Interview Tanz

Moby Dick als Projektionsfläche: Sechs Fragen an … Tom Schneider, Regie „Songs of Whales and Wanting“ des FARN Kollektivs

Drei Performer:innen, ein legendärer Roman und die großen Fragen unserer Zeit: Das FARN Kollektiv ist bekannt für seine spartenübergreifenden

Moby Dick als Projektionsfläche: Sechs Fragen an … Tom Schneider, Regie „Songs of Whales and Wanting“ des FARN Kollektivs

Drei Performer:innen, ein legendärer Roman und die großen Fragen unserer Zeit: Das FARN Kollektiv ist bekannt für seine spartenübergreifenden Arbeiten, die Kategorien wie Natur und Kultur radikal hinterfragen. Mit „Songs of Whales and Wanting“ bringen sie nun eine bildgewaltige Auseinandersetzung mit Melvilles „Moby Dick“ auf die Bühne des E-WERK Freiburg (23./25./26. April) Zwischen Ritual, Live-Musik und Bewegung entsteht ein Raum, in dem Expedition und Sinnsuche ineinanderkippen. Elisabeth Jockers stellte Tom Schneider (Regie, Sounddesign) drei Fragen.

Kultur Joker: Moby Dick ist bei euch weniger ein Tier als vielmehr eine Projektionsfläche. Wenn ihr heute in den „weißen Wal“ blickt – seht ihr dort eher die unberührte Natur oder die algorithmische Unendlichkeit unserer Daten?

Tom Schneider: Wir sehen im weißen Wal vor allem eine Projektionsfläche moderner Begehrensformen. Er ist bei uns weder einfach Natur noch bloß Symbol, sondern ein Gegenüber, auf das sich Angst, Sehnsucht, Herrschaftswille und Erkenntnisdrang zugleich richten. Gerade deshalb lässt er sich heute auch mit algorithmischen Bildern zusammendenken: als etwas, das scheinbar unendlich lesbar ist, auf das wir immer neue Bedeutungen werfen, und das sich doch jeder endgültigen Fixierung entzieht. Der weiße Wal steht für das Unverfügbare – und zugleich für den modernen Drang, genau dieses Unverfügbare zu vermessen, zu deuten und verfügbar zu machen. In diesem Sinn ist er für uns weniger ein Tier im naturalistischen Sinn als ein Kristallisationspunkt, an dem sich unser Verhältnis zu Welt, Technik und Erkenntnis bündelt. Er ist ein Spiegel, aber kein beruhigender: Wer hineinsieht, erkennt nicht Natur in ihrer Reinheit, sondern die eigenen Verfahren von Projektion, Kontrolle und Sinnproduktion.

Kultur Joker: Das Stück schlägt den Bogen vom Walöl des 19. Jahrhunderts zum Industriekapitalismus. Welche Parallelen zieht die Performance zwischen der historischen Jagd auf den Wal und unserem heutigen Hunger nach Ressourcen?

Tom Schneider: Uns interessiert vor allem die strukturelle Kontinuität. Im 19. Jahrhundert wurde der Wal gejagt, zerlegt, vermessen und in Licht, Öl, Material und Profit übersetzt; er wurde also nicht mehr als lebendiges Wesen wahrgenommen, sondern als Ressource, als verwertbarer Körper. Genau diese Logik setzt sich in der Gegenwart in anderen Formen fort: in der Ausbeutung natürlicher Rohstoffe ebenso wie in der Verwertung von Daten, Aufmerksamkeit, Bildern und Körpern. Die historische Walfahrt erscheint bei uns deshalb nicht als exotische Episode der Vergangenheit, sondern als frühe Verdichtung eines extraktiven Weltverhältnisses, das bis heute wirksam ist. Uns interessiert, wie Begehren, Fortschritt und Gewalt dabei zusammenarbeiten: Wie etwas erst bewundert, dann erfasst, dann zerlegt und schließlich ökonomisch nutzbar gemacht wird. Der Wal ist dafür eine sehr präzise Figur, weil sich an ihm die Verbindung von Mythos und Verwertung besonders brutal zeigt: Er ist gleichzeitig Schreckbild, Sehnsuchtsobjekt und Rohstofflager.

Kultur Joker: Ihr nutzt KI-Technologien, um Archive zu remixen. Fungiert die KI in eurem Prozess als Werkzeug der Erkenntnis oder ist sie selbst Teil jenes „Vermessungswahns“, den Melville beschreibt?

Tom Schneider: Beides. KI ist für uns zunächst tatsächlich ein Werkzeug, mit dem sich Archive neu montieren, Bilder verschieben, Sprache umordnen und historische Materialien in andere Zusammenhänge bringen lassen. Sie eröffnet also eine produktive Form der Erkenntnis, weil sie sichtbar machen kann, wie sehr unsere Gegenwart aus vorhandenen Bildern, Erzählungen und Datensätzen zusammengesetzt ist. Gleichzeitig ist sie aber nicht unschuldig, weil sie selbst auf Klassifikation, Verdichtung, Mustererkennung und Wahrscheinlichkeit beruht – also genau auf jenen Verfahren, die wir im Stück kritisch befragen. KI reproduziert in gewisser Weise denselben Zugriff, den der Text an der Moderne beschreibt: den Drang, Welt in Information zu übersetzen, sie lesbar zu machen und damit auch beherrschbar erscheinen zu lassen. Uns interessiert deshalb weniger die Frage, ob KI gut oder schlecht ist, sondern welche Wahrnehmungsform sie erzeugt. In unserem Prozess ist sie Erkenntnismittel und Symptom zugleich – ein Werkzeug, das helfen kann, die Mechanismen der Vermessung sichtbar zu machen, und das gleichzeitig selbst Teil dieser Mechanismen ist. Genau diese Ambivalenz ist für uns spannend.

