Mit Elan in die Zukunft: Das Zwetajewa-Zentrum an der Universität Freiburg begeht sein 10-jähriges Jubiläum
Zum Jahreswechsel 2016 / 2017 startete mit der Gründung des Vereins „Zwetajewa-Zentrum an der Universität Freiburg e. V.“ eine bemerkenswerte
Zum Jahreswechsel 2016 / 2017 startete mit der Gründung des Vereins „Zwetajewa-Zentrum an der Universität Freiburg e. V.“ eine bemerkenswerte Initiative. Federführend war (und ist) Prof. Elisabeth Cheauré, Professorin am Slavischen Seminar der Universität, seit 2020 im ‚aktiven‘ Ruhestand. Sie hatte den absolut richtigen ‚Riecher‘: Hier könne eine Einrichtung entstehen, die neben einem bundesdeutschen Alleinstellungsmerkmal auch wirklich eine Transformation und einen lebendigen Austausch zwischen mitteleuropäischer und russischer Kultur verwirklichen solle, vor allem den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Das funktionierte lange Zeit sehr gut. Insofern war und ist das ein nachhaltiges Kultur- und Friedensprojekt. Bestandteil der Vereinskonstruktion war, dass Cheauré gemeinsam mit dem Kulturbürgermeister der Stadt Freiburg (bislang: Ulrich von Kirchbach) und der Rektorin der Universität (aktuell: Prof. Kerstin Krieglstein) den Vorstand bildet.

Zu den Gründungsmitgliedern zählten renommierte Mitglieder der Freiburger Professorenschaft, zudem auch der ehemalige OB Freiburgs Dieter Salomon, Gernot Erler als einstiger Russland-Beauftragter der Bundesregierung sowie Klaus Mangold als damaliger Honorarkonsul der Russischen Föderation in Baden-Württemberg.
Der weitreichende und ambitionierte Impuls des Zentrums ist in der Vereinssatzung festgehalten: „Insbesondere dient der Verein der Förderung osteuropäischer Kulturen (vor allem Russland, Ukraine, Weißrussland/Belarus), der Vermittlung deutscher Kultur in diesem Raum, der Pflege und Weiterentwicklung der kulturellen Zusammenarbeit, der Vermittlung von Kulturkenntnissen sowie der Unterstützung einer engen Kooperation auf diesem Feld zwischen der Stadt Freiburg, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg sowie Kulturinstitutionen in Freiburg und der Region.“ Nach einem Festakt zur Gründung im Historischen Kaufhaus im Mai 2017 folgten als erste Veranstaltungsserie im Okt. / Nov. 2017 die „Russischen Kulturtage“ mit allein mehreren Dutzend Veranstaltungen.
Die Namensgeberin und das Jubiläumsprogramm
Treffsicherer hätte die Patronin nicht gewählt werden können: Marina Zwetajewa (1892–1941) gilt als bedeutende russische Dichterin; zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebte sie längere Zeit in Freiburg; sie erfuhr Krieg, Revolution und Emigration in mehreren europäischen Ländern; im August 1941 beging sie in der Tartarischen Republik auf der Flucht und in Bedrängnis von Stalins Politik Selbstmord. Ein engagiertes, charismatisches künstlerisches Leben und Wirken mit Freiburg-Bezug!
Jedes Jahr feiert das Zwetajewa-Zentrum seine Namenspatronin, die am 8. Oktober 1892 geboren wurde, mit einem „Oktoberkonzert“, das mittlerweile weit über Freiburg hinaus ausstrahlt. In diesem Jahr wird dies angekündigt: „Die weltbekannte Dramaturgin und Regisseurin Marina Dawydova wird im Humboldt-Saal in einer szenischen Lesung ihr noch unveröffentlichtes Stück über Erfahrungen im Exil präsentieren, musikalisch umrahmt vom hochdekorierten Pianisten Nikolaj Medvedev“ (16.10., 20Uhr).
Insgesamt ist für die Monate Okt. 2026 bis Febr. 2027 ein fulminantes Jubiläumsprogramm angekündigt. Ein Beispiel: Am 28. Jan. 2027 wird der ZEIT-Korrespondent und Bestseller-Autor Michael Thumann über „Europas neue Teilung“ referieren (KG 1, Hörsaal 1010, 20.15.Uhr).
Das Team und die Kooperationspartner
Elisabeth Cheauré, die ehrenamtlich im Zentrum arbeitet, ist nicht allein: Sie wird aktiv unterstützt von Margarita Augustin (die gemeinsam mit Cheauré das Kulturprogramm leitet), Olga Makarova (Veranstaltungskoordination) und Viktoria Gont (Öffentlichkeitsarbeit) – allesamt hoch engagierte Frauen; die drei sind auf Mini-Job-Basis angestellt. Die Zusammenarbeit untereinander funktioniert bestens, jeweils sind sie gut vernetzt – in der Universität und außerhalb in der Freiburger Szene, ebenso national und international. Sonst hätte das in den letzten zehn Jahren mit über 400 Veranstaltungen auch nicht so bravourös geklappt.
