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Katherina Reiche im Voll-Gas-Modus 2.0: Welche Gewerkschaft schützt die Energiewende-Jobs?

Seit Monaten beschäftigt mich die Geschichte „Die Gewerkschafterin – im Räderwerk der Atommafia“. Sie wollte Jobs retten. In der

Katherina Reiche im Voll-Gas-Modus 2.0: Welche Gewerkschaft schützt die Energiewende-Jobs?

Seit Monaten beschäftigt mich die Geschichte „Die Gewerkschafterin – im Räderwerk der Atommafia“. Sie wollte Jobs retten. In der Atombranche. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Wo waren eigentlich die Gewerkschaften, als Katherina Reiche, als Staatssekretärin im Umweltministerium, gemeinsam mit Peter Altmaier, 100.000 Jobs in den Erneuerbaren platt gemacht hat? Als wir 2013 mit Tausenden auf der Straße waren und für unsere Jobs demonstriert haben. 60 Organisationen hatten aufgerufen – darunter: keine Gewerkschaft. Und wo sind sie jetzt, da der Energiewende-Kahlschlag von Katherina Reiche 2.0 mit aller Härte und gegen jede Vernunft vorangetrieben wird? Wie ist der Kontakt der Energiewende-Aktiven zu den Gewerkschaften?
Seit einiger Zeit bin ich mit der ungeheuerlichen Geschichte der Gewerkschafterin Maureen Kearney unterwegs; Mal in Kinos – ihre Geschichte wurde auf die große Leinwand gebracht, gewann Preise, wurde in 38 Ländern gezeigt und lief in Europa schon mehrfach im TV; Mal mit Lesungen, da mich ihre Geschichte so in den Bann gezogen hat, dass ich die Buchvorlage zum Kinofilm übersetzt habe.

Geschichte mit vielen Facetten
Von den vielen Facetten dieser Geschichte hat mich insbesondere der energiepolitische Aspekt interessiert. Schmutzige Deals in der hochriskanten Atomtechnologie, die noch dazu zivil-militärische Bedeutung hat, da hat die kriminelle Energie, mit der die Whistleblowerin auf perfide, hinterhältige Weise zum Schweigen gebracht werden sollte, noch einmal eine besondere Brisanz. Insbesondere von Regierungen militärischer Atommächte werden große Geldsäcke für die zivile Atomkraft geöffnet, denn sie wissen, dass die Stromkunden mit ihren Abschlägen die militärischen Atomanwendungen quersubventionieren. Die weit geöffneten, milliardenschweren Geldsäcke, locken Unterhändler an, die nach Millionen-Provisionen gieren und dafür scheinbar über Leichen gehen.

