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„Das ist besser als Geburtstag feiern!“: Drei Fragen an … Isabelle Ruf und Jan F. Kurth, Süduferchor Freiburg

Die Veranstaltung „Cordiale – Lied für Lied #2“ im E-WERK Freiburg widmet sich am 18.4. (10-18 Uhr) sowie 19.4.

„Das ist besser als Geburtstag feiern!“: Drei Fragen an … Isabelle Ruf und Jan F. Kurth, Süduferchor Freiburg

Die Veranstaltung „Cordiale – Lied für Lied #2“ im E-WERK Freiburg widmet sich am 18.4. (10-18 Uhr) sowie 19.4. (11-17 Uhr) dem interkulturellen Austausch durch Musik und Gesang. Musik, Bewegung und Kunst verwandeln den Parkplatz des E-Werkes an diesen Tagen in einen niederschwelligen Kreativitäts-Hotspot, der sich gezielt an Menschen mit und ohne Migrationshintergrund richte. Ein zentraler Bestandteil des Abends ist der Süduferchor, ein Ensemble, das Vielfalt und Gemeinschaft musikalisch thematisiert. Maßgeblich verantwortlich für die künstlerische Leitung und Entwicklung des transkulturellen Chors sind Isabelle Ruf und Jan F. Kurth. Im Interview mit Elisabeth Jockers sprechen sie über radikale Niederschwelligkeit, die Bedeutung solcher Formate für eine gesunde Kulturlandschaft und was „Klangkomplizenschaft“ für sie genau bedeutet.

Kultur Joker: Wenn die Besucher:innen am Sonntagabend nach Hause gehen und der Parkplatz wieder leer wird: Welchen Ohrwurm oder welchen Gedanken sollen sie in ihren Alltag mitnehmen?

Isabelle Ruf und Jan F. Kurth: Bei unserer Veranstaltung „Lied für Lied 1“ im Oktober letzten Jahres hat ein Kind am Ende gesagt: „Das ist besser als Geburtstag feiern!“. Genau dieses Gefühl möchten wir wieder wecken. Die Menschen sollen beschwingt nach Hause gehen. Die Familien sollen ein Gefühl der Leichtigkeit mitnehmen und die Erfahrung gemacht haben, dass kulturelle Teilhabe und Teilgabe für alle möglich ist. Dass sie willkommen sind. Dass Gemeinschaft in dieser bunten Mischung nicht nur möglich, sondern wunderbar ist.

Vielleicht wirkt das Happening auch noch in den nächsten Tagen nach. Vielleicht werden neue Bekanntschaften geschlossen, Horizonte erweitert, vielleicht wagen Menschen Dinge, die sie vorher noch nie gemacht haben. Wir wünschen uns, dass alle zufrieden und gut gesättigt nach Hause gehen – und dass das Interesse am Süduferchor bleibt. Und vielleicht hat ja die eine oder andere Person – jüngeren oder älteren Semesters – Lust bekommen, im Erwachsenen- oder im frisch gegründeten Kinder-Süduferchor mitzumachen!

Kultur Joker: Der Titel eurer Reihe ist Programm. Was macht für euch eine gute „Komplizenschaft“ zwischen den verschiedenen Nachbarschaften in Freiburg aus?

Isabelle Ruf und Jan F. Kurth: Komplizenschaft bedeutet für uns: Man zieht gemeinsam an einem Strang – auch wenn man unterschiedliche Hintergründe, Sprachen und Lebenswelten mitbringt. Vielleicht gerade dann.
Im Stühlinger wo das E-Werk beheimatet ist und in Haslach wo sich unser Probenort, Das Südufer, befindet, wie in vielen Freiburger Nachbarschaften, leben Menschen Seite an Seite, die sich im Alltag häufig nicht begegnen. Verschiedene Kulturen, verschiedene Generationen, verschiedene Lebensrealitäten – und dennoch dieselbe Straße, derselbe Parkplatz, dieselbe Stadt. Gute Komplizenschaft entsteht für uns dort, wo diese Begegnung nicht organisiert oder verordnet wird, sondern einfach passiert – durch Musik, durch Tanz, durch ein gemeinsames Mittagessen, durch ein Lachen über Sprachgrenzen hinweg. Wo sich Menschen ihrer Gemeinsamkeiten bewusstwerden, und in ihren Unterschieden Verbundenheit finden und nicht nur das sehen, was trennt. 

