Im 40. Jahr seines Bestehens hat das Freiburger Literaturgespräch an Programm zugelegt
Wenn Kulturveranstaltungen auf eine vierzigjährige Geschichte blicken können, müssen sie vieles richtig gemacht haben. Denn in den vierzig Jahren
Wenn Kulturveranstaltungen auf eine vierzigjährige Geschichte blicken können, müssen sie vieles richtig gemacht haben. Denn in den vierzig Jahren gab es gesellschaftlich einige Verwerfungen, umso größer mag das Bedürfnis gewesen sein, darüber schreibend und lesend zu reflektieren. Längst ist das Freiburger Literaturgespräch im Freiburger Literaturhaus angekommen, doch die Ursprünge liegen beim Kulturamt. Auch die Vorstellungen, wer in einer Stadt für die Kultur zuständig ist, haben sich gewandelt. Zum 40. Bestehen des Freiburger Literaturgesprächs gab es mehr Geld. Das führt auch zu mehr Veranstaltungen, auch dort, wo sie nicht für alle zu sehen sind: in Schulen.
In diesem Jahr geht es gleich zwei Mal ins Historische Kaufhaus. Eröffnet wird die Veranstaltung, die in diesem Jahr den Charakter eines fünftägigen Festivals annimmt, durch die Lesung von Judith Hermann am 4. November. Die Berliner Autorin wird aus ihrem eher kontrovers diskutierten Roman „Glück ist immer der Moment davor“ lesen. Hermann stellte hier 1999 ihren Debütroman „Sommerhaus, später“ vor. Und auch Lutz Seiler, der zwei Tage später am gleichen Ort aus seinem jüngst erschienenen Buch „Das tickende Herz“ lesen wird, ist nicht das erste Mal dabei. „Das tickende Herz“ setzt die beiden Romane „Kruso“ und „Stern 111“ fort und folgt dem Protagonisten bis nach Kasachstan. Das Ticken als Marker für radioaktive Strahlung wird zu einem Bild, das sich durch den Text zieht und einen biografischen Hintergrund hat. Der 1961 geborene Seiler wuchs in einer Uranabbau-Gegend der DDR auf. Wie Seiler auch haben manche der Debütantinnen und Debütanten Anja Gmeinwieser, Lara Rüter und Martin Piekar Lyrik veröffentlicht bevor sie sich der Prosa zuwandten. Am Freitag werden ihre Romane im Theater im Marienbad vorgestellt. Sie sind gesättigt von Erfahrungen und erzählen von komplizierten Mütter-Sohn-Beziehungen, den Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Primaten sowie von einem Roadtrip mit einem LKW trächtiger Kühe. Im Theater im Marienbad findet im Anschluss die Comiclesung mit Mia Oberländer statt.
Der Lyrik widmen sich die diesjährigen Freiburger Literaturgespräche in Lesungen der Peter Huchel-Preisträgerin 2026 Nadja Küchenmeister am Donnerstag und von Arne Rautenberg mit seinen Gedichten für Kinder (6.11.) und Erwachsene (7.11.). Den samstäglichen Lesemarathon im Literaturhaus eröffnet Martina Hefter mit ihrem neuen Buch „Nach der Sonne schauen“, das im Oktober herauskommt, weiter geht es mit Julia Webers Roman „Weil ich Ruth bin“, Radka Denemarkovás „Schokoladenblut“ und Heike Geißler wird ihren Roman „Michaela Kohlhaas“ vorstellen. Während sie im letzten Jahr aus ihrem Essay „Verzweiflungen“ las, hat sie nun Kleists Novelle adaptiert und lässt eine in ihrem Rechtsgefühl gestörte Friedhofsmitarbeiterin in die Selbstzerstörung laufen.
Am Sonntag schließt das 40. Freiburger Literaturfestival dann im Literaturhaus mit drei Veranstaltungen, die auf unterschiedliche Weise das Schweigen brechen. Katharina Mevissen wird eine Rede auch darüber halten, wer überhaupt reden darf. Danach treffen sich die österreichische Autorin Natascha Gangl und Christian Dierstein vom Ensemble Recherche zu einem Dialog über das Verschweigen, über Sprachrhythmus und Dialekt. Er geht über in ein Konzert des integrativen Freiburger Chores „Sprechende Hände“.
Freiburger Literaturgespräch. 4, bis 8. November. Das vollständige Programm unter www.literaturhaus-freiburg.de
Foto: Mia Oberländer liest am 6.11. im Theater im Marienbad © Alexandra Polina