Welche Gewerkschaft würde sich für die Jobs in den Erneuerbaren stark machen?
Nun bin ich auch schon einige Male von Gewerkschaften zu Buch- und Film-Events eingeladen worden. Aber erst kürzlich, im Freiburger Koki, im Filmgespräch mit Andrea Wagner, der stellvertretenden Landesvorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die fantastisch vorbereitet war und gute Fragen zu aktuellen Energiethemen stellen konnte, ist in meinem Kopf etwas in Bewegung geraten, was lange brach lag. Als eine, die weit über 20 Jahre im Bereich der Erneuerbaren Energien arbeitet, hatten mich Gewerkschaftsthemen fast nie gestreift. Aus vielerlei Gründen: Erstens hat man mit all den Angriffen auf die Energiewende und der Lobby-getriebenen Stimmungsmache dagegen genug zu tun, da reichen oft die 24 Stunden des Tages nicht aus. Zweitens – um es naiv zu formulieren – war man ja bei den Guten beschäftigt – wozu sollten wir dann in eine Gewerkschaft eintreten? Und überhaupt, in welche denn? Und damit wären wir beim dritten Punkt. Welche der 8 Gewerkschaften im DGB würde sich für die Jobs in den Erneuerbaren stark machen, wenn diese – wie aktuell wieder – bedroht sind?
An diesem Abend im Koki fanden wir keine Antwort. Wohl aber ein Ausschluss-Kriterium: Obwohl das Wort „Energie“ im Kürzel der IGBCE, also der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, vorkommt, gibt es für die Beschäftigten im Bereich der Erneuerbaren kaum Gründe, dieser Gewerkschaft beizutreten. Wie hat sich deren Vorsitzender und RWE-Aufsichtsrats-Vize Michael Vassiliadis währen der Jamaika-Verhandlungen reingehängt, um den Kohleausstieg zu boykottieren! Nach wie vor ist er Vorstandsvorsitzender des Kohle-Lobby-Vereins mit dem Tarn-Namen „Innovationsforum Energiewende“, der Seite an Seite mit den großen Fossil-Konzernen „Fehlsteuerungen im energiewirtschaftlichen Bereich entgegenwirken“ will.
Die größte der 8 Gewerkschaften im DGB, die IG Metall, schreibt, sie befürworte die Energiewende nachdrücklich und fordere aber eine deutlich konsequentere Umsetzung durch die Politik. So weit so gut. In der neusten Ausgabe ihres Magazins kommt dann auch die Professorin Claudia Kemfert zu Wort und erläutert die Vorzüge der Erneuerbaren als Antwort auf die Frage: „Wann und wie wird der Strom günstiger?“ Im Zuge der Ausgewogenheit darf neben ihr auch ein Ex-RWE-Ex-Rheinbraun-Manager Stellung beziehen.
Nach diesem Abend mit der Gewerkschafterin im Koki fing ich an, Fragen zu stellen, streckte die Fühler in alle Richtungen aus, schrieb sowohl Umweltschutz-Organisationen und Erneuerbare-Verbände als auch verschiedene Gewerkschafts-Vertreter:innen an. Wo waren sie damals? Wo stehen sie heute? Gibt es überhaupt Gewerkschaften, die den sinkenden Mitglieder-Zahlen im DGB dergestalt entgegenwirken, dass sie um Beschäftigte in der Erneuerbaren-Branche werben? Wenn es überhaupt Antworten gab, so waren diese mehrheitlich ernüchternd – von allen Seiten. Das schreibe ich, ohne daraus an irgendwen einen Vorwurf abzuleiten, sondern einfach mit der Feststellung, dass dort ein großes, unbestelltes Lernfeld brach liegt. In Zeiten ungezügelter Kahlschlag-Ambitionen in allen Lebensbereichen ist es natürlich auch eine Kapazitätsfrage.

Transformation und Arbeitsplätze zusammen denken
Doch die Klüfte sind nicht unüberbrückbar, wie Greta Waltenberg zu berichten weiß, die sowohl bei Fridays for Future Freiburg als auch im DGB aktiv ist. Gemeinsam mit den Beschäftigten des ÖPNV und der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di veranstalteten die Klima-Aktivist:innen Aktionstage unter dem Motto „Wir fahren zusammen“. Darüber hinaus haben Gewerkschafter:innen und Betriebsräte von VW gezeigt, dass sie gemeinsam mit Verkehrswende-Aktivist:innen ganz viel Bewegung in die Köpfe bringen. Während die großen deutschen Autokonzerne die globale Entwicklung, den unaufhaltbaren Siegeszug der Elektromobilität vorsätzlich verschlafen, kommen mäßig kreative Ideen aus den Konzernetagen: man könne ja statt PKWs auch Militärfahrzeuge und Rüstungsgüter bauen. Und genau hier setzen die Beschäftigten gemeinsam mit den Aktivist:innen an und fragen: „Warum nicht einmal das Undenkbare denken? VW könnte für „Verkehrswende“ stehen.“
Metallstanzen können nicht nur Panzer, sondern auch Züge und Straßenbahnen formen. Bei Letzteren beklagen die ÖPNV-Betreiber derzeit Lieferzeiten von mehreren Jahren. Der Produktionsbedarf ist also da. Man kann Transformation und Arbeitsplätze zusammen denken.

Foto Copyright: Kultur Joker

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Eva Stegen