Im Gespräch: Pierre Kretz, Schriftsteller und deutsch-französischer Elsässer
Erzählungen, Romane, Essays sowie Theaterstücke hat Pierre Kretz verfasst. Seine Prosawerke „Der Seelenhüter“, „Ich, der kleine Katholik“ und „Verlorene
Erzählungen, Romane, Essays sowie Theaterstücke hat Pierre Kretz verfasst. Seine Prosawerke „Der Seelenhüter“, „Ich, der kleine Katholik“ und „Verlorene Leben“ sind aus dem Französischen ins Deutsche übertragen worden. Hervorgetreten ist der Autor auch mit Theaterstücken in elsässisch-französischer Mundart, etwa dem sarkastischen Einakter „Ich ben a beesi Frau“ (2015) und der Komödie „D‘Fàmeli Strumpfmann“, die auf beiden Rheinseiten spielt. Soeben ist die Erzählung „Lettre tardive à ma mère“ erschienen, ein verspäteter Brief an seine Mutter. Pierre Kretz, geboren in Séléstat (*1950), war bis zu seinem 50. Lebensjahr als Jurist tätig. 2024 erhielt er den Johann-Peter-Hebel-Preis für sein traditionsbewusstes Werk. Cornelia Frenkel hat den Autor befragt.
Kultur Joker: Die Erzähler in Ihren Werken sind Kunstfiguren, die typische Schicksale und Zeitläufte widerspiegeln, z.B. „Der Seelenhüter“. Was hütet er?
Pierre Kretz: Auf dem Weg zu meinem Haus in den Vogesen komme ich an zwei Friedhöfen vorbei, einem städtischen sowie einem deutschen Militärfriedhof, der für zwei Weltkriege des 20. Jahrhunderts „genutzt“ wird. Was bleibt von den Menschen, die vor uns gelebt haben? Manche haben Spuren hinterlassen, Fotos, Schriftliches, Gemälde. All dies wirkt fast lächerlich, wenn man gleichzeitig erlebt, wie die Welt derzeit ihre Flucht nach vorne fortsetzt. Mein „Seelenhüter“ hat eine Obsession: Er hält am Erinnern fest – besonders an Personen, die ihr Leben auf den Schlachtfeldern verloren haben.
Kultur Joker: Eines Ihrer Bücher handelt von einem Großvater, der vier Mal den Staat und die Sprache wechseln musste?
Pierre Kretz: Die Elsässer sind nicht die einzigen Europäer, die diese Art von Erschütterung erlebt haben, die Geschichte Mitteleuropas ist voll davon. Selbstverständlich hinterlässt dies in einer Region und bei deren Bewohnern deutliche Spuren. Zunächst, weil all diese Vorgänge mit Gewalt verbunden sind, mit militärischer Gewalt sowie mit „Umerziehung“. Selten konnten die Elsässer in der Geschichte über ihr Schicksal entscheiden.
Kultur Joker: Worauf deuten die Animositäten zwischen deutsch- und franzosenfreundlichen Elsässern sowie zwischen Katholiken und Protestanten, die in Ihren Erzählungen auftauchen?
Pierre Kretz: In Bezug auf diese empfindliche Frage sollte man Schematisierungen vermeiden. Doch Frankreich ist ein vorwiegend katholisches Land; die Aufhebung des „Edikts von Nantes“ (1685 Ludwig XIV.) zwang die Hugenotten zur Flucht – das hat sich tief in das Gedächtnis eingeprägt, auf nationaler und regionaler Ebene. Im Elsass wird die Problematik dadurch verstärkt, dass hier die Mehrheit der Protestanten Lutheraner sind und Luthers Sprache war das Deutsche, wie man ihnen 1940 einzubläuen versuchte. Zwei neue Recherchen jüngerer Pastoren hinterfragen die Vergangenheit ihrer Kirche in der NS-Zeit.
Kultur Joker: Wie lässt sich das Psychogramm des Romans „Verlorene Leben“ umreißen?
