Das Kunstmuseum Basel Gegenwart hat mit einer spektakulären Ausstellung von Cao Fei wiedereröffnet
Fast könnte man glauben, die lange Schließung des Kunstmuseum Basel Gegenwart sei nicht etwa das Resultat eines Wasserschadens und
Fast könnte man glauben, die lange Schließung des Kunstmuseum Basel Gegenwart sei nicht etwa das Resultat eines Wasserschadens und der anschließenden Reparatur der Klimaanlage gewesen, sondern die Zeitspanne, die es schlicht brauchte, Cao Feis Ausstellung „Testimonies to the Near Feature“ aufzubauen. Denn die Basler Einzelschau der 1978 geborenen chinesischen Künstlerin macht einen nicht nur mit der unmittelbaren Zukunft bekannt, sie funktioniert auch als Sinnbild einer Stadt mit artifiziellen Parkanlagen, Straßen sowie Fabriken und einem Spielplatz mit Bällebad und Federballplatz. Lichtreklame und Tags an der Wand, überall bewegen sich die Bilder, die Wände sind tapeziert, der Boden mit farbigem Teppich ausgelegt. Es liegen Sitzsäcke mit Mustern herum, die zu den Videos passen. Unmöglich, alles zu sehen, jede Querverbindung wahrzunehmen. Das Faltblatt zur Ausstellung verbindet dies zudem mit einem Computerspiel auf verschiedenen Leveln, die sich konkret natürlich als Stockwerke lesen lassen. Da wurde jedenfalls kein Aufwand gescheut.
Die titelgebenden Zeugnisse der nahen Zukunft sind jedoch nicht immer zukunftsweisend. Das hat auch damit zu tun, dass die Ausstellung Arbeiten aus drei Jahrzehnten vereint. Ein Video wie „Cosplayers“ wirkt heute vor allem verspielt, im Jahr seiner Entstehung 2004 war das Phänomen zumindest in Europa noch nicht derart verbreitet. Man schaut hier also eher in die Vergangenheit der Millionenstadt Guangzhou als Jugendliche auf Wiesen, öffentlichen Plätzen zwischen einkaufenden Frauen, aufgeblasenen Kühen und Zebras mit einer Sense herumrennen konnten, Plastik- rüstungen trugen und miteinander kämpften. Ein wenig später sieht man sie zuhause, in kleinen Wohnungen an Küchentischen oder auf dem Sofa. Die Rollenspiele boten eine Flucht aus diesen beengten Verhältnissen und waren vielleicht auch ein Ventil, mit einer sich derart schnell wandelnden Gesellschaft zurecht zu kommen. Die Freiflächen, die sie sich vor zwanzig Jahren angeeignet hatten, sind heute überbaut. Und auch das Areal, das im Video „Rumba II: Nomad“ aus dem Jahr 2015 im Mittelpunkt steht, dürfte erfolgreich vermarktet worden sein. 2015 jedenfalls sieht es aus wie nach einem Erdbeben. Armierungsgitter staken aus dem Beton, Glas ist zersplittert, aus den kaputten Wänden ragt Stroh. Es muss eine der älteren Nachbarschaften in Peking gewesen sein, die dem rasanten Wachstum Chinas oder der Olympiabewerbung anheimfiel. Arbeiter demontieren Häuser, klopfen Steine, vielleicht um sie wiederzuverwerten. Zwei Staubsaugerroboter kreisen über einen Weg, was grotesk wirkt als hätten Maschinen hier die Macht übernommen oder als wäre diesem Schmutz überhaupt jemals beizukommen.
Cao Feis Arbeiten sind nicht sentimental, aber auch nicht ungebrochen fortschrittsoptimistisch. Oft überführt sie Zustandsbeschreibungen des heutigen Chinas ins Surreale, manchmal überlagern sich Dokumentarisches und Fiktives. So stellt sie in der Animation „Super Delivery“ den wachsenden Onlinehandel 2024 in der Ästhetik eines frühen, linearen Videospiels dar. Der Held ist ein Paketbote, der sich bei der Auslieferung gegen Widrigkeiten wie Oktopusse und Matroschkas zu wehren hat. Am Ende übernimmt die Maschine. 2018 hatte sie im Video „11.11.“, das in eine Installation eingebettet ist mit Merchandiseprodukten und einem motorisierten, mit Wassermelonen beladenen Dreirad, die konkreten Widrigkeiten gezeigt. Die Betrachterinnen und Betrachter begleiten die Auslieferer des Logistik-Unternehmens Jingdong durch ihren Arbeitsalltag. Man wird Zeuge, wie sehr sich die traditionelle Hutong-Bebauung der Effizienz eines Logistikunternehmens widersetzt, unter welchem Zeitdruck die Paketboten arbeiten, wie Abholstationen organisiert sind. Cao Fei zeigt, welche soziale Bedeutung die Auslieferer für ältere Menschen haben und deren eigene familiäre Situation, die von wenig Zeit, Sorge um die Kinderbetreuung und die Hoffnung auf einen besseren Job für den Nachwuchs geprägt ist. Dabei bleibt nicht verborgen, wie sehr dieser digitale Kapitalismus mit seiner physischen Realität konkurriert. Das System schaukelt sich durch vermehrte Kaufreize hoch, ohne dass die Arbeitsbedingungen verbessert werden würden. Das Tempo und die Reizüberflutung ihrer Werke sind oft mehr als Beiprodukte, sie sind das Rauschen der Zukunft, die längst in der Gegenwart begonnen hat und Teil des Systems. Doch wenn hier etwas kollabieren sollte, dann zumindest fröhlich.
Cao Fei, Testimonies to the Near Future. Kunstmuseum Basel Gegenwart, St. Alban-Rheinweg 60, Basel. Die bis So 11 bis 18 Uhr. Bis 11.10.26.
Foto: Cao Fei: „Nova 17 (from Nova Series)“, 2019
© Courtesy of the artist, Vitamin Creative Space and Sprüth Magers




