Das Museum Natur und Mensch Freiburg zeigt in „Voll unfair!“ exemplarisch die Bedeutung globaler Märkte auf
In ethnologische Sammlungen ist eine neue Selbstverständlichkeit eingekehrt. Ausstellungen über eine Region oder gar eine Ethnie werden immer seltener,
In ethnologische Sammlungen ist eine neue Selbstverständlichkeit eingekehrt. Ausstellungen über eine Region oder gar eine Ethnie werden immer seltener, an ihre Stelle tritt ein neues Miteinander. Zwei Jahre lief im Museum der Kulturen Basel die Projektreihe „Vor aller Augen“. Sie verhandelte nicht allein Fragen der Restitution, mehr noch ging es um die Aufgabe von Deutungshoheit. Wer spricht von und über Sammlungsobjekte? Die Wissenschaft oder jene Menschen, die mit ihnen lebendige Traditionen verbinden – und könnte man diese Kenntnisse nicht auch zusammenführen?“ Vor aller Augen“ war ein mit Bedacht gewählter Titel. Er erinnerte daran, dass Verbrechen während des Kolonialismus nicht unter dem Radar geschahen und dass das Sprechen über sie heute öffentlich ist wie auch der gegenwärtige Umgang mit den Objekten.
Die Ausstellung im Freiburger Museum Natur und Mensch „Voll unfair!“ steht für eine solche Offenheit. Warenproduktion und globale Märkte werden anhand der Beispiele Schokolade und Zement in je einem Raum behandelt, ein weiterer Raum sensibilisiert hinsichtlich eines weniger unfairen Einkaufens. Und auch obwohl man im Museum Natur und Mensch nicht moralisieren möchte, geht es doch um einen bedachteren Konsum, wenn nicht gar um Verzicht. Der Anspruch, eine Bildungsstätte zu sein, hat sich also nicht erübrigt, er hat lediglich die Richtung geändert. Zahlen und Schaubilder stören nicht die Präsentationen von Marcello Martinez Vega und Dewi Candraningrum, sie sind in das Treppenhaus verbannt. Im Museum Natur und Mensch versteht man „Voll unfair!“ ausdrücklich als Kunstausstellung, was nicht überall gleich gut aufgeht, aber eben auch Ausdruck eines veränderten Selbstverständnisses ist. Der in Freiburg lebende ecuadorianische Künstler Marcello Martinez Vega bettet seine detaillierte Installation in eine Kindheitserinnerung ein. In Ecuador, wo heute neun Prozent des Kakaos weltweit angebaut wird, hat Martinez Vegas Großmutter heiße Schokolade als sonntägliches, gemeinschaftsstiftendes Ritual zelebriert. Gleich einem Wimmelbild hat der Freiburger Künstler Gefäße, Figuren, Kunsthandwerkliches auf dem Boden vor mehreren großformatigen Bildern mit Affen und Kakaofrüchten installiert. Dazwischen Kakaobohnen und die Utensilien, die es zu ihrer Weiterverarbeitung braucht. Es ist ziemlich synkretistisch, auch große Holzzapfen aus einer Schwarzwaldserie von Marcello Martinez Verga sind darunte
Die Grafiken und Zahlen bleiben dennoch aufschlussreich, für Bauprojekte in Deutschland werden jährlich 27,5 Millionen Tonnen Zement verbraucht. Um den weltweit enormen Verbrauch zu decken, plant die Tochterfirma eines deutschen Unternehmens im indonesischen Kendeng-Gebirge eine Kalkstein-Mine und ein Zementwerk. Seit Jahren wehren sich die Einwohner, besonders die Frauen der Dörfer dagegen. Mittlerweile werden sie international unterstützt, etwa von der Heinrich-Böll-Stiftung und ihr Protest beschäftigt auch in Deutschland die Behörden. Dewi Candraningrum, die im Rahmen eines DAAD-Alumni-Programms ein paar Monate an der Universität Freiburg forschen konnte, arbeitet auch zum Ökofeminismus. Der Klimawandel wird sich unterschiedlich auf Männer und Frauen auswirken. Frauen sind stärker von Überschwemmungen und Verunreinigungen des Grundwassers betroffen, da sie traditionell die wasserintensiven Tätigkeiten wie Kochen übernehmen. Dewi Candraningrum versteht sich nicht allein als Wissenschaftlerin, sondern auch als Künstlerin. Eine Reihe von Porträts der protestierenden Frauen ist jetzt im Museum Natur und Mensch zu sehen. Die Frauen organisieren den Protest und kümmern sich um das Essen für alle. Candraningrum spricht von einer „Lebensmitteldiplomatie“, die alle ein bisschen milder stimmt. Zu sehen ist auch eine traditionelle Wasserkanne aus Ton neben einigen Reisrispen aus Deutschland. Solche Kannen haben die Frauen Regierungsvertretern übergeben, um sie zu ermahnen, ihre Verantwortung für die Region wahrzunehmen. Dass sie nicht die einzigen sind, die Verantwortung übernehmen können, zeigt die Ausstellung.

Voll unfair!. Museum Natur und Mensch, Gerberau 32, Freiburg. Dienstag 10-19 Uhr, Mittwoch-Sonntag 10-17 Uhr. Bis 03.01.27.Dewi Candraningrum: „Paini and my painting“ © Dewi Candraningrum




