Interview Musik Tanz

Den Körper als Instrument verstehen: Drei Fragen an … Nik Bohnenberger (Artistic Management Ensemble Recherche) und Emi Miyoshi (SHIBUI Kollektiv) zu „Tanz: Lachenmann“

Anlässlich des 90. Geburtstages des Jahrhundertkomponisten Helmut Lachenmann trifft das SHIBUI Kollektiv (Tanz) im Rahmen des interdisziplinären Dialoges „Tanz:

Den Körper als Instrument verstehen: Drei Fragen an … Nik Bohnenberger (Artistic Management Ensemble Recherche) und Emi Miyoshi (SHIBUI Kollektiv) zu „Tanz: Lachenmann“

Anlässlich des 90. Geburtstages des Jahrhundertkomponisten Helmut Lachenmann trifft das SHIBUI Kollektiv (Tanz) im Rahmen des interdisziplinären Dialoges „Tanz: Lachenmann“ auf das Ensemble Recherche. Ganz nach Lachenmanns Leitsatz „Schönheit als die Verweigerung von Gewohnheit“ werden Reibung, Widerstand und Energie in seinem Werk hörbar – und im Tanz physisch erlebbar. Bei dieser besonderen interdisziplinären Performance am 28./29. März, jeweils um 20 Uhr im E-Werk entstehen neue künstlerische Impulse; offen, fragil und überraschend sinnlich.

Über Lachenmanns Musik als sportlichen Akt und wo genau die erste Resonanz seiner Klänge im Körper der Tänzer:innen widerhallt, sprach Elisabeth Jockers mit Nik Bohnenberger (Artistic Management Ensemble Recherche) und Emi Miyoshi (Künstlerische Leitung, Choreografie).

Kultur Joker: Das Ensemble Recherche und das SHIBUI Kollektiv treffen in diesem Stück aufeinander. Gab es einen Moment in den Proben, in dem eine Bewegung einen Klang völlig neu erklärt hat – oder umgekehrt?

Nik: Für mich erklären sich die beiden Kunstformen nicht gegenseitig, sondern wirken eher wie Kontrapunkte, die unsere zeitliche Wahrnehmung von Klängen und Bewegungen verändern können. Zum Beispiel dann, wenn ein punktueller Klang in einer Bewegung stumm weiter nachbeben konnte – in den Proben hat das bei mir eine besonders starke Dehnung der Präsenz dieses Klanges im Kopf ausgelöst. Ich konnte dem bewegten Nachbeben des Klanges gewissermaßen nachschauen, während sich bei den Musiker*innen bereits eine neue Klangstruktur eröffnet hat. Gerade dieses Auseinanderfallen von gehörtem und gesehenem Zeitverlauf fand ich sehr reizvoll.

Emi: Für mich zeigt sich die Wechselbeziehung zwischen Musik und Tanz in fünf völlig unterschiedlichen Arbeiten, in denen jeweils eigene Herangehensweisen erprobt werden und die auf vielfältige Weise miteinander in Resonanz treten. Besonders interessant ist dabei, dass es nicht darum geht, Bewegung parallel zur Musik zu entwickeln oder ihr zu folgen. Vielmehr suche ich nach den Zwischenräumen, in denen Bewegung etwas reflektieren und beeinflussen kann – nach Möglichkeiten, sie in eine andere Richtung zu erweitern und neue Wahrnehmungsebenen zu eröffnen. Dabei verstehe ich auch den Körper selbst als eine Art Instrument: als ein Gefüge aus vielfältigen Wahrnehmungen – von Muskelkontraktionen über Knochen, Haut, Haar bis hin zu feinsten sensorischen Empfindungen –, das Klang ausdrücken kann, ohne dabei ins rein Illustrierende oder Erklärende zu verfallen. In solchen Momenten beginnt die Musik, sich stärker räumlich zu entfalten und anders hörbar zu werden. Diese Erfahrungen bleiben mir besonders eindrücklich

Kultur Joker: Lachenmanns Partituren verlangen oft ungewöhnliche Spieltechniken. Fühlt sich das Spielen dieser Musik für euch eher wie ein sportlicher Akt oder wie eine Meditation an?

Nik: Für die Musiker*innen, die Lachenmann seit vielen Jahren spielen, ist es natürlich sehr unterschiedlich, um welches konkrete Werk es geht. Die ungewöhnlichen Spieltechniken sind zwar herausfordernd, aber gerade für das Ensemble Recherche über Jahrzehnte hinweg so stark verinnerlicht, dass sie für die Motorik keinen grundsätzlichen Unterschied mehr machen. Und genau das finde ich auch als Zuhörer an Lachenmanns Musik so faszinierend: Man hört die Komplexität der Techniken, zugleich aber eine große Klarheit der Musikalität und eine sehr körperliche Bewegtheit, die einen fast zum Mitwippen bringt – und, fast wie nach einem intensiven Schwimmtag, auch zum Nachwippen. Dadurch bekommt die Musik für mich etwas zutiefst Meditatives. Und wenn ich den Musiker*innen beim Spielen zuschaue, habe ich das Gefühl, dass sie diesen Zustand ebenfalls erreichen.

Kultur Joker: Wenn ihr die Musik von Lachenmann hört, ohne euch zu bewegen – wo im Körper spürt ihr die Resonanz zuerst? Ist es ein Druck im Brustkorb, ein Kribbeln in den Fingerspitzen oder etwas ganz anderes?

Emi: Ich habe einmal ein Interview mit Helmut Lachenmann gehört, in dem er eine Passage formuliert, die mich sehr geprägt hat. Darin beschreibt er, dass wir beim Zerbrechen eines Glases nicht in erster Linie eine Tonhöhe wahrnehmen, sondern das Ereignis des Zerbrechens selbst. Dieser Gedanke spricht mich besonders an, weil er das Hören als eine unmittelbare körperliche Erfahrung begreift.

Auch beim Hören seiner Musik habe ich oft das Gefühl, dass nicht nur das Ohr angesprochen wird, sondern verschiedene Bereiche des Körpers reagieren. Die Klänge lösen eine Resonanz aus, die sich noch vor jeder bewussten Einordnung bemerkbar macht. Wenn ich beschreiben müsste, wo diese Reaktion zuerst spürbar wird, würde ich sagen: häufig in Form einer leichten Muskelkontraktion – eine unmittelbare physische Regung, die einsetzt, bevor ich das Gehörte gedanklich erfasse.

Kultur Joker: Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Infos und Tickets zur Veranstaltung: ewerk-freiburg.de/veranstaltungen/tanz-lachenmann

Foto: Marc Doradzillo

About Author

Elisabeth Jockers