Literatur

Ein musikalisches Herz für surrealistische Poesie: Francis Poulenc vertont Paul Éluard

Einen frischen Blick auf Poesie, Musik und Malerei aus dem Milieu des Surrealismus wirft der Musiker, Mediziner und Übersetzer

Ein musikalisches Herz für surrealistische Poesie: Francis Poulenc vertont Paul Éluard

Einen frischen Blick auf Poesie, Musik und Malerei aus dem Milieu des Surrealismus wirft der Musiker, Mediziner und Übersetzer Jakob Leiner in dem Buch „Entwurzelte Schatten“; es enthält Erst- und Neu­übersetzungen von Gedichten Paul Éluards, die Francis Poulenc vertont hat und beleuchtet die produktive Künstlerfreundschaft. Éluard stand zwar den Grundgedanken des vor 101 Jahren erschienenen Manifest des Surrealismus nahe, folgte aber kaum der Bewegung unter der Ägide von André Breton und war vielmehr ein Individualist, der den surr-realen „état d’esprit“ als Erkenntnisinstrument zu begreifen wusste. Im Vorwort „Manifest und Wirklichkeit“ sensibilisiert der Herausgeber des Buches für die Dimensionen der Thematik.

Die Zusammenarbeit von Francis Poulenc (1899-1963) und Paul Eluard (1895-1952) hatte 1935 begonnen, der Musiker verstand die Vertonung von Éluards Gedichten als einen „Akt der Liebe“ und komponierte wunderbare Melodien zu dessen Wort- und Gedankenspielen, 34 Klavierlieder und drei Chorzyklen. Anfangs fasste er „Fünf Gedichte“ Éluards für Singstimme und Klavier in Klänge; es folgten „Sieben Lieder für gemischten Chor a cappella“, die auch Poesie von Apollinaire aufnehmen. 1936/37 entsteht „Wie der Tag, so die Nacht“ und ein Jahr später „Miroirs brûlants“. 1943 wird das „Menschliche Antlitz / Figure humaine““ zum Motiv einer Kantate für gemischten Chor, ausgehend von Éluards „Poésie et Vérité“, gewidmet Picasso. Die Kantate wird zunächst in London uraufgeführt, dann in Brüssel und Paris. „Poésie und Vérité“ ist eine Hymne auf den Sieg über die Tyrannei und enthält das berühmte Résistance-Gedicht „Liberté“ von 1942, das die britische Royal Air Force im Rahmen ihrer Anti-Nazi-Propaganda über zahlreichen Orten im besetzten Frankreich abgeworfen hat. Sieben Melodien komponiert Poulenc 1950 auf „Die Frische und das Feuer“ (… „erwarte weisheit von deinem irrsinn“). Der interdisziplinäre Dialog zwischen Poesie und Musik öffnete sich schließlich auch für die Malerei und inspiriert 1956 den Zyklus „Le travail du peintre / Die Arbeit des Malers“, d.h. sieben Tonfolgen zu Gedichten, die Éluard unter dem Eindruck zeitgenössischer Kunst verfasst hat, zu Werken von Chagall, Juan Gris, Klee, Miró, Braque und Jacques Villon. Zum Klingen gebracht werden so wesentliche Themen des Surrealismus, Traum und Nacht, das Unbewusste, Transformation, automatisches Schreiben, rätselhafte Orte, betörende Worte, unerhörte Klänge und groteske Konstellationen. Ein Gedichtindex sowie Audionachweise finden sich am Ende des Buches und bieten die Möglichkeit sich an dieses klangfarbenreiche Universum zu erinnern und ihm weiter nachzuhören.

Paul Éluard: ENTWURZELTE SCHATTEN | poèmes mis en musique – vertonte gedichte. Französisch / deutsch. Übersetzt und mit einem Vorwort versehen von Jakob Leiner. Radius Verlag. Stuttgart 2025

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Cornelia Frenkel