Ich lasse die Musik einfach fliegen: Im Gespräch mit Fred Hersch, Pianist und Komponist, ECM
Der amerikanische Pianist und Komponist Fred Hersch hat seit seinem Debut in den achtziger Jahren eine lange Diskographie vorgelegt.
Der amerikanische Pianist und Komponist Fred Hersch hat seit seinem Debut in den achtziger Jahren eine lange Diskographie vorgelegt. Die Zusammenarbeit mit dem deutschen Kultlabel ECM kam erst spät: Das Duo-Album „The Song Is You“ mit Trompeter Enrico Rava markierte 2022 den Start dieser inspirierten Phase für den jetzt siebzigjährigen New Yorker. Mit dem Piano Solo-Album „Silent, Listening“ sowie dem Trio-Album „The Surrounding Green“ erschienen danach zwei weitere ECM-Produktionen, jeweils entstanden im Auditorium des Schweizer Radios in Lugano. Am 30. April, 20 Uhr wird der New Yorker Pianist im Rahmen des ECM Festivals im Historischen Kaufhaus in Freiburg spielen. Harald Mönkedieck befragte ihn.
Kultur Joker: Fred, Sie sind im Oktober 2025 siebzig Jahre alt geworden. Hatten Sie Gelegenheit, diesen runden Geburtstag angemessen zu feiern?
Fred Hersch: Oh ja – mit einer Woche Auftritte im Village Vanguard in New York, beginnend an meinem Geburtstag. Auch mit einer Party.
Kultur Joker: Haben Sie versucht, diesen besonderen Geburtstag nicht allzu wichtig zu nehmen oder haben Sie – auch im Hinblick auf ihre Gesundheit – doch intensiver darüber reflektiert?
Fred Hersch: Kurz davor war ich auf Tour in Europa. Eine Woche vor dem Geburtstag auch in Paris, wo ich mir ein paar schöne Tage gönnen wollte. Doch ich landete in der kardiologischen Abteilung eines Krankenhauses. Ich bekam dort zwei Stents, denn ich hatte zuvor Schmerzen in der Brust aufgrund einiger blockierter Arterien. Das war etwas dramatisch. Aber jetzt bin ich dankbar, wieder zu spielen. Ich habe Energie, fühle mich gut, bin recht entspannt. Ich setze mich nicht allzu sehr unter Druck und versuche, Spaß am Spielen zu haben. Etwas Freude zu verbreiten. Was sicherlich ohnehin die Aufgabe für einen Performer und Künstler ist.
Kultur Joker: ECM ist als Label jetzt mehr als ein halbes Jahrhundert alt – genau wie Ihre Karriere als Jazzkünstler. Wie sind Sie damals in den siebziger Jahren auf diese Alben aus Deutschland aufmerksam geworden und welche ECM-Alben waren wichtig aus dieser Ära?
Fred Hersch: 1973/74 war ich ein junger Jazzpiano-Autodidakt aus Cincinnati, Ohio. Ich war damals Kunde in einem Second-Hand-Plattenladen, der auch Neuerscheinungen führte. Ich erinnere aus dieser Zeit zum Beispiel Dave Holland „Conference Of The Birds“, Keith Jarrett „Bremen/Lausanne“ und „Crystal Silence“ von Gary Burton und Chick Corea. „Light As A Feather“ ebenso. Ich war damals immer gespannt auf ECM-Neuheiten. Die Alben hatten einen markanten Look und Sound. Eine eigene Ästhetik. Ich kaufte ECM-Alben voller Vertrauen auch blind. Ich hatte mir später immer gewünscht, selbst einmal für ECM zu arbeiten. Dann brachte vor einigen Jahren mein europäischer Manager mich mit Enrico Rava zusammen für einige Duo-Konzerte. Das bekam Manfred Eicher mit und zeigte Interesse an Aufnahmen, schon bevor wir zusammengespielt hatten.
Kultur Joker: Das bereitete den Weg für die spätere Zusammenarbeit?
Fred Hersch: Ja. Wir verstanden uns gut und es wurde ein schönes Duo-Album mit Enrico. Ich schlug Manfred schließlich vor, ein Solo-Album zu produzieren. In Lugano, in diesem wunderbaren Auditorium. So entstand „Silent, Listening“, eine wunderbare Erfahrung für mich. Manfred ist ein fantastischer Produzent und er hörte dann das Trio mit Drew Gress und Joey Baron. Ich schlug vor, auch dieses Trio in Lugano aufzunehmen. Ich möchte nicht mehr mit Kopfhörern aufnehmen, sondern wie in einem Live-Setting. Es fühlt sich jetzt für mich an wie ein gutes und richtiges Zuhause bei ECM.
