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Ein Leben für die Kunst: Eine große Ausstellung in Marbach feiert den Jahrhundertdichter Rainer Maria Rilke

Der Panther: Wer kennt ihn nicht, den Protagonisten von Rilkes berühmtestem Gedicht? „Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

Ein Leben für die Kunst: Eine große Ausstellung in Marbach feiert den Jahrhundertdichter Rainer Maria Rilke

Der Panther: Wer kennt ihn nicht, den Protagonisten von Rilkes berühmtestem Gedicht? „Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe / So müd geworden, daß er nichts mehr hält“.
„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“. „denn da ist keine Stelle,/ die dich nicht sieht.
Du mußt dein Leben / ändern“. Solche Verse sind eingegangen ins kollektive Gedächtnis – weit über den deutschen Sprachraum hinaus. Gern wird darauf verwiesen, dass auch Popstars wie Lady Gaga oder der Südkoreaner Jimin mit Rilke so vertraut sind, dass sie sich seine Verse auf den Körper tätowieren oder malen lassen.

Dass es lohnt, sich mit Leben und Werk des in Prag geborenen, im Wallis gestorbenen Poeten näher zu beschäftigen, zeigt eine große Ausstellung auf der Marbacher Schillerhöhe zum Doppeljubiläum: am 4. Dezember 2025 vor 150 Jahren wurde Rainer Maria Rilke geboren, am 29. Dezember 2026 ist sein 100. Todestag. Deshalb wird die im Literaturmuseum der Moderne, dem Neubau neben dem Schillermuseum, präsentierte Schau mit 300 Exponaten auf 800 Quadratmetern ein ganzes Jahr lang zu sehen sein. Sandra Richter, Leiterin des Marbacher Literaturarchivs und Mitkuratorin der Ausstellung, hat außerdem eine Biographie („Rilke – das offene Leben“) vorgelegt, eine von dreien, die zum Jubiläum in Deutschland erschienen sind.

Für die Auseinandersetzung mit einem der größten Dichter des 20. Jahrhunderts kann die Institution aus dem Vollen schöpfen. Ein Schwerpunkt des Archivs lag seit seiner Gründung im Jahr 1955 auf Rilkes Werk. Allein 2000 von mutmaßlich 9000 Briefen, die der große Kommunikator in seinem nicht sehr langen Leben geschrieben hat, liegen in den Marbacher Archivkästen. Der große Coup gelang 2022: Von den Urenkelinnen des Lyrikers konnte der gesamte Nachlass, das sogenannte Rilke-Archiv Gernsbach, erworben werden – mit finanzieller Hilfe von Bund, Land und diversen Stiftungen. 10 000 handschriftliche Seiten gewähren erstmals einen umfassenden Einblick in Rilkes Schaffensprozess. Entgegen seiner Selbstmystifikation, die Verse wurden ihm von einer fremden Macht gewissermaßen diktiert, hat Rilke intensiv an seinen Texten gearbeitet. In der Ausstellung ist das an einigen Exponaten nachzuvollziehen, auch wenn eine Transkription der für heutige Leser of schwer entzifferbaren Handschrift mitunter hilfreich gewesen wäre.

Rilkes Gedicht „Herbsttag“ zählt zu den bekanntesten deutschen Gedichten. Entstanden am 21. September 1902 in Paris, erschien es erstmals im Buch der Bilder (2. Aufl., 1906).
Foto: DLA Marbach.

Die „Rilkes Welten“ benannte Ausstellung mit dem Vers „Und dann und wann ein weißer Elefant aus dem Gedicht „Das Karussell“ als Motto ist in vier Themenbereiche gegliedert. Am Eingang werden die Besucher mit mannshohen Fototafeln des Dichters aus verschiedenen Lebensphasen konfrontiert. Rilke mochte es nicht, fotografiert zu werden. Der zierliche Mann mit dem fliehenden Kinn und den intensiv leuchtenden Augen empfand sich selbst als hässlich. Den vermeintlichen physischen Mangel – seine zahllosen Geliebten müssen das anders gesehen haben – kompensierte er mit ausgewählter Kleidung. Legendär sind seine Gamaschen. Die Achtung auf sein Äußeres hatte er von seiner Mutter Phia gelernt. Die Beziehung zu ihr gestaltete sich problematisch. Bis zu seinem vierten Lebensjahr steckte sie ihn in Mädchenkleider und ließ seine Locken lang wachsen. René – der Wiedergeborene – musste die erstgeborene Schwester ersetzen, die als Frühgeburt gestorben war. Deshalb wohl war die Fürsorge der Mutter für den schwächlichen Sohn übergroß; zugleich aber kam er auf Wunsch seiner Eltern, die sich 1884 trennten, in die Kadettenanstalt St. Pölten, wo er von seinen Mitschülern gequält wurde.

Ein Foto offenbart eine geradezu verblüffende Ähnlichkeit der nach Höherem strebenden Mutter und ihrem Sohn, der zeit seines Lebens eine Affinität zu adeligen Verhältnissen zeigte. In späteren Gedichten kommt die Mutter nicht gut weg. Aus ihrer Umklammerung sich zu lösen dürfte dem Sohn nicht leichtgefallen sein. Eins allerdings war ihm sehr früh klar. Er wollte Dichter werden, eine militärische Karriere kam nicht infrage. „Ganz Literat“ ist der Raum der Ausstellung überschrieben, der Rilkes Ambitionen nachvollziehbar macht. Schon in seinen frühen Prager Jahren knüpft Rilke Beziehungen zu Publikationsorganen, veröffentlicht in Zeitschriften. 1900 bringt der Insel Verlag mit den „Geschichten vom lieben Gott“ den ersten Gedichtband heraus. Ab 1905 ist Anton Kippenberg der alleinige Verleger des Dichters.

