Ein Haus für die freie Szene: Im Gespräch mit Manuela Kowatsch & Daniel Vollmer, Vorstandsduo E-Werk Freiburg
Dass in Freiburg ein soziokulturelles Zentrum 30 Jahre feiern darf, ist nicht selbstverständlich. Umso bedeutsamer ist das Jubiläum des
Dass in Freiburg ein soziokulturelles Zentrum 30 Jahre feiern darf, ist nicht selbstverständlich. Umso bedeutsamer ist das Jubiläum des E-Werks für die Stadt und Szene. Doch 2026 wird im E-Werk nicht nur 30 Jahre Soziokultur gefeiert: Seit Juni gibt es ein neues Vorstandsduo. An die Seite von Manuela Kowatsch gesellt sich Daniel Vollmer, der zuvor u. a. Mitbegründer des DELPHI_space war und für die Art Basel arbeitete. Im Gespräch mit Elisabeth Jockers erzählen Kowatsch und Vollmer von Jugendsünden, der Bedeutung des E-Werks für Freiburgs freie (Tanz)Szene und werfen einen Blick in die Zukunft der Bildhauerhalle.
Kultur Joker: In diesem Jahr feiert das E-Werk 30 Jahre Soziokultur. Die 30er, so sagt man jedenfalls, dienen der eigenen Festigung. Die Selbstfindungsphase ist mehr oder weniger abgeschlossen. Wie sahen denn die 20er des E-Werks aus?
Daniel Vollmer: (lacht) Die Parallele kann man gut ziehen! Das E-Werk ist, so habe ich das Gefühl, aus einem Wildwuchs, einer großen Freiheit und aus viel, viel kreativer Energie entstanden. Rückblickend ist in dieser Zeit in Freiburg viel passiert.
Kultur Joker: Die Kultur hat sich damals (Frei)Räume und Bühnen gesucht. Eine Form der Entfesselung.
Daniel Vollmer: Genau. Und wie das halt immer so ist mit der Zeit: Räume werden angenommen, wachsen, institutionalisieren sich. Mit Ende Zwanzig kommt es in Bahnen. Manchmal ist der anfängliche Wildwuchs zu einem Überwuchs geworden, sodass man das Gefühl hat, man muss sich befreien, um eine eigene, neue Energie freizulegen. Wir übernehmen ein großes Erbe, das ist das Fundament unserer Arbeit. Darauf müssen wir jetzt die Zukunft aufbauen.
Manuela Kowatsch: Ich habe 2020 im E-Werk angefangen und kenne es, seitdem es sozusagen Mitte 20 ist. Damals habe ich u.a. das Musikprogramm und Veranstaltungen kuratiert. So wie ich das E-Werk unter Jürgen Eick als Geschäftsführung kennengelernt habe, hat bereits sehr vieles sehr gut funktioniert – auch wenn sich in den Jahrzehnten zuvor einiges einruckeln musste.
Kultur Joker: Aber das hat sich gelohnt, oder?
Manuela Kowatsch: Absolut. Heute ist das Freiburger E-Werk eines der größten soziokulturellen Zentren in Baden-Württemberg und zugleich ein Mehrspartenhaus. In unseren 20ern hat sich vieles etabliert und eine gewisse Routine erfahren, u.a. dadurch, dass einzelne Sparten individuell kuratiert und besetzt wurden. Dazu gehört auch die Drittmittelakquise, wodurch z.B. der Tanzpakt über insgesamt zwei Förderrunden und 6 Jahre stattfinden konnte. Dadurch hat die freie Szene hier sehr viel Raum erhalten und sich professionalisiert. Die letzten 10 Jahre waren eine Zeit der Etablierung.
Kultur Joker: Wie gehören das E-Werk und die freie Szene zusammen?