Kultur Joker: Wie genau würden Sie die Art der Unterstützung und Regie durch Manfred Eicher während einer Produktion beschreiben?
Fred Hersch: Besonders beim Solo-Album hatte ich mich nicht übermäßig vorbereitet. Ich hatte zwar einige Songs, die ich spielen wollte, doch ich wollte auch Raum für – wie ich es nenne – „spontane Komposition“ haben: offene Improvisation. Das mag Manfred und er weiß immer, wann man etwas sagen sollte und wann nicht. Das ist sehr wichtig. Manchmal braucht man eine Handlungsempfehlung, dann wiederum nicht. Einmal ging er bei der Solo-Produktion auch hinaus ins Auditorium. Das war hilfreich. Man spielt so FÜR jemanden. Ein weiterer Punkt in dem wir übereinstimmen ist: lange war es üblich bei einem Jazzalbum, zehn Tracks in sechzig Minuten zu bekommen. Wir bevorzugen höchstens fünfundvierzig Minuten. Dann hat man zum einen zwei Hälften einer Vinyl-LP, zum anderen entspricht es der geringeren Aufmerksamkeitsspanne von Menschen heute. Das scheint mir eine aktuelle Entwicklung ganz allgemein zu sein. Zurück also in die goldene Ära der Schallplattenproduktion.
Kultur Joker: Ich habe kürzlich das Solo- und das Trio-Album in Gänze gehört und dabei filmische Assoziationen gehabt. In der Vergangenheit ging es auf Ihren Alben oft um ein Repertoire, hier haben offenbar interpretative Aspekte wie Farbgebung und Stimmung mehr Gewicht. War das vorsätzlich?
Fred Hersch: Diese Dinge passieren so wie sie passieren. Beim Solo-Album hatte ich gar nicht vor, genau diese Kompositionen zu spielen, denn ich habe sie schon früher aufgenommen. Aber nicht so. Miles Davis hat „On Green Dolphin Street“ auch ziemlich oft aufgenommen und es war immer anders. Ich habe heute nicht mehr nur den Fokus auf ein Repertoire. So sieht es übrigens auch Enrico Rava. Es ist egal, von wem eine Komposition stammt oder wann man es schon interpretiert hat. Wenn man es aus dem Moment heraus gut spielt, dann hat es Platz auf einem Album verdient.
Kultur Joker: Das Auditorium in Lugano scheint ein wirklich besonderer Ort zu sein. Was macht diesen Raum so wertvoll?
Fred Hersch: Er hat eine ideale Größe und ist auch der Lieblingsraum von Martha Argerich. Das Instrument dort ist perfekt, die Bühne ist groß, der Toningenieur Stefano Armerio ist exzellent. Es ist einer von Manfred Eichers favorisierten Orten für Produktionen.
Kultur Joker: Apropos Produktionen – wie sieht die weitere Zusammenarbeit mit ECM aus?
Fred Hersch: ECM wird im Frühjahr eine ältere Produktion von mir aus New York veröffentlichen, aus meinem eigenen Studio. Eine bislang unveröffentlichte Produktion mit dem verstorbenen Gitarristen Mick Goodrick, einem viel zu wenig aufgenommenen Musiker und sehr bescheidenen Menschen. Er ist einer von Manfreds Lieblingsgitarristen. Wir werden vermutlich noch andere Ideen für die Zukunft entwickeln. Diese ältere Produktion aus New York hat sich jedenfalls ganz gut gehalten.
Kultur Joker: Sie haben auch einen herausragenden Ruf als Ausbilder – unterrichten Sie noch?
Fred Hersch: Ein wenig Privatunterricht gebe ich noch, doch ich bin sehr wählerisch hinsichtlich meiner Schüler. Das macht aber noch immer Spaß und ich lerne selbst ständig dazu.
Kultur Joker: Sullivan Fortner erzählte mir, er habe eine ganze Unterrichtsstunde mit Ihnen nur mit der Problematik verbracht, wie man sich richtig verbeugt. Welche Rolle spielt z.B. die Haltung am Instrument?
Fred Hersch: Wenn ich heute unterrichte, schneide ich alles auch per Video mit. Dann können die Schüler etwas mitnehmen. Das Erste ist dabei, sich einige physische Aspekte anzuschauen. Gibt es Verspannungen? Gibt es besondere Angewohnheiten, die hinderlich sind? Wie ist die körperliche Situation allgemein? Das Physische ist generell sehr wichtig: Wie näherst man sich dem Instrument? Wie entwickelt man Klang? Ich unterrichte keine Skalen und Patterns. Mich interessiert eher, wie Schüler spielen und wie sie sich entspannen können. Wie sie das Beste aus ihrem Talent machen können. Für Sullivan war ich eine Art Mentor. Wir haben auch über das Business gesprochen oder darüber, wie man Sets aufbaut. Heute sind wir Freunde. Er ist wirklich ein Ausnahmetalent.