In der Zwischenzeit hat Rilke in Worpswede die Bildhauerin Clara Westhoff geheiratet, das Paar hat eine Tochter namens Ruth bekommen, die beiden Künstler sind nach Paris gegangen und haben das Kind in der Obhut der Großmutter gelassen. Die Tochter wird ihren Vater kaum sehen. Er hat sich radikal für eine Existenz als Künstler entschieden, in der weder Platz für eine Familie noch für langjährige Liebesbeziehungen ist. Mit den vielen Frauen, die Rilkes Weg kreuzen, führt er eine Beziehung in Briefen. Denn er ist auch auf sie angewiesen – als Inspirationsquelle und als Geldgeberinnen. Die wichtigste lebenslange Gefährtin ist Lou Andreas-Salomé. Mit ihr reist er zweimal nach Russland und bewahrt zeit seines Lebens eine sentimentales Verhältnis zum damaligen Zarenreich – das ihm schon der greise Tolstoi verübelte.

Paris ist eine schwere Prüfung für den noch jungen Mann, der eine entscheidende Begegnung mit dem Bildhauer Auguste Rodin hat, dessen Sekretär er vorübergehend ist. Rodin lehrt ihn, „zu arbeiten“, seine Wahrnehmung zu schärfen und „Dinge“ zu machen. Die „Neuen Gedichte“ entstehen – und sein großartiger Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, eine literarische Konfrontation mit der damaligen Welthauptstadt Paris. An Paris zerbricht das sensible Gemüt des Dichters aber auch fast – und es beginnt das „unstäte Leben“, das Rilke bis fünf Jahre vor seinem Tod rastlos durch Europa treibt, immer auf der Suche nach einem Ort zum Schreiben – und nach Mäzenen, die ihm das Schreiben finanziell ermöglichen. Ein „Fluchttier“ sei Rilke gewesen, stellt Manfred Koch in seiner Biographie „Rilke – Dichter der Angst“ fest. An 100 Orten lebt er.

Ab 1897 ist Rilke mehrfach in Arco in der Nähe des Gardasees, wo er seine Mutter in der Kur besucht. Viele der Orte inspirieren ihn zu Texten, die er in kleinen Taschenbüchern niederschreibt und mit Zeichnungen versieht. Im Skizzenbuch „Frühjahr 1897. München. Arco. Venedig“ findet sich auf Seite 40 das am 24. März 1897 verfasste Gedicht „Der rothe Abend ragt vorm Turm.“ Ergänzt von einer Zeichnung der Burg von Arco.
Foto: DLA Marbach.

Ein herausragender Fluchtort war das Schloss Duino bei Triest, bis heute im Besitz der Adelsfamilie von Thurn und Taxis. Auf Einladung der Prinzessin Marie von Thurn und Taxis, einer großzügigen Mäzenin, war Rilke von 1911 bis 1912 einige Monate zu Gast. An diesem phantastischen Ort auf den Klippen hoch über der Adria entstanden die ersten beiden Elegien, die Rilke aus Dankbarkeit seiner Gönnerin gegenüber Duineser Elegien genannt hat. Auf die Fortsetzung des Jahrhundertwerks musste der Dichter zehn Jahre warten. Der Erste Weltkrieg
warf ihn herum, dem Kriegsdienst konnte er knapp entgehen, aber eine feste Bleibe war nirgends für ihn – und schon gar kein Ort, an dem er schreiben konnte. Der Krieg machte ihn stumm.

Und dann geschah das Wunder Muzot. In dem spartanischen Walliser Wohnturm bei Sierre, den der Mäzen Werner Reinhart für Rilke kaufte, kam der Dichter im Gleichklang mit der herrlichen Landschaft zwischen Reben und Bergen 1921 zur Ruhe. Man kann soweit gehen zu behaupten, dass ohne diesen letzten Wohnsitz Rilkes Hauptwerk vermutlich nicht entstanden wäre. In einem Schaffensrausch entlud sich 1922 die so lange stillgestellte poetische Energie. Sie reichte noch für den aus 55 Sonetten bestehenden Zyklus der Sonette an Orpheus. Rilkes Mission auf Erden war damit vollendet. Danach entstanden nur noch durch die geliebte Umgebung inspirierte Gedichte auf Französisch. Man darf sich Rilke im Chateau Muzot als glücklichen Menschen vorstellen.

Die Marbacher Ausstellung kann von der Fülle dieses so getriebenen wie produktiven Lebens allenfalls eine Ahnung vermitteln. Die präsentierten Schriftstücke fügen sich zu Bruchstücken eines Mosaiks, das ein Ganzes nicht ergeben kann. Wer sich auf Details einlässt, kann manche interessante Entdeckung machen. Rilkes Notizbücher etwa, ein wesentlicher Bestandteil des Gernsbacher Nachlasses, werden zum ersten Mal öffentlich gezeigt. Zwei Marbacher Magazine – ein Begleitbuch zur Ausstellung und eine Sammlung „zeitgenössischer Echos auf Rilkes Lyrik“ vervollständigen den Einblick in einen Kosmos, der unabsehbar bleibt.

Weitere Infos: www.dla-­marbach.de

Bild: Blick in die Ausstellung © Anja Bleeser

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Bettina Schulte