Manuela Kowatsch: Das E-Werk ist für die freie Szene ein wichtiger Experimentierort, um sich künstlerisch auszuprobieren, ohne den Hintergrund „Wir müssen da jetzt unbedingt etwas aufführen.“ Durch diese Zusammenarbeit hat sich auch ergeben, dass wir heute das Südufer verwalten.
Kultur Joker: Gibt es eine Jugendsünde aus den 20ern, die dort lieber bleiben soll?
Manuela Kowatsch: (lacht) Das war alles noch vor meiner Zeit, aber als das E-Werk hier neu entstanden ist, gab es natürlich auch sehr viele wilde Partys. Das ist nicht unbedingt eine Jugendsünde, aber vielen Menschen, die schon länger in Freiburg wohnen, noch immer in guter Erinnerung.
Kultur Joker: Euer Programm geht zum Teil auch aus einem Impuls seitens des Teams heraus. Vor einigen Jahren gab es z.B. eine Drum’n’Base Reihe, die von einem Auszubildenden angestoßen wurde.
Daniel Vollmer: Das ist ein soziokulturelles Zentrum und es ist wichtig, die Community im Haus zu haben. Zum Thema Jugendsünde: da gibt es vielleicht das ein oder andere Möbelstück, das noch starken 1990er-, und 2000er-Charme verbreitet. (lacht)
Kultur Joker: In Freiburgs Kulturlandschaft ist es nicht selbstverständlich, dass ein Ort 30 Jahre erhalten bleibt. Was hat das E-Werk so gestärkt?
Manuela Kowatsch: Das liegt vor allem an unserem Team, das hier so viel Herzblut reingibt. Daraus kann das E-Werk immer wieder neue Kraft schöpfen und erfährt, durch Ideen und Impulse, von Zeit zu Zeit eine gewisse Erneuerung. Sie alle tragen viel dazu bei, dass das E-Werk erfolgreich 30 Jahre feiern kann.
Daniel Vollmer: Das ist mir hier direkt aufgefallen. Klar gibt es Reibungspunkte, das gehört dazu und ist vielleicht auch besonders wichtig. Gleichzeitig ist es so: Jeder Person, die im Team mitarbeitet, ist dieser Ort wichtig. Niemand macht hier einen 9-to-5-Job, bei dem um Punkt 17 Uhr Schluss ist.
Kultur Joker: Ihr agiert einerseits interdisziplinär, andererseits liegt ein starker Fokus auf Tanz. Wie kommt das?
Manuela Kowatsch: Es ist ein Alleinstellungsmerkmal. Wir können der freien Tanzszene Produktion und Aufführung an einem Ort bieten, das ist außergewöhnlich. Der Tanzpakt hat durch die Förderung dazu beigetragen, dass wir die Räume zur Verfügung stellen konnten. Jetzt ist der Tanzpakt ausgelaufen und es ist an uns zu schauen, wie wir die Szene, die sich durch die Förderung professionalisiert hat, weiter unterstützen können. Tanz soll ein fester Bestandteil bleiben. Dennoch ist uns klar: Wir haben über 300 Veranstaltungen im Jahr und müssen gezielter vorgehen. Das E-Werk ist ein soziokulturelles Zentrum, das ist der Kern, der alle Sparten durchziehen sollte. Wir bleiben ein Haus für die freie Szene!
Kultur Joker: Wie geht es nach dem Tanzpakt weiter?
Daniel Vollmer: Wir sind dabei, einen neuen Antrag zu schreiben. Das ist die dritte und letzte Runde des Tanzpakts, danach gibt es das Programm nicht mehr. Man hat eine Szene herangebildet und dazu beigetragen, dass sie sich professionalisiert. Da wäre es schlimm zu sagen: Jetzt ist es vorbei, wir lassen alle fallen. Es muss weitergehen – überregional vernetzt, nachhaltig und resilient – darum wird es im dritten Teil gehen.
Kultur Joker: Ihr habt dieses Jahr ein solidarisches Preissystem eingeführt. Wie reagiert das Publikum darauf?
