingte Änderungen von Flora und Fauna eine Rolle: Wie schützt man sich von allergischen Schocks bei Eichenprozessionsspinner-Invasionen? Was richten Tigermücken in der Wassertonne im Garten an? Wie hängen Klimawandel, die Lebensweise von Zecken und Krankheits-Überträger-Risiken zusammen?
Auf Freiburg heruntergebrochen hieße das womöglich, sich zum Thema Starkregen-Ereignisse mal die Hochwasserrisiko-Karten anzuschauen. Hier sieht man, welche Schul-Einzugsgebiete von katastrophalen Hochwasser-Ereignissen betroffen sein könnten. In Ruhe und nicht erst beim Eintritt des Ernstfalls könnte man Verhaltensregeln besprechen, z.B. Dokumente und Chemikalien rechtzeitig an sichere Orte bringen, Elektrogeräte ausschalten, keinesfalls in Keller-Räume oder Tiefgaragen gehen, mit dem Auto nicht in Überflutungsbereiche fahren, hilflose Personen im Blick haben. Letzteres ist natürlich in jedem Notfall geboten, egal ob klimabedingt, radiologisch (Stichwort: Schweizer AKW) oder andere Ereignisse.
Natürlich unterscheiden sich die Verhaltens-Tipps und Regeln bei Hitze und Dürren, wo das Vollbad, der Pool im Garten oder die Autowäsche zugunsten des dringend benötigten Trinkwassers verzichtbar werden. Man könnte über biologische Themen wie physiologische Trinkwasser-Mindestmengen für Menschen und Tiere sprechen, über ethische Fragen wie das Kümmern um Mitmenschen oder den gigantischen Wasser-Stromverbrauch von KI-Rechenzentren und die Notwendigkeit für deren grenzenloses Wachstum.
Und natürlich gehören ganz elementare, naturwissenschaftliche Grundlagen zum Verständnis der Klimakrise in den Lehrplan. Welche physikalischen Eigenschaften machen Spurengase wie CO2 oder Methan zu Klimagasen, während Stickstoff, der den Großteil der Gase in der Atmosphäre stellt, selbst mit extremer molekularer Willenskraft nicht in der Lage ist, den Treibhauseffekt anzuheizen? Auch wenn (mindestens) ein Ministerpräsidentschafts-Kandidat nicht in der Lage ist, den Treibhaus-Effekt zu erklären, ist dies kein Indiz dafür, dass Klima-Wissen – Bildung ist Ländersache – nur in Baden-Württemberg hoch-defizitär ist. Laut UNESCO, der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation, die in 100 Nationen Lehrpläne untersuchte, fühlt sich nur ein Drittel der Lehrkräfte befähigt, die Auswirkungen der Klimakrise in ihren Regionen zu erklären. Wenig verwunderlich, in etwa der Hälfte der Lehrpläne herrscht totales Klimaschweigen. So ist es auch nur folgerichtig, dass 70 Prozent der Jugendlichen die Grundsätze des Klimawandels nicht beschreiben konnten. An dieser Stelle sei mal eine Lanze gebrochen für all die engagierten ‚Teachers for Future‘, deren Einsatz wir zu verdanken haben, dass immer wieder kluge Erwachsene berichten, wie prägend und nachhaltig der Input von einer ganz bestimmten Lehrerin, einem ganz bestimmten Lehrer einst war.
„Es ist eben gerade nicht so, dass morgen die Welt untergeht,“ findet der Bundeskanzler.
In den USA kann man gerade in atemberaubender Deutlichkeit sehen, was Premium-Fossilokratien mit Klima-Wissenschaft und Bildung anstellen. Hierzulande ist es in den höchsten Regierungskreisen nicht ganz so plump verlogen und wissenschaftsfeindlich, das Negieren des Handlungsbedarfs kommt subtiler daher – wobei im Vergleich mit den Werkzeugen der Trump-Administration bereits ein Gumm

ihammer wie ein Filigranwerkzeug wirkt. Hier reicht es, wenn man den warnenden Wissenschaftler:innen „Alarmismus“ unterstellt, jede Dringlichkeit mit wolkigem Blabla à la „Technologieoffenheit“ umwabert und die fossil-lobbyistische Wirtschaftsministerin sanft behauptet, Schwerpunkte seien „fast überbetont auf Klimaschutz“ gesetzt worden. Und der Bildungsministerin ist bei der Frage nach dem Klimaschutz wichtig, „unseren Wohlstand nicht zu gefährden“. Leider äußert sie sich nicht zu der Tatsache, dass ‚Business as usual‘ in der Klimakrise der mit Abstand teuerste und aussichtsreichste Weg ist, Wohlstand definitiv zu gefährden.
Apropos „Technologieoffenheit“, ein Begriff für alle, die dann doch von hinten durch die kalte Küche mit Atomkraft um die Ecke kommen: Während im Juni diese Zeilen entstehen, steigt das Thermometer erbarmungslos, französische AKW gehen in die Knie, die Aare bei Beznau erreicht die Abschalt-Temperatur der Uraltmeiler. Der Schweizer Rechtsaußen-Energieminister jammert, man müsse doch jetzt schonmal das per Volksabstimmung festgelegte AKW-Neubauverbot kippen, damit man im Jahr 2050 (!) dann eines gebaut bekäme. Also schauen wir noch mal ins Jahr 2003: 19 von 22 Folgejahren waren heißer als das Jahrhundertsommer-Jahr. Hat die Aare 2050 überhaupt noch Wasser? An alle Atom-Träumer, hier ist eine wichtige Botschaft vom kleinen Paul: „Man muss noch „Tschüss“ sagen!“

Foto: Karikatur von Eva Stegen

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