Kultur Joker: In Ihrem jüngsten ECM-Podcast über das Trio-Album berichten Sie offen von einer gesundheitlichen Krise, die sie 2024 überstehen mussten. Was war passiert?
Fred Hersch: Ich hatte so etwas wie einen psychischen Zusammenbruch. Wenn ich jetzt mit Abstand zurückblicke, war es wohl so: Nach dem Ende der Pandemie kehrte ich sehr früh – im Juni 2021 – zurück auf die Bühne. Von diesem Punkt bis zum Mai 2024 hatte ich extrem viel zu tun. Es war fantastisch mit vielen großen Konzerten. Dann war ich auf Tournee in Europa im Mai 2025, machte das Trio-Album, kam zurück nach New York, spielte eine Woche im Vanguard – und dann kam nichts mehr bis zum Herbst. Ich brach einfach zusammen. Ich aß nicht mehr und entwickelte eine psychische Krise, in der ich nicht mehr spielen und sogar nicht mehr leben wollte. Ich landete für einen Monat in einer psychiatrischen Klinik. Aber ich kam zurück – mit einer anderen Haltung. Mit weniger Druck für mich selbst. Einem neuen Fokus auf Vergnügen und Freude, neuer Selbstakzeptanz.
Kultur Joker: Vielen Dank für Ihre Offenheit. Wir müssen wohl auch die politische Situation in den USA ansprechen. Wie fühlt es sich für Sie im Alltag an? Wie ist Ihre Strategie, mit dieser Krise zurechtzukommen?
Fred Hersch: In der Tat. ER – dessen Name nicht erwähnt wird – ist ja derzeit sehr bemüht, die Menschen von den Epstein-Files fernzuhalten und Kriege zu beginnen. Es ist deprimierend, wie oft er einen Freibrief vom obersten Gericht und Kongress dafür bekommt, seine schlimmsten Absichten zu verfolgen. Die Gewaltenteilung funktioniert nicht mehr. Viele hoffen jetzt auf die Zwischenwahlen und einen Wandel danach – aber das ist noch weit entfernt. Viel Schaden kann bis dahin angerichtet werden. Schwer zu sagen, wie es im November aussieht. Es ist deprimierend, sich die Überschriften täglich anzuschauen. Ich selbst bin nicht in sozialen Medien aktiv, dieses Terrain vermeide ich. Ich möchte zwar wissen was passiert, doch ich versuche, mich nicht von Politik zu sehr vereinnahmen zu lassen. Lieber unterstütze ich diejenigen, die einen Wandel herbeiführen wollen.
Kultur Joker: Wie sind Ihre Pläne für 2026?
Fred Hersch: Das Duo-Album mit Mick Goodrick wird wohl bald erscheinen. Ich werde im Frühjahr eine US-Tour mit dem Trio unternehmen, was ich seit Covid nicht gemacht habe. Es wird immer mal wieder nach Europa gehen. Vielleicht auch im Trio mit Drew Gress und Peter Erskine. Ich möchte auch wieder neue Musik komponieren. Ohne viel Stress und möglichst natürlich. Wir werden sehen.
Kultur Joker: Beweisen müssen Sie jedenfalls niemandem mehr etwas. Ein wenig Freude und Entlastung in die Welt zu bringen…. das ist doch ein guter Vorsatz.
Fred Hersch: Ja. Wenn Menschen mir etwas von ihrer Zeit schenken und mir vertrauen können, Emotionen bei Ihnen auszulösen, dann habe ich meinen Job erfüllt. Ich kann nichts daran ändern, wer gerade im Weißen Haus ist. Aber vielleicht kann ich etwas davon ablenken. Einfach mit gutem Handwerk ein paar positive Gefühle auslösen.
Kultur Joker: Wir freuen uns jedenfalls auf Ihr Solo-Konzert in Freiburg.
Fred Hersch: In Freiburg habe ich in den frühen achtziger Jahren einmal gespielt. Mit Jane Ira Bloom, Billy Hart und Marc Elias. Seitdem nicht mehr. Aber ich habe noch ein Poster davon. Das ist ziemlich cool.
Kultur Joker: Vielen Dank für das Gespräch.
Fred Hersch tritt am 30.4., 20 Uhr im Rahmen des ECM Festivals in Freiburg auf.
Bild: Fred Hersch © Roberto Cifarelli