Manuela Kowatsch: Wir haben uns auf den Weg begeben, den andere Kulturhäuser auch schon gegangen sind, um Balance und Gerechtigkeit zu schaffen. Unser Ziel war es, Barrieren abzubauen und Teilhabe zu ermöglichen. Es gibt durchaus die Bereitschaft von Menschen, mehr zu bezahlen, wenn sie die Möglichkeit haben. Der riesige Effekt blieb bislang aus, aber vielleicht müssen die Menschen das erst noch besser kennenlernen.

Kultur Joker: Soziokulturelle Teilhabe ist bei deinen früheren Projekten, Daniel, auch immer ein Thema gewesen.
Daniel Vollmer: Unbedingt. Wir haben gestern lange darüber gesprochen. Was genau ist kulturelle Teilhabe, was ist Soziokultur? Gestern hatten wir den Punkt: Es ist immer die Frage, ob man was obendrauf konstruiert oder ob es in den Strukturen selbst angelegt ist. Wenn man anfängt und versucht, spezifische Gruppen anzusprechen, ohne Teil dieser Gruppe zu sein, wirkt das schnell aufgesetzt. Wenn man guckt, dass man genau mit diesen Gruppen arbeitet, sie integriert und in den Programmsparten mitdenkt, dann kann kulturelle Teilhabe funktionieren.
Kultur Joker: Kooperationen spielen im Kulturbereich eine immer größere Rolle, zuletzt war das Performing Democracy Festival beispielhaft dafür. Sind solche Kooperationen wichtig für den Fortbestand der kulturellen Infrastruktur?
Manuela Kowatsch: Definitiv. Performing Democracy ist ein Festival, das wirklich gut funktioniert. Wie du sagst: Gemeinsam sind wir stärker. Man sollte niemals gegeneinander arbeiten, sondern schauen, wo es Gemeinsamkeiten und Überschneidungen im Programm gibt, damit Räume besser aufgeteilt werden können.
Daniel Vollmer: Nicht nur in Freiburg muss das ausgebaut werden, auch überregional und vor allem grenzüberschreitend. Wir haben in Freiburg geografisch betrachtet eine wahnsinnig gute Lage.
Kultur Joker: Seitens der regionalen Musikszene wird die Luft in Freiburg dünner, Bühnen werden immer seltener für sie geöffnet. Warum ist sie auch im Programm des E-Werks so wenig vertreten?
Manuela Kowatsch: Die regionale Musik hat bei uns keinen so etablierten Ort, weil wir dafür nicht gut genug ausgestattet sind und sehr viel Druck auf unserem Saal ruht. Wir würden gerne einen dritten Raum haben – sei es z.B. das Foyer. Es ist auch eine Leistungskostenrechnung, die in dem Bereich leider nicht aufgeht.Tanz und Kunst erhalten Förderungen, bei der Musik ist das anders. Diese Veranstaltungen müssen sich selbstständig tragen. Daher konnten wir die Musik in den letzten Jahren nicht so bedienen, wie sie es verdient hätte.
Daniel Vollmer: Da kann man gut an den Netzwerkgedanken anknüpfen. Unsere Räume sind dafür zu groß. Für die regionale Musikszene fehlen kleinere Lokalität. Eine Größe für 100-200 Leute – wie z.B. der Slow Club – ist ideal und fehlt leider vielerorts. Unser Saal hat eine Kapazität von 800 Stehplätzen. Das ist für kleinere Formate nicht finanzierbar.
Kultur Joker: Daniel, bei dir liegt eine Frage relativ nah: Du kommst hauptsächlich aus dem Kunstbereich. Inwiefern wirst du diese Kompetenz ins E-Werk einfließen lassen, auch im Hinblick auf die Galerie für Gegenwartskunst?
