Ego-Dokumente erzählen lassen: Das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen
Das Deutsche Tagebucharchiv ist eine Besonderheit unter den deutschen Archiven. Es befindet sich im Alten Rathaus auf dem Emmendinger
Das Deutsche Tagebucharchiv ist eine Besonderheit unter den deutschen Archiven. Es befindet sich im Alten Rathaus auf dem Emmendinger Marktplatz und hat in dem schönen Barockgebäude von 1729 einen sehr stimmungsvollen Rahmen gefunden. Das Haus steht unter Denkmalschutz und das Archiv seit 2019 ebenfalls. Es erhielt den Eintrag als schützenswertes Kulturgut im Denkmalbuch des Landes Baden-Württemberg. Dort wird es als „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“ bezeichnet. Ein Gutachten des Landesarchivs Baden-Württemberg stellte die Bedeutung des Tagebucharchivs wegen des „besonderen Seltenheitswertes und des hohen dokumentarischen und exemplarischen Wertes“ fest.
Ein Alleinstellungsmerkmal des Archivs ist sein Sammlungsschwerpunkt: Tagebücher, Lebenserinnerungen, Briefe und Fotografien von Privatpersonen, keine Berühmtheiten, Leute wie Du und Ich. Sie notieren ihre Erinnerungen, Empfindungen und Erlebnisse in ihren Tagebüchern und drücken damit ein „Gedächtnis des Alltags“ aus, das sich in keiner anderen Verschriftlichung so deutlich manifestiert. Diese sogenannten Ego-Dokumente erzählen aus einem Blickwinkel „von unten“ historische oder auch aktuelle Ereignisse. Sie drücken die Wahrnehmung der unmittelbar Betroffenen aus. Sie sprechen die Sprache ihrer Generation und ermöglichen damit einen Einblick in gesellschaftliche Prozesse. Die Sprache, die Werte, die Moral, so viele Aspekte einer Zeit lassen sich anhand der Tagebücher nachvollziehen.
Tagebücher sind von ihren Schreiberinnen eher selten zur Veröffentlichung gedacht. Oft wird das Tagebuch als Gegenüber – „Liebes Tagebuch“ -angesprochen, in dem man Dinge notiert, an die man sich erinnern möchte oder über die man sich klarwerden möchte. Nicht nur das zuinnerst Liegende, Persönliche, findet darin seinen Platz, auch scheinbar Nebensächliches, wie Einkaufslisten, Wetterbeschreibungen oder Kochrezepte. Auch Goethe hat in seinen Tagebüchern mit meist kurzen, nüchternen Eintragungen von seinen täglichen Begegnungen berichtet, Gästelisten, Bücherverzeichnisse, amtliche Überlegungen und Selbstbefragungen notiert. In der Schilderung von Alltagsereignissen, egal ob Dichter oder Normalbürger, kann ein enormes Potential von Informationen liegen. Für die Biographie-Forschung, die Mentalitäts- und Kulturforschung sind die archivierten Tagebücher Quellen, die eine offizielle Geschichtsschreibung ergänzen und aus der persönlichen Sicht der Betroffenen Ereignisse vervollständigen. Angeregt durch das italienische Tagebucharchiv Archivio Diaristico Nazionale in Pieve Santo Stefano wurde das Deutsche Tagebucharchiv 1998 als Verein in Emmendingen gegründet und fing zunächst mit wenigen Tagebuchexemplaren an. Der Bestand erweiterte sich rasant. Man hatte mit der Idee offenbar einen Nerv getroffen und einem Thema ein Forum eröffnet, wo großer Bedarf und vielfältiges Interesse vorhanden war. Das Thema Tagebuch war und ist so verbreitet, dass fast jeder etwas damit anfangen kann. Selbst für diejenigen, die kein Tagebuch schreiben, ist dieser Vorgang der Niederschrift persönlicher Erlebnisse und der individuellen Sicht auf die Dinge faszinierend. Allseits bekannt ist ein besonders berühmt gewordenes Tagebuch mit einer außergewöhnlich weiten Wirksamkeit: das Tagebuch der 13-jährigen Anne Frank. Ihr rotkariertes Tagebuch nimmt eine Ausnahmestellung in der Weltliteratur und der Geschichtsschreibung über den Holocaust ein. Es ist eines der meistgelesenen Dokumente des 20. Jahrhunderts.
