Bestäuber schützen, Landschaften verändern: Freiburger Forschung gibt Empfehlungen für EU-Renaturierungspläne
Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und Schwebfliegen gehören zu den wichtigsten Verbündeten der Landwirtschaft und der natürlichen Ökosysteme. Ohne sie würden
Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und Schwebfliegen gehören zu den wichtigsten Verbündeten der Landwirtschaft und der natürlichen Ökosysteme. Ohne sie würden zahlreiche Nutzpflanzen deutlich geringere Erträge liefern oder gar nicht mehr bestäubt werden. Doch ihre Bestände gehen in vielen Regionen Europas seit Jahren zurück. Ein neuer wissenschaftlicher Bericht zeigt nun, welche Maßnahmen besonders wirksam sein könnten, um diesen Trend umzukehren.
Der sogenannte Policy Brief entstand im Rahmen des EU-Forschungsprojekts RestPoll unter der Leitung von Prof. Dr. Alexandra-Maria Klein von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Die Autor:innen haben darin zentrale Empfehlungen zusammengestellt, die europäischen Staaten bei der Umsetzung ihrer Renaturierungspläne helfen sollen. Hintergrund ist die neue EU Nature Restoration Regulation, die vorsieht den Rückgang von Bestäubern bis 2030 zu stoppen und ihre Bestände danach wieder zu erhöhen.
Bestäuber als Grundlage funktionierender Ökosysteme
Bestäuberinsekten erfüllen eine Schlüsselrolle in Natur und Landwirtschaft. Viele Kulturpflanzen sind auf ihre Arbeit angewiesen. Gleichzeitig stabilisieren sie natürliche Ökosysteme, indem sie zur Fortpflanzung vieler Wildpflanzen beitragen. Gesunde Bestäuberpopulationen hängen daher eng mit Themen wie Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit und sogar Klimaschutz zusammen. Trotz dieser Bedeutung sind die Bestände zahlreicher Arten in Europa rückläufig. Intensive Landwirtschaft, Pestizideinsatz, der Verlust blütenreicher Lebensräume und zunehmende Landschaftszerschneidung gelten als zentrale Ursachen. Die Europäische Union versucht nun, den Trend mit neuen politischen Instrumenten zu stoppen.
Der Policy Brief des Projekts RestPoll fasst aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirksamkeit verschiedener Renaturierungsmaßnahmen zusammen. Grundlage ist eine Kombination aus Expertenbefragung und Literaturauswertung. In einer Online-Umfrage bewerteten 56 Fachleute aus 20 europäischen Ländern insgesamt 17 mögliche Maßnahmen. Sie schätzten deren Effektivität, praktische Umsetzbarkeit und Kosten ein. Ergänzt wurden diese Einschätzungen durch eine systematische Analyse vorhandener Forschungsergebnisse, unter anderem mithilfe der Plattform Conservation Evidence, die Studien zur Wirkung von Naturschutzmaßnahmen auswertet.
Die Ergebnisse sollen politischen Entscheidungsträgern helfen, realistische und überprüfbare Strategien zu entwickeln. Bis spätestens 1. September 2026 müssen die EU-Mitgliedstaaten ihre nationalen Wiederherstellungspläne bei der Europäischen Kommission einreichen.
Lebensräume schaffen und verbinden
Eine der zentralen Erkenntnisse des Berichts ist, dass besonders wirksam Maßnahmen sind, die neue Lebensräume für Bestäuber schaffen und vorhandene besser miteinander vernetzen. Dazu gehören artenreiche Wiesen, Wildblumenstreifen, Hecken sowie blühende Sträucher und Bäume. Solche Strukturen bieten nicht nur Nahrung, sondern auch Nistmöglichkeiten und Rückzugsräume. Gleichzeitig erleichtern sie die Ausbreitung von Insekten in der Landschaft und fördern den genetischen Austausch zwischen Populationen. Gerade in intensiv genutzten Agrarlandschaften können solche Elemente eine wichtige ökologische Funktion erfüllen. Sie wirken wie grüne Korridore, die isolierte Lebensräume miteinander verbinden.
Neben der Schaffung neuer Lebensräume spielt auch die Art der Landnutzung eine entscheidende Rolle. Die Autor:innen empfehlen, besonders intensive Bewirtschaftungsformen zu reduzieren. Dazu gehört unter anderem ein geringerer Einsatz von Pestiziden sowie angepasste Mäh- und Beweidungssysteme.
Auch brachliegende Flächen sollten nicht vollständig sich selbst überlassen werden. Eine moderate Nutzung, etwa durch gelegentliches Mähen oder eine extensive Beweidung mit wenigen Tieren, kann verhindern, dass Flächen verbuschen und ihre ökologische Vielfalt verlieren.
Entscheidend sei dabei jedoch, dass Maßnahmen an lokale Bedingungen angepasst werden. Faktoren wie Bodenbeschaffenheit, Klima, Landschaftsstruktur oder vorhandene Arten unterscheiden sich stark zwischen Regionen. Eine universelle Lösung für ganz Europa gebe es daher nicht.
Zusammenarbeit als Schlüssel
Neben ökologischen Faktoren betont der Bericht auch organisatorische Voraussetzungen für erfolgreiche Renaturierungsprogramme. Dazu gehören klare und messbare Ziele, eine langfristige Finanzierung sowie ein systematisches Monitoring der Maßnahmen. Ebenso wichtig sei die Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure. Landwirt:innen, Kommunen, Naturschutzbehörden und Wissenschaft sollten gemeinsam an der Planung und Umsetzung beteiligt werden. Nur so ließen sich Maßnahmen entwickeln, die sowohl ökologisch sinnvoll als auch praktisch umsetzbar sind. Renaturierungsmaßnahmen zugunsten von Bestäubern könnten weit über den Naturschutz hinaus wirken. Laut den Forschenden schaffen sie sogenannte multifunktionale Landschaften, die gleichzeitig Biodiversität fördern, Böden und Wasser schützen und die Landwirtschaft nachhaltiger machen.
Dr. Jessica Knapp von der Universität Lund, Erstautorin des Policy Briefs, betont zudem den wirtschaftlichen Aspekt. Wenn Bestäuberpopulationen stabil bleiben, könne dies langfristig auch die Abhängigkeit von chemischen Pflanzenschutzmitteln reduzieren und die Widerstandsfähigkeit landwirtschaftlicher Systeme stärken.
Der Bericht zeigt damit, dass der Schutz von Bienen und anderen Bestäubern nicht nur eine ökologische Frage ist. Er berührt zentrale Herausforderungen moderner Landwirtschaft, Landschaftsplanung und Umweltpolitik. Die kommenden Jahre werden zeigen, wie konsequent die europäischen Staaten diese Erkenntnisse in konkrete Maßnahmen umsetzen.
Weitere Infos: uni-freiburg.de
Bilder: Eine Dunkle Erdhummel (Bombus terrestris) an der Blüte einer Süßkirsche; Copyright: Felix Fornoff




