Kultour Nachhaltig

Sinnkrisen und Pleiten zum Trotz: Das soziokulturelle Zentrum Nellie Nashorn in Lörrach feiert 40 Jahre

Die Grundidee von nichtkommerziellen Begegnungsorten klang zeitweise etwas altbacken, aber sie ist wieder sehr modern. Die Menschen wünschen sich

Sinnkrisen und Pleiten zum Trotz: Das soziokulturelle Zentrum Nellie Nashorn in Lörrach feiert 40 Jahre

Die Grundidee von nichtkommerziellen Begegnungsorten klang zeitweise etwas altbacken, aber sie ist wieder sehr modern. Die Menschen wünschen sich das immer mehr.“ Patrick Dengl ist Geschäftsführer des Nellie Nashorn in Lörrach und kennt die Ambivalenz derartger Einrichtungen. Soziokulturelle Zentren sind typische Generationenprojekte aus den 1970er- und 1980er-Jahren, manchmal wirken sie wie aus der Zeit gefallen und sind dann eben doch wieder sehr aktuell – wie das Nellie, das allen Sinnkrisen und wirtschaftlichen Pleiten zum Trotz in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen feiert.

Selbstverwaltung, ein weit gefasster Kulturbegriff, die enge Verknüpfung von Leben und Arbeiten sowie damals noch neue ökologische Ansätze – das waren in der Regel die Anliegen all dieser Initiativen. Im Vergleich zu den großen Projekten in Basel (Kaserne) und Freiburg (Fabrik, AAK und E-Werk) galt das Nellie Nashorn – eine Gründung von fünf arbeitslosen Lehrerinnen – damals jedoch als ein weniger politisches und überschaubares Biotop.

Im öffentlichen Leben der 50.000-Einwohner-Stadt hat das Nellie Nashorn längst ein solides Standing. 160.000 Euro von der notorisch klammen Stadt, 100.000 vom Land und im Schnitt 80.000 Euro Spenden sichern das Auskommen. Doch es würde zu kurz greifen, das Haus einfach nur als arriviert einzuordnen. Es lebt von seiner augenblicklichen Vitalität und von der Bereitschaft, sich immer wieder neu zu erfinden und Dinge auszuprobieren, sagt Patrick Dengl. In den neun Jahren als Verantwortlicher habe er kapiert, „dass man keine Angst vor dem Scheitern haben darf.“

Wobei das Risiko überschaubar ist. Der ursprüngliche Ansatz der sozio-kulturellen Zentren, Kultur immer auch als etwas zum Mitmachen und selbst Gestalten zu sehen, gilt in gewisser Weise noch heute. In diesem Sinn will Dengl weniger Intendant und dafür mehr Ermöglicher sein, der Bedürfnisse und Vorschläge aufgreift. So entstand etwa aus einer Initiative der beiden Musiker Ulli Niedermüller und Christian Dietkron die längst etablierte „DiNi Jazzothek“ mit regelmäßigen Konzerten. Das Prinzip gilt aber auch für das eigene Kabarett-, Comedy- oder Musik-Programm, bei dem sich Künstler einbringen können, aber auch einen Teil des Risikos tragen müssen. Ein weiteres Beispiel bietet das Format „Shared Reading“, ein Angebot der Dramaturgin Marion Schmidt-Kumke, die früher für andere Veranstalter in der Region viel beachtete szenische Lesungen eingerichtet hatte und die nun im Ruhestand diese neue Form von literarischem Zirkel betreut.

Apropos zusammenkommen: Begegnung und Kommunikation sind Faktoren, die in vielerlei Hinsicht das Haus zusammenhalten. Das gilt besonders für die Kneipe in der alten Villa, die Dengl keineswegs nur als angehängte Gastronomie für die eigene Kleinkunstbühne sieht. Vielmehr bietet die Gaststätte Raum für gesellschaftliche Gruppen und sie ist Bühne für kleine Konzerte, interkulturelle Begegnungen, Spieleabende, Poetry Slams oder einfach nur Treffpunkt.

Trotz aller Öffnungen und Wandlungen bleibt das Nellie Nashorn eine Anlaufstelle jener Altersschicht, die das Haus vor 40 Jahren belebt hatte. Was Patrick Dengl als Bereicherung empfindet. Denn diese Generation habe ja im Berufsleben etwas bewegt und sie bringe neben Erfahrung auch einen weiten Horizont ein. Alt heißt in diesem Fall also keineswegs verknöchert.

Weitere Infos: www.nellie-nashorn.­de

Foto: Patrick Dengl, Leiter des soziokulturellen Zentrums Nellie Nashorn Foto: Willi Adam

About Author

Willi Adam