Die umfangreiche und informative Homepage des Deutschen Tagebucharchivs informiert über Belange, Bedingungen und Aktivitäten des Archivs. Dort ist der aktuelle Bestand mit über 28.600 Dokumenten von 5.600 Autorinnen genannt. Knapp 30 Prozent aller Dokumente sind digitalisiert und in einer Datenbank recherchierbar. Das Archiv steht Forschenden und Interessierten aus aller Welt nach Anmeldung und Terminanfrage offen. Die Spanne der gesammelten Dokumente reicht vom 18. Jahrhundert bis heute. Das älteste Objekt ist ein württembergischer Schreibkalender, ein Almanach, den der Pfarrer Gottlieb Christoph Bohnenberger im Jahr 1760 für seine Buchhaltung und für kurze Notizen nutzte. Der Pfarrer aus Neuenbürg im Enzkreis nahm als Feldprediger am Siebenjährigen Krieg teil und marschierte mit seinem Regiment nach Thüringen und Sachsen-Anhalt. Auf der Homepage des Deutschen Tagebucharchivs finden sich einige Seiten aus diesem Almanach mit anderen Beispielen aus der Transkriptionswerkstatt und geben so einen Einblick in die unterschiedlichsten Schriftstücke. Tagebuchschreiben ist nicht geschlechtsspezifisch. Im Jahr 2021 ermittelte das Archiv das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Verfassern der autobiografischen Dokumente, die bis dahin übergeben wurden, es betrug etwa 57:43. Der Männeranteil ist ein wenig größer als der von Frauen. Das mag daran liegen, dass ein Großteil der gesammelten Materialien um die Jahre der beiden Weltkriege entstand und aus Feldpostbriefen und Kriegstagebüchern besteht, die weitestgehend von Männern geschrieben wurden. Weitere Dokumente – auch aus dem militärischen Bereich – reichen bis in die jüngere Vergangenheit der deutschen Geschichte mit einer Reihe von Brigade-Tagebüchern und Lebenszeugnissen aus der ehemaligen DDR. Die Themen sind vielfältig und auch die Formen der Tagebücher sehr unterschiedlich. Es finden sich einfache schwarze Kladden, Hefte in Überformaten, Ringbücher oder Minibüchlein. Manchmal sind sie bunt eingeschlagen, verschließbar, abgegriffen, sorgfältig verziert und alle sind mit der Hand geschrieben. Oft finden sich eingeklebte Bilder aus Zeitschriften, Fotos oder kleine Zeichnungen und Gemälde. Jedes Tagebuch hat einen eigenen Charakter wie auch die Handschriften ihrer Verfasserinnen. Der Bleistift, die Tinte, der Kugelschreiber alles trägt zur Lesbarkeit bzw. ihrem Gegenteil bei. Die Entzifferung der Texte ist oft eine große Herausforderung. Ältere Handschriften aus dem 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts sind in Kurrent oder Sütterlin geschrieben. Nur noch wenige Personen können heutzutage diese Schriften lesen. In vielen Stunden mühsamer Arbeit werden die Texte von freiwilligen Helfern entziffert, transkribiert und dadurch erst für die Allgemeinheit nutzbar gemacht.
Die umfangreichen Arbeiten, die im Archiv geleistet werden bevor ein Dokument die Form hat, mit der die Wissenschaft arbeiten kann, werden zu großen Teilen von den rund 100 Ehrenamtlichen übernommen. Zusammen mit den hauptamtlichen Archivmitarbeiterinnen kümmern sich die freiwilligen Helferinnen um alle notwendigen Tätigkeiten. So gilt es Vertragsunterlagen, Signaturnummern, Erfassungsbögen, digitale Datensätze anzulegen und ungezählte formale, technische, handwerkliche und kommunikative Vorgänge zu durchlaufen, bis ein Schriftstück schließlich, eingeschlagen in säurefreiem Papier, in einem Archivkasten landet und zur weiteren Benutzung bereit ist.
Im Jahr 2014 konnte im 1. Stock des Alten Rathauses außerdem ein kleines Museum eröffnet werden. Die zwei, mit Vitrinen ausgestatteten Räume, in denen unter thematischen Gesichtspunkten regelmäßig Ausstellungen eingerichtet werden, sind das „Schaufenster“ des Archivs. Die aktuelle Ausstellung trägt den Titel: „Lebenslust – Lebenslast – Lebenskunst – Tagebücher erzählen“. Sie bietet Einblicke in persönliche Aufzeichnungen, darunter neu aufgenommene Arbeitsjournale, Kochkalender und Scrapbooks, die den Alltag vom 19. Jahrhundert bis heute dokumentieren. Es werden Führungen angeboten, auch mit dem Audioguide, kleine Kataloge entstehen zu den Ausstellungen, Blogbeiträge und Interviews werden auf der Homepage zugänglich gemacht. Auch die sozialen Medien werden bespielt und man kann dem Archiv auf Instagram folgen. Dreimal im Jahr erscheinen die sogenannten Neuigkeitenbriefe, ein im deutschen eher ungebräuchlicher Begriff, vermutlich um das englische Newsletter zu vermeiden. Die eher selten stattfindenden Vor-Ort-Veranstaltungen wie Lesungen und Vorträge sind meist schon Wochen vor dem Termin ausgebucht. Und das alles wird von einem privaten Verein engagierter Bürger betrieben. Chapeau!
Das Tagebucharchiv in Emmendingen sammelt private Lebenszeugnisse aus der Zeit Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart © feyzaen/pexels



