Kunst Stadtleben

Debüt der Galerie W1 in Freiburg mit „Gesang für ein Möbel“der Künstlerin Romane Holderried Kaesdorf

Die Galerie W1, ins Leben gerufen durch den studierten Restaurator und Unternehmer Christoph Waller, eröffnete im Juni mit einer

Debüt der Galerie W1 in Freiburg mit „Gesang für ein Möbel“der Künstlerin Romane Holderried Kaesdorf

Die Galerie W1, ins Leben gerufen durch den studierten Restaurator und Unternehmer Christoph Waller, eröffnete im Juni mit einer Präsentation von insgesamt 22 Werken der Zeichnerin Romane Holderried Kaesdorf in den lichtdurchfluteten Räumen der Wilhelmstraße 1 in Freiburg. Die Galerie zu gründen, erzählt Christoph Waller, sei aus der Tatsache entstanden, dass die Firma über diese wunderbaren Räume verfügte. Die 22 Werke stammen alle aus einer Sammlung – zusammengetragen von einer einzigen Frau. Manchmal, erzählt die Kunsthistorikerin und Germanistin Friederike Zimmermann, sei ihre Mutter mit Romane Holderried Kaesdorf nach Südfrankreich gefahren. In einem alten R6 saßen die beiden Damen nebeneinander, Romane, auf dem Beifahrersitz, legte als erstes die Füße aufs Armaturenbrett, bevor die beiden kichernd gen Süden düsten. Die Besuche bei der Zeichnerin seien für ihre Mutter Fluchtpunkte gewesen. Daraus entstand die wohl bedeutendste Sammlung der viel beachteten Künstlerin aus Biberach an der Riß, deren Werk zu den wichtigsten Positionen gegenwärtiger Zeichnung gehört. 1922 wurde Romane Holderried in Biberach an der Riß geboren, studierte 1942-44 an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart und kehrte nach dem Krieg 1945 nach Biberach zurück, wo sie mit ihrem Mann Julius Kaesdorf, drei Kindern und den Schwiegereltern lebte. Inmitten der Vorbereitungen zu einer großen Retrospektive verstarb die Künstlerin mit 85 Jahren. Kurz zuvor nahm sie Friederike Zimmermann beiseite. „Eines Tages hat sie sich zu mir an den Tisch gesetzt und mir erklärt, wie ihre Kunst aufzufassen sei .“ Vielleicht ist es genau diese Nähe zur Künstlerin, die die Ausstellung so nahbar, so intim wirken lässt. Bis in die Mitte der 1970er Jahre zeichnete Romane Holderried Kaesdorf fast nur Männer, danach dominierten Frauen ihre Zeichnungen. Dabei ging es ihr nie um Naturalismus – zum Teil grotesk und humoristisch setzt sie ihren Strich dynamisch und eröffnet eine vollkommen eigene Bildwelt. Im Zentrum ihrer Werke der Mensch mit einem filigran ausgearbeiteten Detail: die Hände. „Was die Hände tun – dieses Tun und Handeln –, war ihr wichtig“, erklärt Zimmermann.
Ihr Werk sei nicht feministisch zu verstehen, betonte die Künstlerin selbst. Frauen dieser Generation scheinen sich selbst gar nicht bewusst darüber zu sein, wie explizit emanzipiert sie gehandelt haben. Doch sich im Alltag die Freiheit zum Malen zu nehmen, neben Haushalt, Kindern und Schwiegereltern – das sind Akte der Befreiung. Befreiung, die Holderried Kaesdorf in ihrer Kunst fand, indem sie Konventionen hinterfragte. Nicht im Sinne politischer Revolution, sondern alltäglicher Erfahrung. „Ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit war das freiheitliche Denken. Sie sagte mir damals: Warum nicht mit Stühlen auf dem Kopf durch die Stadt laufen?“, Friederike Zimmermann schmunzelt. Überhaupt sei es genau das gewesen, was ihre Mutter zum Sammeln der Werke Holderried Kaesdorfs motivierte. „Diese Freiheit im Denken war für meine Mutter so essentiell, dass sie auf vieles verzichtet hat, um ihre Kunst zu sammeln. Die Bilder waren ihre Nahrung!“. Noch ist die Galerie auf der Suche nach einer passenden Nische: „Zunächst nur ein Gedanke: Eine Galerie für weibliche Positionen“, überlegt der Galerist Christoph Waller. Wie passend, dass das Debüt dieser Galerie einer so außergewöhnlichen Künstlerin und Frau gewidmet ist.

Romane Holderried Kaesdorf: Gesang für ein Möbel. Galerie W 1, Wilhelmstraße 1, Freiburg. Mo-Do 8:30-17 Uhr. Fr 8:30-15:30 Uhr. Verlängert bis 30.11.26

Foto: Romane Holderried Kaesdorf: „Gesang für ein Möbel“ Foto: Galerie W1

About Author

Elisabeth Jockers