Kunst

Vom Objekt zum Subjekt: Marcel van Eedens Ausstellung „6. August 1870“ berührt Freiburger Kolonialgeschichte

Der Deutsch-Französische Krieg fand nicht nur in Sedan statt, sondern auch in Saarbrücken, Weißenburg und Woerth. Am 6. August

Vom Objekt zum Subjekt: Marcel van Eedens Ausstellung „6. August 1870“ berührt Freiburger Kolonialgeschichte

Der Deutsch-Französische Krieg fand nicht nur in Sedan statt, sondern auch in Saarbrücken, Weißenburg und Woerth. Am 6. August 1870 kamen in Woerth, in dem heute etwa 1.600 Menschen leben, gut 20.000 Soldaten ums Leben. Nach 1871 und bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gehörte der Ort zu Deutschland. Vielleicht war die Schlacht derart traumatisierend, dass sie die früheren Kriegsparteien am Ende vereinte. Franzosen und Deutsche erinnern dort gemeinsam regelmäßig an die Gefallenen, und außerhalb der Gedenkveranstaltungen kann man im örtlichen Museum die Organisation der französischen und deutschen Armee studieren, auf dem Schlachtfeld stehen Figuren in den jeweiligen Uniformen. All das lässt sich von Marcel van Eedens Aufnahmen seiner Ausstellung „6. August 1870“ ablesen. Jedoch nur verschwommen. Der 1965 in Den Haag geborene van Eeden hat Gummidrucke von Fotos gemacht. Schatten legen sich über die Blätter, manche Motive sind verdunkelt und nicht immer gleich gut zu erkennen. Die Fotos sind mit einem alten Objektiv aufgenommen und dann in der historischen Technik reproduziert.
Dass sie jetzt im Haus der Graphischen Sammlung des Freiburger Augustinermuseum zu sehen sind, erzählt bereits viel über van Eedens Arbeitsweise. Anlässlich der Verleihung des Hans-Thoma-Preises an den Direktor der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe 2023 hatte sich van Eeden mit dessen Weltanschauungen befasst. Danach wurde bekanntlich der Preis umbenannt. Van Eedens Werkgruppe „1898“ war vor einem Jahr in der Hans Thoma-Ausstellung zu sehen, sie thematisiert die Nähe des Malers zum antisemitischen Wagnerkreis. Nun ist er zeitlich einen Schritt zurückgegangen. Van Eedens Ausstellung verbindet Freiburg mit Woerth, Schwetzingen sowie Algerien und Tunis. Konkret folgt „6. August 1870“ den Spuren des algerischen Soldaten Abdel Kader Ben Lahcen, der für die Franzosen kämpfte, in Woerth verletzt wurde, als Kriegsgefangener ins Lazarett in den Schlosspark Schwetzingen gebracht wurde, wo er auch verstarb. Sein Schädel und seine Beckenknochen gelangten als Anschauungsobjekt für rassistische Vorstellungen in die Sammlung Alexander Eckers, Anatom und Anthropologe an der Universität Freiburg. Lange erinnerte eine Büste vor der Freiburger Anatomie an Ecker. Im Zuge der Black Lives Matter-Bewegung wurde sie von Aktivisten besprayt. Die Universität Freiburg reagiert und entfernte die Büste, aus dem Denkmal wurde ein Mahnmal. Ein Bild von der bloßen Stele leitet die Ausstellung in der Graphischen Sammlung ein. Ben Lahcens Leben muss durch Rassismus geprägt gewesen sein. Als 17-Jähriger wird er Kolonialsoldat, es gibt keine Quellen über seine Motivation, die Uniformen der Tirailleurs waren orientalisch bunt, im Elsass wird er für Frankreich kämpfen. Die historischen Quellen wie der Obduktionsbericht machen ihn zum Objekt seiner Zeit.

Marcel van Eeden: „Holzfiguren am 6. August zwischen Worth und Frœschwiller“, 1870 Foto: Lukas Plener


Van Eeden findet nicht nur Bilder für diese Geschichte, insofern die historische Unschärfe Teil ihrer Ästhetik wird, er hat sie auch recherchiert und versucht das Objekt zu einem Menschen zu machen. Für ihn gehört der Kolonialismus zur Vorgeschichte der „Entmenschlichung“ der NS-Zeit. Um historische Genauigkeit geht es van Eeden nicht. Die Texte, die sporadisch neben dem Gummidruck hängen, erklären die Bilder nicht. Neben dem ärztlichen Bericht hängt ein Druck, der einen Hirsch aus dem Schwetzinger Lapidarium zeigt. Dadurch lassen sich die Aufnahmen aus dem barocken Park kaum vorbehaltlos betrachten. Auf einer Mauer liegt ein Schädel, ein Zufall wie van Eeden sagte, die Orangerie ist verschattet. Van Eeden folgt seiner Spur bis nach Tunis, Algier und Mostaganem, wo sich in der ehemaligen Kaserne heute die Universität befindet. Die Fotos sind zeitgenössisch, doch die Vergangenheit ist eben nicht vergangen.

Marcel van Eeden, 6. August 1870. Haus der Graphischen Sammlung, Salzstr. 32, Freiburg. Di-So 10-17 Uhr, Fr 10-19 Uhr. Bis 18.10.26.

Foto: Marcel van Eeden: „Lapidarium, Schlossgarten Schwetzingen“, 6. August 1870 Foto: Lukas Plener

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Annette Hoffmann