Beim Süduferchor erleben wir das in jeder Probe: Wenn jemand ein Lied aus seiner Heimat mitbringt und die anderen es lernen wollen – da entsteht etwas. Kein Mitleid, keine Fürsorge von oben nach unten, sondern echtes gegenseitiges Interesse. Das ist für uns der Kern der Komplizenschaft: Freudige Neugier aufeinander, auf Augenhöhe. Und genau das möchten wir mit „Lied für Lied 2“ in den Stadtraum tragen.

Kultur Joker: „Alles kostenlos und für alle“ – in Zeiten schrumpfender öffentlicher Räume ist das ein starkes Statement. Warum ist diese radikale Niederschwelligkeit für die CORDIALE so essenziell?

Isabelle Ruf und Jan F. Kurth: Sowohl für die CORDIALE als auch für den Süduferchor ist diese radikale Niederschwelligkeit mehr als eine Philosophie, vielmehr eine Notwendigkeit und gelebte Praxis. Wenn wir alle erreichen wollen, müssen wir die vielfältigen Barrieren in unserem Alltag identifizieren und uns von ihnen verabschieden. Barrieren tauchen an verschiedenen Stellen auf: Sprache, Orte, Veranstaltungsuhrzeiten und natürlich Eintrittspreise können ausgrenzend wirken.
 
Es wird bei „Lied für Lied 2“ die Möglichkeit geben, zu Spenden – das ist aber kein Muss. Ganz nach dem Solidarprinzip: Wer kann, zahlt – wer mehr hat, darf mehr zahlen, wer nichts hat, zahlt nichts. So machen wir es im Süduferchor schon seit Beginn. Diese Einnahmen decken nur einen Bruchteil unserer Kosten. Die CORDIALE kann auf eine nachhaltige städtische Förderung zurückgreifen; der Süduferchor finanziert sich bisher durch in Eigenregie einzeln akquirierte Projektmittel.

Wenn wir uns die Zielgruppe von „Lied für Lied 2“ genauer anschauen, wird klar: Hier geht es um Menschen, die gleich mehrfach vulnerabel sind. Es sind geflüchtete Menschen, die gesellschaftlich unter Druck stehen. Es sind Kinder, die besonders schutzbedürftig sind. Es sind Frauen, die oft mehrfacher Diskriminierung ausgesetzt sind – aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer sozialen Lage. Es sind Familien, deren wirtschaftliche Lage und damit verbunden die Möglichkeit zu Teilhabe vielen unsicheren Faktoren ausgesetzt ist. Diese Menschen fallen durch die Risse eines Kultursystems, das seine Angebote meist nicht für sie denkt. Wir wollen diese Lücke ein Stück weit füllen – nicht mit Fürsorge von oben, sondern mit echten Begegnungen auf Augenhöhe.
Wir hangeln uns von Förderung zu Förderung. Aber irgendwie geht es immer weiter. Was uns antreibt, ist diese wunderbare Community, die ohne diese Möglichkeit gar nicht existieren würde – und der Wunsch, dass sie weiter wachsen darf!

Kultur Joker: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Weitere Infos zur Veranstaltung: ewerk-freiburg.de/veranstaltungen/cordiale-lied-fur-lied-2

Foto: Der Süduferchor bei der vergangenen Ausgabe von „Lied für Lied“ Copyright: Marc Doradzillo

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Elisabeth Jockers