Was wäre, wenn? Zahlenspiele mit rosa Krankenschwestern und schwarzem Schmierstoff
Was wäre, wenn es in Deutschland für die letzten 3 Monate des Jahres 2026 Geldgeschenke aus den öffentlichen Kassen
Was wäre, wenn es in Deutschland für die letzten 3 Monate des Jahres 2026 Geldgeschenke aus den öffentlichen Kassen nur für Frauen gäbe? Sagen wir mal eine Summe von 2,5 Milliarden Euro, einbezahlt von allen 83, 3 Millionen Menschen die hier leben, ausgezahlt ausschließlich an die 42,2 Millionen Mädchen und Frauen. Jetzt sofort, vom 1. Oktober bis zum 31. Dezember 2026. Gute Gründe dafür liegen auf der Hand: Gender-Pay-Gap, Menstruationsprodukte und Pink-Tax. Letzteres beschreibt die Mehrkosten für identische Produkte und Dienstleistungen, von Friseur über Hygiene-Produkte, Kleidung und selbst Spielzeug – alles rosa Gelesene ist teurer als dasselbe in blau.
Würde es einen Aufschrei geben? Vielleicht würden einige Incels und Frauenhasser steil gehen, doch das ist in der Kultur Joker-Leserschaft kaum zu erwarten. Interessant wäre zu erfahren, was passiert, wenn dieser Gedanke in die nächste Familienfeier getragen würde, wo der nervige Onkel Joachim ständig Reden über seine persönliche Freiheit schwingt. Denn schließlich ist das Zahlenspiel ganz nahe an der Realität, nur eben für eine andere Gruppe von Menschen, als „nur“ Frauen: 83, 3 Millionen Menschen in Deutschland finanzieren im letzten Viertel des Jahres 2026 42,7 Millionen Halter:innen von Verbrenner-PKW den zweiten Tankrabatt in diesem Jahr. Der Erste, von Mai bis Juni, kostete bereits 1,3 Milliarden Euro – uns alle.
Der Vollständigkeit halber: die knapp vier Millionen in Deutschland zugelassenen LKW sollen hier nicht unterschlagen werden. Und auch die Tatsache nicht, dass der Löwenanteil der insgesamt 3,8 Tankrabatt-Milliarden in die Taschen der Öl-Multies fließt. Im Dienste des Bürokratieabbaus sinnierte auch prompt das Satire-Magazin Postillon darüber, dass die Regierung den Tankrabatt künftig direkt an die Ölkonzerne überweisen könne. Weil es so umständlich ist, die erlassenen Steuern von 17 Cent pro Liter auf dem üblichen Weg an den Zapfsäulen zu spielen, solle man den Konzernen das Geld einfach direkt überweisen. Das müsste doch machbar sein. Anders als beim Klimageld, einem Instrument für mehr soziale Gerechtigkeit, bei dem ein gewisser Ampelfinanzminister Lindner sich außer Stande sah, das auf sooo viele Konten zu überweisen, hätte man es mit den Konten einiger weniger Ölkonzerne doch wirklich einfach. Gut, dass der Postillon mitdenkt! Und nein, auch der aktuelle Finanzminister Klingbeil denkt nicht daran, die 2,7 Milliarden, die er aus der CO2-Bepreisung von uns allen eingesammelt hat, als Klimageld an die Bürger:innen zurückzuzahlen, sondern stopft damit lieber die weit aufgerissenen, allgemeinen Haushaltslöcher. Ja, genau die Löcher, die durch Tankrabatt-Unfug für Big Oil noch vergrößert werden. Wofür stand nochmal das ‚S‘ bei seiner SPD?
Jetzt kommt also nach zwei krachend gescheiterten Anläufen der dritte Tankrabatt. Man kratzt sich am Kopf und wundert sich im Stillen, warum ausgerechnet der Kanzlerpartei in den Umfragen die ‚große Wirtschaftskompetenz‘ zugetraut wird, wenn noch nicht einmal die einfachsten Grundsätze von Angebot und Nachfrage verstanden werden. Durch die Blockade der Straße von Hormus reduziert sich das Angebot auf dem Markt, es gibt mehr Spielraum für Margen, folglich wird der Treibstoff teurer. Darauf könnte man sinnvoller Weise mit gedrosselter Nachfrage reagieren, um die Preisspirale zu entschleunigen. Oder man stachelt den Verbrauch zusätzlich an, indem man das teure Produkt noch subventioniert. Oligarchen und Öligarchen reiben sich ob der Zusatz-Marge die Hände.
