Kunst

Stationen aus drei Jahrzehnten: „Arabesken in Arabesken“ zeigt das Werk von Katharina Wulff in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden

Es waren Frieda und die anderen Frauen. Sie fielen der Kuratorin Christina Lehnert beim Besuch einer Galerie ins Auge

Stationen aus drei Jahrzehnten: „Arabesken in Arabesken“ zeigt das Werk von Katharina Wulff in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden

Es waren Frieda und die anderen Frauen. Sie fielen der Kuratorin Christina Lehnert beim Besuch einer Galerie ins Auge und wurden so zum Ausgangspunkt der bisher umfangreichsten Ausstellung des Werks von Katharina Wulff in Deutschland. Rund 40 Arbeiten aus 3 Jahrzehnten zeigt die Schau „Arabesken in Arabesken“ in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden.
So lässt sich die Entwicklung von Wulffs Stil von den frühen Werken aus der Studienzeit bis heute sehr schön nachvollziehen. Großzügig aufgetragene Farben prägen das nach einem Foto gemalte Bild, auf dem die Künstlerin zusammen mit einem Freund auf dem Bett liegt. Verschwommene Konturen, die Gesichter als Leerstellen, das Bild ohne Titel. Das ändert sich, denn Katharina Wulff war nicht umsonst zuerst Maskenbildnerin am Theater und beim Film. Sie erzählt Geschichten, oder genauer gesagt, sie gibt in ihren Bildern dem Betrachter Rätsel auf.
Die scheinbar präzise Darstellung ist gar keine. Am Meeresstrand haben zwei Frauen eine Picknickdecke ausgebreitet, die Torte ist noch unberührt. Die eine Frau schaut zu dem Hund, der angesprungen kommt. Die andere Frau trägt eine Augenbinde, sie schaut sozusagen in sich hinein. Das verstörende Element ist der nackte Mann, der von der Klippe aus die „Zwei ernsthaften Damen“ beobachtet. Drei Menschen, die nicht miteinander kommunizieren. Dieses eigenartige Neben- statt Miteinander findet sich in mehreren Werken.
Andere Gemälde erzählen von Fremdbestimmung. Besonders prägnant in „Der Waldspaziergang“. Scheinbar treffen zwei Familien in der Natur aufeinander. Aber warum tragen die Mädchen Kleider, die an Alice aus dem Kinderbuch „Alice im Wunderland“ erinnern? Und warum greifen Erwachsene von hinten in die Kleider der Mädchen? Wer steuert hier wen und warum? Noch verstörender wirkt ein anderes, kleinformatiges Gemälde. Wach blickt der ältere Mann hinter der Frau mit der strengen Frisur hervor. Aber die Augen der Frau sind leer, über ihrem Mund ein schwarzer Strich. Lebt sie überhaupt noch?
Ihre weich gemalten Landschaften haben etwas von einem Bühnenbild. In „Landschaft für glückliche Hexen“ sind keine Hexen zu sehen, weder glückliche noch unglückliche. Waren überhaupt welche dort? Oder kommt gleich eine ums Eck? In „Das Verbrechen“ ist doch noch gar nichts passiert. Wulff zitiert hier märchenhafte Elemente. Die Holzhütte am Waldrand, ein leerer verschnörkelter Sessel. Den Wolf sieht man von hinten, ihm gegenüber steht eine junge Frau mit erschrocken aufgerissenen Augen. Es ist der Moment der Erstarrung bevor etwas passiert.
Zu den jüngsten Arbeiten in der Ausstellung gehören drei Frauenporträts, entstanden 2023, die ein nostalgisches Flair ausstrahlen. Die gebürtige Ostberlinerin Katharina Wulff bezieht sich mit der unglücklich schauenden „Frieda“ und den anderen ernst blickenden jungen Frauen vor fabrikähnlicher Architektur auf die Fotografin Sibylle Bergmann, die Aufnahmen für die DDR-Modezeitschrift „Sibylle“ machte, und auch auf das Buch „Guten Morgen, du Schöne“ von Maxie Wander. Sie zeichnete literarisch in den 1970ern Porträts von Frauen in der DDR, von ihren Gedanken und Wünschen.
Referenzen an Katharina Wulffs Wahlheimat Marrakesch in Marokko muss man nicht lange suchen. In dem fein gemalten orientalischen Dekor der Bar des „Grand Hotel Tazi“ sitzen westliche Gäste. Mit humorvollem Augenzwinkern lässt die Künstlerin den Raucher sich in Rauch auflösen. „Über den Dächern Marrakeschs“ wäre auch ein passender Titel gewesen für „Der Tagträumer“. Ein junger Mann in schwarzer Unterhose sitzt auf der Dachterrasse, den Blick in weite Ferne gerichtet. Auf einer angrenzenden Dachterrasse steht ein Schaf. Vor dem islamischen Opferfest stehen auf vielen Dachterrassen in Marrakesch Schafe, ihr Blöken ist in der ganzen Stadt zu hören. Bis zum Tag des Opferfestes…

Katharina Wulff. Arabesken in Arabesken. Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Lichtentaler Allee 8a, Baden-Baden, Di-So 10-18 Uhr. Bis 10.05.26

Foto: Katharina Wulff: „Frieda“, 2023, oil on canvas © Katharina Wulff/Galerie Neu, Berlin

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Nike Luber