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Lamento und Spektakel zugleich: „Revue. Über das Sterben der Arten“ am Theater Freiburg

Der Mensch ist zum Laufen gemacht. Vielleicht ist er dann auch am Schönsten. Auch, weil er dann nicht jagt,

Lamento und Spektakel zugleich: „Revue. Über das Sterben der Arten“ am Theater Freiburg

Der Mensch ist zum Laufen gemacht. Vielleicht ist er dann auch am Schönsten. Auch, weil er dann nicht jagt, nicht expandiert, keinen Brennstoff braucht und keine Pestizide oder Insektizide entwickelt. Im Idealfall. In der „Revue. Über das Sterben der Arten“, die der Intendant des Theater Freiburg Felix Rothenhäusler zusammen mit Jan Eichberg und Theresa Schlesinger entwickelt hat, wird viel gelaufen. Mitten auf der Hinterbühne des Großen Hauses ist ein Catwalk aufgebaut, der das Publikum in zwei langgezogene Blöcke teilt. Die zehn Performerinnen und Performer folgen ihm, machen eine Kehre, um hinter dem einen Block wieder aufzutauchen und erneut den Laufsteg zu betreten. Immer wieder schert jemand aus, um an einem der beiden Mikros zwischen den Reihen das Wort zu ergreifen. Es ist über die Dauer von 80 Minuten (Regie: Felix Rothenhäusler) ein wirklicher Power-Walk, denn das Tempo ist stramm, und das Ensemble misst das Publikum mit Blicken. Haben hier einmal die ausgestorbenen Arten, verkörpert durch die Darstellerinnen und Darsteller, die Deutungshoheit über uns oder reproduzieren sie die Macht, die sie vernichtete? Das ist das Paradox, unter dem dieser Abend steht. Einerseits ist er ein Lamento, andererseits eine schön anzusehende, kurzweilige Show.

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Spots sind auf den Catwalk gerichtet, Joe Flüelers und Moritz Widrigs treibende, sehr tanzbare, mitreißende Beats lösen das Vogelgezwitscher ab, das zehnköpfige Ensemble nimmt den Laufsteg in Besitz. Man sieht viel Streatwear, Sneakers überwiegen, Anja Schweitzers Hosen tragen Animal-Print, Hale Richter hat einen Mini-Panther im Haar und Nadine Geyersbach irgendetwas mit Pferden auf dem T-Shirt (Kostüme: Elke von Sivers). Dann kommen Decken ins Spiel, die zu Schleppen oder Schwänzen oder auch auf dem Kopf getragen werden, Kleidung wird zu Auswüchsen und verlängerten Extremitäten. Die Kostüme sind ausgesprochen wandelbar und wirkungsvoll. Es ist ein Defilee von Wundern, vom Wollhaarmammut, der Kleinen Rotalge bis hin zur Tobias-Köcherfliege. „Revue. Über das Sterben der Arten“ ist eine überarbeitete Version einer Produktion vom Theater Bremen. In Freiburg wurde das Ensemble vergrößert, zu Andy Zondag (choreografische Mitarbeit) haben sich mit Challenge Gumbodete ein weiterer Tänzer und mit Jana Baldovino eine Tänzerin gesellt.
Während anfangs sich kaum mehr als eine Handhaltung ändert, wird später über den Laufsteg geschritten und gehüpft, Baldovino wird über ihn auf Spitze tanzen oder es werden die Arme ausgebreitet. Beim Auftritt des Primaten Archaelemuridae, der einmal auf Madagaskar lebte, wird der Gang federnder, bei dem des Auerochsen wird sogar gebrüllt, bei der Atlasschildkröte, die zur Megafauna Asiens gehörte und vor drei Millionen Jahren ausstarb, wird der Schritt schwerer. Das Tier, so wird vermutet, konnte bis zu 4000 Kilogramm wiegen. Die Texte sind nicht allein informativ, machen Angaben zu Zeit, und Klima Raum, sie sind auch ausgesprochen szenisch. Muster werden sichtbar. Sicher, auch urzeitlicher Klimawandel hat zu einem großen Sterben geführt, doch Entdeckungsreisen waren fatal für die Artenvielfalt, Tiere wurden bis zum letzten Exemplar bejagt, sowohl die Viehhaltung als auch der Pflanzenanbau, insbesondere die Monokultur, vernichten Lebensräume von Tieren und Pflanzen, ebenso Pestizide sowie Insektizide und natürlich der Klimawandel, diesmal menschengemacht. Und dann ist da noch ein natürlicher Pragmatismus. Haben Vögel genug Nahrung und keine Feinde, verlieren sie wie der Dodo die Fähigkeit zu fliegen, Menschen hingegen hielten große Schildkröten bei langen Schiffsreisen, um Frischfleisch und Brennstoff zu haben. Es ist ja überhaupt zum Haare raufen, da staunt man über das ausgeprägte Sozialverhalten von Karolinasittichen, die bei kranken und sterbenden Artgenossen blieben, wir geben den letzten Exemplaren Eigennamen, doch weder wächst die Empathie gegenüber der Natur, noch verändert sich das eigene Sozialverhalten.
Das ist ein grundsätzlicher Widerspruch, der natürlich auch diese Revue miteinschließt, die kaum etwas anderes machen kann als das Sterben und seine Gründe zu thematisieren. Und das attraktiv, inszenatorisch interessant und kurzweilig. Alles andere muss man weiterhin mit seinem Gewissen ausmachen.

Weitere Vorstellungen: 18. April und 31. Mai, Theater Freiburg.

Bild: Nadine Geyersbach, Anja Schweitzer, Hale Richter, Siegfried W. Maschek © Lukas Heibges

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Annette Hoffmann