Pierre Kretz: Der Protagonist der Erzählung wird am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert geboren und kann eventuell als Gegenpart zu meiner Generation gelesen werden, ein halbes Jahrhundert später. Für Ernest Schmitt aus „Verlorene Leben“ scheint von Geburt an alles vorprogrammiert, durch das Korsett der Religion, die sozialen Klassen und ihre Werte. Doch die Zwangsrekrutierung zur NS-Wehrmacht wendet seine Lage dramatisch. So hat sich ihm kaum eine Lücke geboten, seine Existenz nach eigenen Wünschen zu gestalten – im Gegensatz zu dem, was die Geschichte meiner Generation ermöglicht hat: Freiheit, die Konstruktion von Europa und Frieden, den man irrigerweise für ewig hielt …
Kultur Joker: Die autobiographisch grundierte Erzählung „Ich, der kleine Katholik“ blickt auf Sozialisationsbedingungen in einem elsässischen Dorf der 1950er-Jahre, was macht sie aus?
Pierre Kretz: Das Leben in diesem Dorf ähnelte vermutlich vielen anderen Dörfern, d.h. das Weltbild war durch religiöse Werte geprägt und das Dorfleben dem liturgischen Kalender angepasst. In meiner Erzählung wird all dies durch die Augen eines Kindes gesehen und weist insofern auf eine allgemeinere und sehr aktuelle Problematik, nämlich die Einsamkeit eines Kindes. Die Thematik taucht erneut in meinem letzten Werk auf.
Kultur Joker: Die Gewaltpolitik der Nazis im Zweiten Weltkrieg hat in Elsass-Lothringen brutale Spuren hinterlassen, etwa das KZ „Natzweiler-Struthof“, Medizinverbrechen, das Gestapolager „Queuleu“ bei Metz und Vertreibungen. Lässt sich das vergessen?
Pierre Kretz: Mit der Zeit treten diese grauenhaften Ereignisse im Gedächtnis immer weiter zurück und mildern deren Prägnanz. Die 1945 geborenen Elsässer sind heute achtzigjährig. Ihre Kinder haben zu diesen Orten sowie zu Kriegsverbrechen und Zwangsrekrutierung nicht mehr die gleiche belastete Beziehung wie Eltern und Großeltern. Doch um entsprechende Fragen wachzuhalten, muss stetig Erinnerungsarbeit geleistet werden, auch weil der Nationalismus zunimmt und Ideen wiederauftauchen, die man für überlebt hielt.
Kultur Joker: Sie haben mitunter bitterböse elsässisch-französische Mundart-Texte verfasst, darunter „Ich ben a beesi Frau“ (2015). Woher Ihr Interesse an der „bösen“ Frau?
Pierre Kretz: Anfangs habe ich kaum Texte in Dialekt-Prosa geschrieben, aber irgendwann hat sich das Bedürfnis aufgedrängt. Für die Erzählung „Ich ben a beesi frau“ war es dieser erste Satz, der mich angeregt hat, mit Betonung auf „bees“. Aber es spielt noch anderes mit, etwa das meisterhafte Theaterstück „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt. Vielleicht wirkte auch mein früherer Beruf als Anwalt nach, in Scheidungsfällen begegnete ich aus nächster Nähe sämtlichen Arten von alltäglicher Bösartigkeit.
Kultur Joker: Kürzlich haben Sie die Erzählung „Comment ça va Màmma? Lettre tardive à ma mère“ veröffentlicht. Warum ein verspäteter Brief an Ihre Mutter?
Pierre Kretz: Die Idee hatte ich lange Zeit mit mir herumgetragen. Dabei war mir klar, dass es um sensible, nur schwer sagbare Dinge geht. Selbstverständlich war kein therapeutisches Bekenntnis intendiert, insofern stellte sich eine streng literarische Schwierigkeit: Werde ich die entsprechende Musik der Sprache finden, den richtigen Tonfall und vermeiden, in Pathos und Sentimentalität zu verfallen? Als ich den Eindruck hatte, die Richtung ist akzeptabel, bin ich ins Wasser gesprungen. Letztlich ist Schreiben immer ein bisschen wie ins kalte Wasser springen und ein Risiko eingehen.
Kultur Joker: Wir bedanken uns für Ihre Auskünfte.
• Pierre Kretz. Der Seelenhüter. Roman. Aus dem Frz. Irène Kuhn. Kröner Ed. Klöpfer. 2024
• Le vieux, la méchante et les autres. D’r àlt, d’bees frau un àlli àndera. Récits bilingues français-alsacien. Éd. La Nuée Bleue 2025
• „Comment ça va Màmma? Lettre tardive à ma mère“. La Nuée Bleue. 2026
Foto: Pierre Kretz Foto: Anne Cecile Larue




