Kunst

Radikale Grenzgängerin: Valie Export ist mit 85 Jahren verstorben

Valie Export gehört wohl zu den bedeutendsten Pionierinnen der Kunstwelt und galt zugleich als unermüdliche Provokateurin, die früh verstand,

Radikale Grenzgängerin: Valie Export ist mit 85 Jahren verstorben

Valie Export gehört wohl zu den bedeutendsten Pionierinnen der Kunstwelt und galt zugleich als unermüdliche Provokateurin, die früh verstand, den Körper zur Leinwand und die Kamera zur Waffe umzuschmieden. Am 14. Mai 2026 ist sie im Alter von 85 Jahren verstorben. Zurück bleibt das Erbe einer Künstlerin, die die Kunst lehrte, den männlichen Blick nicht nur zu erwidern, sondern ihn frontal anzugreifen.

Weg mit dem Vater, weg mit dem Mann

Geboren 1940 in Linz als Waltraud Lehner, vollzog sie 1967 einen radikalen Akt der Kunstgeschichte: Sie legte die Namen ihres Vaters und ihres Ex-Mannes ab. Inspiriert von der Zigarettenmarke „Smart Export“, erfand sie sich als Valie Export neu – ein Logo, ein Slogan, eine eigenständige Identität. Radikal in einer Zeit, in der Frauen in der Kunst oft nur als Muse dienten, besetzte sie den öffentlichen Raum als Rebellin. Sie verstand früh, dass Identität konstruiert ist – und dass man sie selbst entwerfen muss.

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Der Körper als Schauplatz

In den späten 1960er-Jahren erschütterte sie das konservative Wien. Während die Wiener Aktionisten mit Blut und Gedärmen arbeiteten, setzte Export auf die schärfere Analyse der Geschlechterrollen. Während der Aktion „Tapp- und Tastkino“ (1968) trug sie einen Pappkarton vor ihrer nackten Brust und lud Passanten in der Innenstadt dazu ein, für 33 Sekunden ihre Brüste zu berühren. Die Geburtsstunde des „Expanded Cinema“. So holte Valie Export den Voyeurismus aus der Dunkelheit der Kinosäle direkt auf die Straße. Legendär ist auch ihre Performance „Aktionshose: Genitalpanik“ (1969), bei der sie in einer Hose zu sehen war, aus der der Schritt herausgeschnitten wurde. Mit einer Maschinenpistole im Anschlag forderte sie das Publikum in einem Münchner Programmkino auf, das „Original“ statt des Abbilds auf der Leinwand zu betrachten. Ein wahrlich provokativer Angriff auf die Passivität des (männlichen) Kinobesuchers – bis heute.

Dabei war Valie Export nie „nur“ eine Performerin. Ihr Werk umfasst Fotografie, Skulptur, Zeichnung und vor allem den experimentellen Film. In Werken wie „Unsichtbare Gegner“ (1976) untersuchte sie die psychische Zerrissenheit von Frauen in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft. Mit ihren „Körperkonfigurationen“, in denen sie ihren Leib in die Architektur von Städten einfügte – sich in Bordsteinkanten schmiegte oder in Mauernischen zwängte –, zeigte Valie Export eindringlich, wie sehr unsere Umgebung unser Sein formt und diszipliniert.

Foto: Valie Export beim österreichischen Filmpreis 2013 Copyright: Manfred Werner

Erbe der Unbequemlichkeit

In ihren späteren Jahren wurde die Rebellin zur gefeierten Ikone. Sie lehrte an renommierten Akademien in Berlin und Köln, erhielt das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst und war auf den wichtigsten Ausstellungen weltweit vertreten, von der Biennale in Venedig bis zur documenta.

Dabei ließ sich Valie Export nie vollends institutionalisieren. Bis zuletzt bewahrte sie ihren analytischen wie kritischen Blick. So sah sie in den neuen digitalen Räume und der heutigen Selbstinszenierung in den sozialen Medien eine Fortsetzung jener Kämpfe, die sie in den 1960ern begonnen hatte. Ein Kampf, der für Generationen folgender Künstlerinnen den Weg ebnete – ohne Angst vor der Konfrontation, sich selbst treut. Ihr Name wird im Gedächtnis bleiben, als das, was er immer war: ein Exportgut der radikalen Freiheit.

Foto: © photo: Gertraude Wolfschwenger

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Elisabeth Jockers