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Interessiertes Wohlgefallen: Das Ensemble Recherche hat anlässlich des 90. Geburtstags von Helmut Lachenmann mit dem Shibui Collective kooperiert

Der Anschlag klingt trocken. Eben hatte Sophia Barr noch interessiert auf die Tasten gesehen und einfach nur zugehört, ein

Interessiertes Wohlgefallen: Das Ensemble Recherche hat anlässlich des 90. Geburtstags von Helmut Lachenmann mit dem Shibui Collective kooperiert

Der Anschlag klingt trocken. Eben hatte Sophia Barr noch interessiert auf die Tasten gesehen und einfach nur zugehört, ein kurzer Schlag auf das Klavier und sie weicht zurück. Es sieht aus als ob die Töne Klaus Steffes-Holländers‘ jetzt dort in ihrem Körper steckten, wo über die Bewegung entschieden wird. Das Schultergelenk lässt die Arme kreisen, diese nach hinten ziehen. Die anderen Mitwirkenden des Abends „Tanz: Lachenmann“ verbirgt auf der Bühne im Saal des E-Werks Theaternebel. Es sind die beiden Tänzerinnen Marcella Centenero und Melissa Kieffer sowie die Mitglieder vom Ensemble Recherche (Anja Clift, Eduardo Olloqui, Shizuyo Oka, Christian Dierstein, Adam Woodward, Sofia von Atzingen und Asa Akerberg). Für Tänzerinnen und Tänzer ist Live-Musik oft Luxus, doch Klang in jeglicher Form ist wiederum tägliches Brot. Ganz anders die Neue Musik, die für sich absolute Autonomie beansprucht. Der schlackenlose Titel „Tanz: Lachenmann“ deutet es bereits an, hier ist keine Kunst für die andere Dekor. Hier wird keine Musik vertanzt und hier untermalt Musik nicht. Entsprechend zurückhaltend sind die Kostüme, die drei Tänzerinnen tragen Bermudahosen in zurückhaltenden Farben und Shirts oder eine schlichte Bluse dazu, die Musikerinnen und Musiker Schwarz und stehen in Strümpfen oder gleich barfuß wie die Tänzerinnen auf der Bühne.
Die Initiative zwischen dem Shibui Collective, seiner künstlerischen Leiterin, die Choreografin Emi Miyoshi und dem Ensemble Recherche ging von den Musikern aus. Helmut Lachenmanns 90. Geburtstag im vergangenen November sollte auf eine ungewöhnlichere Art begangen werden. Und weil diese Kooperation zugleich ein Abo-Konzert ist, bringt sie ein sehr unterschiedliches Publikum zusammen, das sich ansonsten kaum überschneidet: das der Neuen Musik und das des zeitgenössischen Tanzes.
Die fünf Stücke haben variierende Konstellationen, aus einem Solo wird ein Duo, aus einem Trio ein Sextett und dann sind da immer noch die Instrumente im Raum. Was an diesem Abend, der vorerst auf zwei Vorstellungen beschränkt bleibt, passiert, ist ein Doppeltes. Die Töne haben eine Präsenz im Raum und die Tänzerinnen sind Resonanzkörper. Die drei Frauen nutzen ihn als Percussioninstrument. Sie fahren mit den Händen an den Körpern der Partnerinnen entlang, sie schlagen auf den Boden, werfen sich hin. Jeder Aufprall wird durch Mikros unter der Bühne akzentuiert und verstärkt. Selbst die Haare – Barr, Centenero und Kieffer haben sie in Pferdeschwänzen und Zöpfen gebändigt – klingen, wenn sie auf dem Tanzboden aufschlagen. Sie sind wie Saiten. Die nackte Haut wiederum quietscht auf dem Boden, was groteske Effekte hat, die jede Kunsthaftigkeit mit einer gewissen Fröhlichkeit und Unbekümmertheit bricht. Die Instrumente wiederum werden unkonventionell gespielt. Oft wird auf Holz geschlagen, dann breitet sich Stille aus, mitunter klingt es so als könnte ein Ton in seiner Klangentfaltung im Raum sichtbar gemacht werden, ein bisschen so als ob man sich Fotografien von Eadweard Muybridge anschauen würde, der Bewegungsabläufe in einzelne Sequenzen dividierte. Den Tänzerinnen des Shibui Collectives gelingt genau dies.
Für jedes Stück gibt es einen eigenen Ansatz, die musikalische Struktur aufzubrechen und sie zu öffnen. Da ist das Bühnenbild von Paula Mierzowsky, ein luftiges Tüllgebilde mit herunterhängenden farbigen Fäden, das vernetzte Notationen als Schatten auf den Boden wirft, da sind die Spiegel, die die drei Tänzerinnen halten und die den Bühnenraum aufreißen, vor allem aber ihre Körper verdoppeln und merkwürdig verzerren: aus einem Paar Beine wird ein X oder ein H. Das ist mehr Analyse als Illustration von dem, was auf der Bühne zu hören ist, zudem voller Witz. Vor allem zwischen Cello (Asa Akerberg) und Melissa Kieffer sowie Violine (Adam Woodward) und Marcella Centenero entstehen wirkliche Duos, bei denen nicht immer klar ist, wer eigentlich den Bogen führt. Geprägt ist dieser Abend durch sehr viel Respekt, Nähe und begeisternde Spielfreude: eine wirkliche Ensembleleistung.

Bild: Ensemble Recherche und das Shibui Collective gemeinsam auf der Bühne © Marc Doradzillo

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Annette Hoffmann