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Musik ist mein Ventil: Freiburger Rapperin Shanel trifft den Hip-Hop in seiner Seele

Mit einer coolen Sonnenbrille und wilden Locken lächelt mir Shanel in Freiburgs Innenstadt entgegen. „Löwenmähne“ hieß ihr letztes Album,

Musik ist mein Ventil: Freiburger Rapperin Shanel trifft den Hip-Hop in seiner Seele

Mit einer coolen Sonnenbrille und wilden Locken lächelt mir Shanel in Freiburgs Innenstadt entgegen. „Löwenmähne“ hieß ihr letztes Album, an dem sie gemeinsam mit dem Produzenten Roey Marquis II gearbeitet hat. Der Frankfurter, der sich selbst Legende nennen darf, arbeitete bereits mit Xavier Naidoo, Kool Savas, Curse oder Azad zusammen. In „Löwenmähne“ trifft dieser souveräne Sound auf die stimmgewaltige Rapperin, deren Attitüde durch jede Zeile dringt. „Geh mir nicht auf meine Eierstöcke“, rappt sie und wahrlich: Man möchte ihr beim Lauschen des Albums nicht auf die Füße treten, strahlt die Rapperin vor mir im Café doch genau das aus, was man den Löwinnen der Savanne nachsagt: Sie sind Jägerinnen, das Fundament eines Rudels. Die Süße aus dem Süden, wie sich Shanel mit einem Augenzwinkern nennt, hat genau das, was man im Hip-Hop am ehesten mit Realness beschreiben würde. Ihr Sound hart und dreckig, ihr Wesen ehrlich mit einem Funken dessen, was im Ursprung Hip-Hop einmal sein wollte.

Zurück zu den Wurzeln
Denn im Kern ist die Seele des Hip-Hops rein. Paradox angesichts von Drogen, schnellem Geld und misogynem Verhalten? Ja, absolut. Doch wer einen Blick in den Kern dieser Subkultur wirft, merkt schnell: Da, wo Hip-Hop herkommt, geht es um mehr. Hip-Hop ist Befreiung, Chance und Widerstand. Geboren in den Tiefen der New Yorker Bronx, schufen Jugendliche ein Ventil für Frust, Armut und Ausgrenzung. Konflikte sollten nicht mehr über Gewalt, sondern auf der Tanzfläche oder neben dem Plattenspieler ausgefochten werden. Rap, der hart und skandalös klingen mag, als Werkzeug der Konfliktmediation und Ausdrucksweise des politischen Widerstands. Schnell sollte sich Hip-Hop zu einer internationalen (Sub-)Kultur entwickeln, die heute schätzungsweise 25 Milliarden US-Dollar pro Jahr erwirtschaftet. Wo Geld und Macht regieren, spielen Werte nur selten eine vordergründige Rolle. Sound, Look und Performance lassen sich verkaufen oder eben nicht. Im Großen wie im Kleinen. Auch Freiburgs Hip-Hop-Szene zeigt sich von verschiedenen Seiten – und zwischendrin, da blitzen auf einmal Juwelen hervor. Ungeschliffen, aber echt, das scheint Shanel auf den ersten Blick am besten zu beschreiben. Bereits als Kind fing sie an zu tanzen, mit sechs Jahren wechselte sie von Jazz und Modern Dance zu Hip-Hop. Musik, so sagt sie, war schon immer ihr Leben. Mit 16 widmete sie sich schließlich ihrem eigenen Sound.
Shanel überrascht musikalisch auf mehreren Ebenen. Zum einen klingt sie Oldschool-dope, echte Kopfnickerbeats, gepaart mit soliden Reimtechniken. Ein Sound, den heute nur noch wenige in Deutschland beherrschen und vor allen Dingen nicht in Freiburg. „Meine größten Vorbilder waren immer Tupac & Biggie Smalls (The Notorious B.I.G.). Da wusste ich: So will ich irgendwann mal rappen können“, erzählt Shanel. Später waren es in Deutschland dann Bushido, Samy Deluxe, Azad und Kool Savas, die ihr musikalisches (Selbst-)Verständnis prägten. „Savas war für mich damals einfach der King“, Shanel grinst. Sobald sie über Musik spricht, wirkt sie entspannt. Wie viel von sich selbst steckt eigentlich in ihrer Musik? „Es war am Anfang meines Albums schwer, mich von der Künstlerin Shanel abzugrenzen. Ich erzähle persönliche Stories. Nach dem Album habe ich gemerkt: Ich muss mich distanzieren, um Energie zu schöpfen und meine Balance zu finden. Sonst verliert man sich selbst.“

Loyalität als Kompass
Die Erfahrung, sich musikalisch zu verlieren, kennt sie. In der Szene habe man ihr geraten, Themen wie Politik oder Religion außen vor zu lassen. „Ich habe gemacht, was andere mir gesagt haben, bis ich gecheckt habe, dass ich meinen eigenen Faden verloren hatte. Meine Musik war plötzlich oberflächlicher“ – oberflächlich? So wirkt ihr Sound heute ganz und gar nicht. Wenn sie davon rappt, dass sie „born and raised auf einem Battlefield“ sei, nimmt man ihr jedes Wort ab, lauscht gespannt ihren Worten, die das Leben einer jungen Frau offenbaren, die es gewohnt ist, kämpfen zu müssen.
„Ich erzähle viel über meine Kindheit, über Zusammenhalt und wie wir aufgewachsen sind“ – wir, das sind Shanel, ihr Bruder Kany und ihr Onkel AJ. Gemeinsam bilden sie die Rap-Crew D.o.C., deren gemeinsame Tracks beweisen, dass hier ein eingespieltes Team zusammenarbeitet. „Wir sind Familie, dieser Zusammenhalt steht im Vordergrund“, betont Shanel.
Zusammenhalt und Loyalität, das sind Kernthemen auf „Löwenmähne“. „Ich stehe grade wie ne Kerze, auch loyal zum Feind“, rappt sie auf „Pfeil und Bogen“, denn „es ist tough, aber Hauptsache, die Werte stimmen“. Tough, das ist das Musikgeschäft allemal. Insbesondere in Freiburg, wo der Hip-Hop-Szene bis heute Bühnen und eine gemeinsame Vision fehlen. „Viele Veranstalter holen Artists von außen, die mehr Reichweite haben. Das Kommerzielle steht im Vordergrund, Follower spielen eine Rolle. Lokale Artists werden meiner Meinung nach nicht genug gefördert“, stellt Shanel fest. Dabei scheint sie das beste Beispiel dafür zu sein, was passiert, wenn sich Hip-Hop an den Kern seines Wesens erinnert: Support. Die Süße aus dem Süden könnte zu einem Polarstern des Freiburger Raps werden – jedenfalls stimmen Sound, Technik und Ambition für die großen Bühnen. Im Herbst erscheint ihr neues Album, auf dem sich die Rapperin noch einmal mehr befreit. „Mit richtig viel Wut“, verspricht sie.

Am 6. November erscheint Shanels neues Album “Roma Vietnamska”. Am 30. Oktober steht sie als Support-Act von Haze auf der Bühne des Jazzhauses. Insta: @shaneloffiziell

Foto: @ Assol Schneider

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Elisabeth Jockers