Tanz Theater

Das verdiente Ende? Das Ballett „Dracula“ von Kenneth Tindall feierte Premiere am Badischen Staatsballett Karlsruhe

Die Beats wummern, es wird getanzt als gäbe es kein Morgen, und mittendrin der von allen umschwärmte Modedesigner Dracula.

Das verdiente Ende? Das Ballett „Dracula“ von Kenneth Tindall feierte Premiere am Badischen Staatsballett Karlsruhe

Die Beats wummern, es wird getanzt als gäbe es kein Morgen, und mittendrin der von allen umschwärmte Modedesigner Dracula. Kenneth Tindall hat den Gruselstoff um den Vampir aus Transsylvanien für das Staatstheater Karlsruhe mit sicherer Hand ins Hier und Heute überführt. Kein düsteres Schloss, kein Blut, Dracula entzieht den Menschen um ihn herum ihre Energie, ihre Aufmerksamkeit, ihre Seele. Er braucht die anderen, um sich in ihnen zu spiegeln.
Alexandra Harwood hat für die Uraufführung dieses sehr zeitgemäßen „Dracula“ den perfekten Soundtrack komponiert. Manches ist der Barockmusik entlehnt, anderes stammt aus der Welt elektronischer Klanglandschaften, die zur live gespielten Musik der Badischen Staatskapelle dazu kommt. Die Klänge passen perfekt zur glamourösen Glitzerwelt der Mode. Dracula, der nicht wie Karl Lagerfeld mit einer Muse zu einer Zeit auskommt, sondern umringt ist von gleich drei sich schlangenartig bewegenden Musen, will sein neues Parfüm promoten. Für „Animus“ sucht er ein neues Model.
Mitglieder des Staatsballetts räkeln sich in entsprechenden Posen. Dracula wählt zielsicher den jungen Jonathan Harker aus und zieht ihn geschickt in seinen Bann. So geschickt, dass Harker seine Liebe zu Fotografin Mina vergisst. Das wird ausgesprochen sinnlich getanzt, zu einem raffinierten Bühnenbild. Vieles ist in Schwarz und Weiß gehalten, so dass die Farbakzente umso mehr ins Auge stechen. Das lilafarbene Sofa zum Beispiel, auf dem sich Mina zusammenkauert, der noch gar nicht bewusst ist, wovor sie sich fürchtet. Wer in Draculas Bann gerät, der sich in Form eines engmaschigen Netzes wie eine zähe dunkle Flüssigkeit von oben auf die Bühne ergießt, landet meist in der Klinik. Hier herrscht steriles kaltes Neonlicht, gemeinsam mühen sich der Arzt Dr. Seward und der Naturheiler Van Helsing um Draculas Opfer, die ihren Verstand verloren haben.

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Das ganze Konzept steht und fällt natürlich mit dem Hauptdarsteller. Karlsruhe hat mit Lasse Caballero einen Ausnahmetänzer, der die charismatische, dunkle Anziehungskraft der Titelfigur perfekt verkörpert. Ein gezackter Riss läuft quer über seine Brust, als hätte Dracula eine gespaltene Persönlichkeit. Hoch expressiv in Gestik und Mimik lässt Caballero die Gefährlichkeit dieses speziellen Modefürsten aufscheinen. Seine Körpersprache macht ihn zum Mittelpunkt des Stückes. Und sein Tanzen ist atemberaubend.
Alle kreisen um ihn. Daniel Rittoles als jungenhafter Harker, der am Ende versucht, seine Mina zu retten. Sophie Burke, die eine bezaubernd unbeschwerte Lucy tanzt, ein weiteres Model, das Dracula verfällt. Und Marta Andreitsiv als charaktervolle Mina, die Dracula zunächst gefiltert durch die Linse ihrer Kamera beobachtet. Lucy zieht ihre Freundin Mina in die hippe Modeszene hinein. Zur Party im Club hämmern die Beats, das Ensemble tanzt fulminant. Wer glaubt, Ballett sei nicht sexy, wird hier eines Besseren belehrt. Dracula genießt die Aufmerksamkeit als unbestrittener König dieser Szene. Lucy flirtet mit ihm, wird das neue Topmodel. Doch auch sie landet in der Klinik, wo Harker ebenfalls angekommen ist. Rittoles hat eine Szene, in der er eindrucksvoll die Albträume, die notorische Unruhe, das nicht mehr erreichbar sein darstellt. Werden Drogen verabreicht oder ist es Dracula, der seinen Opfern das Hirn aufweicht?
Nach der letzten Fashion Show kommt der Show Down. Dr. Seward, der Arzt mit dem nervösen Tick, Van Helsing und Harper stürmen herein, als Dracula mit Mina allein ist. Marta Andreitsiv als Mina lässt sich mit der Entscheidung Zeit, es zieht sie mal zu Harker, mal zu Dracula. Endlich geht sie mit Harker weg. Allein gelassen windet sich Lasse Caballero als Dracula wie eine gequälte Seele. Das verdiente Ende? So geradlinig einfach endet die Uraufführung von „Dracula“ in Karlsruhe nicht…

Termine und Tickets: www.staatstheater-karlsruhe.de/programm/ballett/

Foto: Marta Andreitsiv als Mina, Lasse Caballero als Dracula und das Ensemble Staatsballett Karlsruhe als Fledermäuse Foto: Admill Kuyler

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Nike Luber