Kultur Joker: Tom Schneider, Sie setzen auf Regie und Sounddesign zugleich. In einer Welt des „Ressourcenrausches“ und des Lärms: Welche Rolle spielt die Stille oder das Unverfügbare in eurem Stück?

Tom Schneider: Stille ist für uns keine Leerstelle, kein bloßer Übergang und auch keine dekorative Beruhigung, sondern eine Form von Widerstand. In einem Stoff, der so stark von Vermessung, Extraktion, Beschleunigung und Überproduktion handelt, markiert sie den Punkt, an dem sich etwas dem Zugriff entzieht. Uns interessiert das Unverfügbare dabei nicht als romantische Flucht aus der Geschichte, sondern als reale Grenze jeder totalen Erfassung. Gerade dort, wo Sprache, Musik, Bild und Bewegung sehr dicht werden, braucht es Momente, in denen etwas offen bleibt, nicht aufgelöst wird und sich dem unmittelbaren Nutzen entzieht. Stille kann dann eine Spannung erzeugen, die fast stärker ist als Klang, weil sie das Publikum nicht entlastet, sondern mit etwas konfrontiert, das nicht sofort lesbar ist. In diesem Sinn ist sie auch eng mit dem Wal verbunden: mit dem, was sich zeigt und trotzdem nicht vollständig verfügbar wird. Für uns ist die Stille daher eine ästhetische und politische Kategorie zugleich.

Kultur Joker: Tobias Staab nutzt Video und Montage, um die Vergangenheit neu zusammenzusetzen. Wie beeinflussen diese visuellen „Geister der Geschichte“ euer Spiel auf der Bühne?

Tom Schneider: Die Videoebene schafft für uns keinen Hintergrund, sondern einen aktiven Denkraum. Sie liefert nicht einfach Bilder, die das Bühnengeschehen illustrieren, sondern erzeugt eine zweite Ebene der Wahrnehmung, auf der sich Geschichte, Imagination und Gegenwart überlagern. Durch Montage entstehen Reibungen: historische Spuren, visuelle Fragmente und neue Bildzusammenhänge treten in ein Verhältnis zum Live-Moment, ohne in ihm aufzugehen. Dadurch stehen wir auf der Bühne immer auch in Beziehung zu etwas, das schon vor uns da war und zugleich erst im Moment des Spiels seine volle Wirksamkeit entfaltet. Diese „Geister der Geschichte“ sind für uns deshalb keine nostalgischen Rückblicke, sondern Kräfte, die das Hier und Jetzt mitformen. Sie verschieben den Blick auf die Körper, auf die Sprache und auf die Handlung, weil sie zeigen, dass Gegenwart nie aus sich selbst heraus entsteht, sondern immer schon aus Archiven, Überlagerungen und Wiederholungen. Genau darin liegt für uns die politische und ästhetische Kraft des Videos.

Kultur Joker: Der Titel spricht von „Wanting“. Welche Sehnsucht treibt eure Charaktere an?

Tom Schneider: Die Sehnsucht in unserem Stück ist vielschichtig und nicht unschuldig. Sie richtet sich auf Erkenntnis, auf Überschreitung, auf Besitz, auf Reinheit, auf einen Durchbruch durch die sichtbare Welt. Unsere Figuren wollen nicht einfach etwas erreichen; sie wollen an einen Punkt gelangen, an dem sich Welt endlich erschließt, an dem etwas sichtbar, eindeutig, greifbar wird. Gerade darin wird dieses Begehren gefährlich, weil es sich nicht stillen lässt und immer weiter treibt. Es kippt von Neugier in Zwang, von Suche in Besessenheit, von Erkenntnisdrang in Gewalt. „Wanting“ meint bei uns deshalb nicht bloß Wunsch oder Mangel, sondern eine moderne Form des Begehrens, die Welt erschließen will und sie gerade dadurch verletzt, verbraucht oder zerstört. Uns interessiert, dass dieses Begehren nicht nur individuell ist, sondern auch historisch: Es ist eng verbunden mit Fortschrittsfantasien, mit Expansion, mit dem Willen zur Verfügung. In diesem Sinn ist „Wanting“ nicht nur ein innerer Zustand der Figuren, sondern ein Motor der Moderne selbst.

Kultur Joker: Danke für die Antworten!

Foto Copyright: M.KORBEL

Weitere Infos & Tickets: ewerk-freiburg.de/veranstaltungen/songs-of-whales-and-wanting

About Author

Elisabeth Jockers