Literatur

Das Gesamtwerk der in Waldkirch lebenden Lyrikerin Eva-Maria Berg ist erschienen

Eva-Maria Berg lebt in Waldkirch und schreibt seit Jahrzehnten Gedichte. Viel weiß man über sie nicht. Auch ihre Homepage

Das Gesamtwerk der in Waldkirch lebenden Lyrikerin Eva-Maria Berg ist erschienen

Eva-Maria Berg lebt in Waldkirch und schreibt seit Jahrzehnten Gedichte. Viel weiß man über sie nicht. Auch ihre Homepage gibt kaum Persönliches preis. Dass sie in der literarischen Szene Freiburgs ein seltener Gast ist, mag vor allem daran liegen, dass die 1947 geborene studierte Germanistin und Romanistin in ihrem lyrischen Schaffen nach Frankreich orientiert ist. Dort – unter anderem in der Zeitschrift Revue Alsacienne de Littérature – erscheinen regelmäßig Gedichte von ihr, sie kollaboriert vor allem mit französischen Künstlerinnen und Künstlern, sucht dort die Begegnung mit anderen Künsten. Seit 2010 sind ihre lyrischen Texte ausschließlich in Frankreich erschienen, zwei- oder auch dreisprachig (Französisch, Deutsch, Spanisch).
In der Edition Isele in Eggingen, deren Verleger Klaus Isele seit Jahrzehnten ein exquisites überwiegend literarisches Programm bietet, ist 2024 und 2025 das lyrische Gesamtwerk von Eva-Maria Berg in zwei dickleibigen Bänden auf Deutsch erschienen: „Gesammelte Gedichte 1979 – 2009“, „Gesammelte Gedichte 2010-2023“. Eine Rückkehr ins Land der Muttersprache? Die schlichten weißen Cover – rubriziert sind die Bände unter „Die weiße Serie No. 5 /No. 6“ sind jeweils mit einem kleinen Foto der Autorin aus unterschiedlichen Lebensphasen versehen, ein Vor- oder Nachwort, das womöglich Aufschluss gegeben hätte über die Gründe für die Zweisprachigkeit der Autorin, sucht man vergebens. Das ist bedauerlich.
So bleibt man bei der Lektüre auf die Texte selbst verwiesen – und darf Vermutungen über deren Provenienz anstellen. Eva-Maria Berg ist eine äußerst produktive Lyrikerin. Auf ihrer – noch im Aufbau begriffenen – Homepage zählt man seit 1983 an die 60 Buchveröffentlichungen: zuerst nur auf Deutsch in kleinen Verlagen wie dem Drey Verlag oder dem Waldkircher Verlag, später dann ausschließlich in Ko-Autorenschaft mit französischen Kollegen, wobei nicht recht klar wird, wer dabei wen übersetzt hat. Klar hingegen ist, dass Berg stets das künstlerische Gespräch, den litearischen Dialog gesucht hat. Vielleicht findet man deshalb kaum einmal ein lyrisches Ich in ihren Gedichten, deren Merkmal eine konsequente Kleinschreibung und vor allem der kurze Zeilenbruch ist: Im Extremfall folgt auf ein Wort bereits die nächste Zeile, meist besteht ein Vers aus nicht mehr als zwei, drei Worten: „anhalten / den atem /ein kinderspiel / früh übt sich / der
abschied“ lauten die ersten vier Verse des Gedichts „ein kinderspiel“.
Eva-Maria Berg ist eine Meisterin des lakonisch verknappten Tons in Gedichten, die oft nur wenige Zeilen umfassen. Die trotzdem stets eine Seite einnehmenden Texte sind von viel Weißraum umgeben, der ihnen Luft zum Atmen lässt. Meist entzündet sich Bergs Lyrik an Landschaftsempfindungen. Diese konkret zu fassen, ist oft nicht möglich. Als atmosphärische Valeurs spielen Meer und Licht eine herausragende Rolle. Es gibt aber auch Sammlungen von Texten, die sich auf Topografien und Orte beziehen. „Andalusien“ ist eine Reihe von Gedichten übertitelt, eine andere „Marseille“. Diese Stadt an der südfranzösischen Küste hat es der Autorin offenbar so angetan, dass 2025 bei Isele unter dem Titel „Massalia – am anderen ende vom meer“ ein weiterer wunderbarer kleiner Band mit Gedichten und eigenen Fotografien erschienen ist: eine Hommage an eine wilde, vielgestaltige Stadt „von sonne betäubt“ „wo all die menschen sind / in all den sprachen“.
Im menschlichen Umgang hat Eva-Maria Berg besonders die Freundschaft zu der Lyrikerin Rosemarie Bronikowski geprägt, mit der sie bis kurz vor deren Tod 2016 im Alter von 94 Jahren mehrfach gemeinsam gelesen hat. Die von der Autorin so genannte „Collage“ mit dem Titel „Hommage à Rosemarie Bronikowski“ – und immer wieder das gespräch“ kündet eindrucksvoll von einer künstlerisch wie menschlich tief reichenden Begegnung. Ästhetisch ragen diese Texte in ihrem erzählerischen Gestus aus Bergs Oeuvre heraus. Sie setzen der um über zwei Jahrzehnte älteren Kollegin und Freundin ein lebendiges Denkmal, in dem auch Bronikowskis Engagement für Strafgefangene zur Sprache kommt. In diesen Texten zitiert Berg einen Satz von Albert Camus, dessen Gültigkeit sie für beide reklamiert: „ich bin Schriftsteller geworden aus Liebe zur Welt und zu den Menschen“.
Ja – auch Eva-Maria Bergs existenzielle Notate, die von der Befindlichket eines Kindes bis zum Erschrecken über die menschliche Isolation in der Covid-Pandemie reichen, künden immer wieder von der Liebe zur Welt und zu den Menschen. „als die lyrik zur sprache / kam ging die zeile / verloren und das wort / machte sich auf die suche“: Schöner und präziser als in diesen Versen, die Bergs Homepage eröffnen, lässt sich kaum fassen, was die Lyrik leistet. Eva-Maria Bergs Lyrik, in der man kein falsches Wort findet. Und ein letztes Gedicht, das die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht aufgibt: „revolution / des herzens gegen / jegliches Unrecht / zu jeder zeit“.

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Bettina Schulte