Daniel Vollmer: Wir haben Heidi Brunnschweiler, sie hat alle Kompetenz der Welt. Von daher war für mich klar, dass ich ihr nicht reinfunken werde. Das Programm, das sie für die Galerie macht, und wie sie Themenschwerpunkte setzt, ist super.
Kultur Joker: Wie sieht es mit der Zukunft der Ateliers in der Bildhauerhalle aus? Da gab es in den letzten Jahren Diskussionen und Ängste seitens Kunstschaffender.
Manuela Kowatsch: Wir sind ein Verein mit Mitgliederversammlung, da werden diese Themen diskutiert. Es wurden auch E-Werk-Prozess-Workshops angeboten, wo viele Künstler:innen aus dem Haus dabei waren, um zu überlegen, wohin sich das Haus entwickeln will – auch architektonisch. Es ist großartig, was hier an künstlerischer Leistung stattfindet. Nur ist es dem Publikum leider nicht zugänglich. Daran wollen wir arbeiten und zusammen mit den Künstler:innen mehr Öffentlichkeit schaffen, um zu zeigen, was hier passiert.
Daniel Vollmer: In der kurzen Zeit habe ich mitbekommen, dass es Ängste gab. Die gilt es abzubauen. Das Besondere an diesem Haus ist, dass hier nicht nur Präsentation sondern auch Produktion stattfindet. Man muss einen Schutzraum bieten, aber es ist auch der Wunsch der Produzierenden, sich zu präsentieren. Das geht nur miteinander und es gilt, gemeinsam Wege dafür zu finden.
Kultur Joker: Da gibt es auch ein Bedürfnis seitens des Publikums – das hat Anfang des Jahres das Event zu 30 Jahre Soziokultur samt geöffneter Bildhauerhalle eindrücklich zeigt.
Manuela Kowatsch: Genau das wollen wir erreichen. Das Haus gehört der Stadt und ist öffentlich gefördert. Wir müssen den Künstler:innen ermöglichen, in Ruhe zu arbeiten, aber auch zeigen, was im Haus passiert. Jedes Atelier eröffnet eine andere Welt. Es ist schade, wenn das nicht wahrgenommen wird.
Kultur Joker: Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Wie sieht eure Vision des E-Werks in zehn Jahren aus?
Manuela Kowatsch: Wir haben gestern lange zusammengesessen und darüber gesprochen, was uns persönlich am E-Werk wichtig ist. Wir wollen die Mehrspartigkeit des Hauses erhalten – die darstellende und visuelle Kunst sowie die Soziokultur, die alles durchzieht/zusammenhält. Die Vision ist, sich nicht auf dem Status quo auszuruhen, sondern neue Impulse in die Stadt zu bringen und neues Publikum zu generieren.
Daniel Vollmer: Themen im Haus setzen und versuchen, sie in die Stadt zu tragen. Nicht viele vereinzelte Veranstaltungen ohne Verbindung haben, sondern mit den Programmleiter:innen Dächer und Klammern bilden, damit man von außen besser versteht, was das E-Werk ist. Jetzt ist das manchmal schwammig. Bisher wird das E-Werk singulär wahrgenommen: Man geht zu einer Veranstaltung und zieht danach weiter. Es fehlt ein Ort zum Verweilen, damit gehen aber auch finanzielle Aspekte einher. Wir müssen überlegen, wie wir Standbeine diversifizieren können, denn derzeit sind wir stark städtisch gefördert, was wichtig ist, aber wir brauchen andere Stelzen für mehr Flexibilität. Kultur muss in solchen Zeiten kreativ denken. Und zuletzt, das hat Manuela gestern so treffend gesagt: Die Zeit, in der ein Haus unpolitisch sein kann, ist vorbei.
Kultur Joker: Liebe Manuela, lieber Daniel, vielen Dank für das Gespräch!
Foto: Manuela Kowatsch und Daniel Vollmer Foto: Jennifer Rohrbacher