Das 9-Euro-Ticket wirkte 2022 in die entgegengesetzte Richtung: Die durchschnittliche jährliche Fahrleistung pro Pkw fiel um 3,9 % gegenüber 2021 – dem ersten Coronajahr, das ohnehin durch Homeoffice und Lockdown schon weniger Kilometer auf dem Buckel hatte. Konterkariert wurde allerdings auch das durch einen Tankrabatt der 3,4 Milliarden Euro kostete, vom 1. Juni bis zum 31. August 2022 . Viele Menschen sahen gar keinen Anlass, für Einkauf, Freizeit, Wochenendausflug oder Urlaub verschiedene spritfreie Alternativen auszuprobieren.
Die ständig propagierte Technologie-Offenheit scheint in vielen Köpfen noch keine Mobilitätsfantasien wachgeküsst zu haben. Verwunderlich, schließlich sollten doch diejenigen, die „freie Fahrt für freie Bürger“ propagieren und damit die eigene Freiheit im eigenen – gerne überdimensionierten – Auto meinen, über jeden und jede jubeln, die weniger Platz im öffentlichen Raum einnimmt, als man selbst. Man stelle sich vor, in Freiburg würden sich alle Radler:innen (47%), Fußgänger:innen (14%) und Öffi-Nutzer:innen (18%) entschließen, sich auf dem Weg zur Arbeit oder Ausbildung im eigenen PKW zu den anderen Privat-Auto-Nutzer:innen (37%) auf die Straße zu gesellen. Eine Vision, die nur leiden(!)schaftliche Stau-Junkies in Ekstase bringt.
Die Autorin selbst empfindet es auch ohne Stau eher als Strafe, in einer Blechkiste sitzen zu müssen und über Straßen fahren zu sollen. Sie möchte ganz frei und technologieoffen entscheiden können, ob sie heute lieber mit Inlinern, dem Rad oder zu Fuß auf den schönen kleinen Wegen unterwegs sein möchte, ob sie dazu zu schlapp ist, lieber in Bus oder Bahn Luftlöcher schaut oder auch mal ein Auto leiht. Und doch spürt sie beim Gedanken daran, dass sie aus ihrem Mobiltäts-Budget auch nur einen noch so winzigen Teil steinreichen, frauenverachtenden, klimaverbrennenden, demokratiezerstörenden, Propaganda-finanzierenden Menschenrechtsverletzern zuschanzen könnte, einen unbändigen Widerwillen. Deswegen sind auch bei Carsharing kleine E-Fahrzeuge ihre erste Wahl. Und nein, sie beneidet die Ärzte, Bänker, Anwälte, die Tankrabatt-subventioniert im Maserati auf einen Kaffee an den Zürichsee brettern, ausdrücklich nicht. Sie findet nur, dass die Subventionen, die immer mit der auf dem Land lebenden Krankenschwester begründet werden, weder an diese Leute, noch an die Mineralölkonzerne fließen sollten.
Doch die Landbevölkerung besteht nicht nur aus Vorzeige-Nachtschwestern für Mineralöl-Narrative. Im Bundesdurchschnitt haben nur 59 % der Menschen ein Auto. Die vielen anderen haben entweder keins, weil sie sich keins leisten können, weil sie nicht fahren können oder aus anderen Gründen. Auch sie sind auf funktionierende Mobilität angewiesen. Ein funktionierender ÖPNV, mit dem die Krankenschwester nachts angstfrei zur Schicht käme, das Rentnerpaar zu seinen Arztterminen, ohne den gesamten Tag um einige, wenige Busfahrzeiten herumbauen zu müssen, die Lehrlinge zum Job und wieder zurück – das wäre doch mal erstrebenswert. Ein reiches Land wie Deutschland müsste das doch hinbekommen. Dieses reiche Land leistet es sich, Jahr für Jahr rund 80 Milliarden Euro für fossile Brennstoffe ins – z.T. durchaus ungeliebte – Ausland zu überweisen, ein Großteil für Erdölprodukte. Die Summe ist 23 mal höher als die Kosten für den Tankrabatt 2022 (3,4 Mrd €) und sogar 32 mal höher als fürs 9-Euro-Ticket (2,5 Mrd €). Wollen wir wirklich so weiter machen und daran glauben, es ging um Krankenschwestern statt um Öligarchen?
Foto: Die Satirezeitschrift Postillon titelt im März: Straße von Hormus zu: Öltanker weichen auf Fahrradweg von Hormus aus. KI generiert/Art Media Verlag