Tatsächlich bilden die Kooperationspartner das eigentliche Gerüst des Zentrums: in erster Linie sind dies das Kommunale Kino (KoKi), das städtische Literaturhaus, das Stadt-Theater, das Ensemble Recherche, „Kultur über den Dächern“ – viele andere kommen hinzu. Kein Zweifel also, dass das Zwetajewa-Zentrum längst schon in der Stadtgesellschaft angekommen ist. Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, sieht das ‚Archiv‘ des Zentrums auf seiner Homepage als umfängliche Dokumentation dessen (https://www.zwetajewa-zentrum.de/veranstaltungsreihen/).

Wilhelm Gerstel, 2017 Foto: O. Makarova
Unter vielen hochkarätigen Beiträgen gab es auch eine, vermeintlich eher unscheinbare, Intervention des russischen, in Straßburg lebenden Künstlers Igor Ponosov in die Kunst im Öffentlichen Raum in Freiburg (oft leider vernachlässigt): Er ‚ummantelte‘ vorhandene Skulpturen mit hölzernen hellen Holz-Boxen – und verlieh ihnen so eine neue Aufmerksamkeit, vielleicht mehr noch, als der lange schon vermisste QR-Code als Beschriftung am Objekt das hätte erzielen können. Neben den Statuen von Homer und Aristoteles am Treppenaufgang zum Kollegiengebäude 1 widmete er sich auch der Bronzestatue des „Aufwärtsstrebenden“ von Wilhelm Gerstel (1924/27) an dem eher unscheinbaren Ort zum Aufgang von der Insel an den Schlossbergring. Ein Projekt des Zentrums, das gemeinsam mit dem Kulturamt der Stadt Freiburg realisiert wurde.
Der Ukraine-Krieg und die Folgen
Der russische Angriff auf die Ukraine (Febr. 2022) hinterließ verständlicherweise unmittelbare Spuren: Cheauré gab umgehend ihre Ehrendoktorwürden an den Universitäten in Moskau und Twer im März 2022 aus Protest zurück. Fortan änderte sich auch das Programm des Zwetajewa-Zentrums merklich. Von Beginn an war die Unabhängigkeit von russischen staatlichen und politischen Organen Primat. Nun jedoch erweiterten sich der Blick und das Programm – verstärkt auf die sog. post-sowjetischen Republiken. Überall dort gibt es russisches Kulturerbe, überall dort stehen auch Themen wie Migration, Desertion, Prekariat, Kunst und Kultur im Exil an der Tagesordnung.
Das Rektorat der Universität zieht sich zurück
Schon vor drei Jahren stellte die Universität Freiburg ihre Ko-Finanzierung ein. Jetzt, verlautbart per Pressemitteilung vom 24.06.2026, wurde die Zusammenarbeit in der bisherigen Form durch das Rektorat beendet, der Austritt aus dem Verein zum Jahresende 2026 angekündigt. Eine wirkliche Begründung fehlt, sie steht nur zwischen den Zeilen: „Die Zusammenarbeit war von Beginn an eng mit dem gesetzlichen Auftrag der Universität in Forschung und Lehre verbunden: Öffentliche Mittel dürfen ausschließlich für Aufgaben eingesetzt werden, die diesem Auftrag dienen.“ Das lässt sich nur schwer begründen. Der Schritt der Universitätsleitung betrifft zunächst vor allem die Aufkündigung der bislang kostenfrei genutzten Büro-Räume; dann aber eben auch den Rückzug aus dem Verein sowie den (freiwilligen) Verzicht auf diese profilbildende und weit über Freiburg hinaus inzwischen positiv wahrgenommenen Institution. Elisabeth Cheauré schreibt: „Das Zwetajewa-Zentrum ist (…) zu einer Marke für ideologiefreie, wissenschaftlich fundierte Information und zu einer Plattform kultureller Angebote gleichermaßen geworden. Dabei hat sich unser Fokus in den letzten Jahren kontinuierlich erweitert, wenn wir etwa Kasachstan, Aserbaidschan oder Armenien thematisch in den Blick genommen haben.“
Sowohl in der Stadtgesellschaft als auch aus Kreisen der Hochschule selbst gab es Protestnoten. Und nicht nur die Badische Zeitung, sondern sogar die FAZ (08.07.2026) nahm von dieser Zäsur Notiz. Indes, der als Kündigungsgrund formulierte Tatbestand blieb nicht unkommentiert: „Dem widerspricht, dass das Zentrum Partner für das von der DFG geförderte Freiburger Graduiertenkolleg zum Thema Imperien ist und eine Ausstellung über (Post-)Kolonialismus vorbereitet“ (FAZ). Dies Handeln des Rektorats erscheint vorerst also alles andere als ‚exzellent‘ – Fragen bleiben offen! wWas steht nun an? Die Satzung des Vereins muss geändert werden, in der die Universität bislang fest verankert ist. Der Vorstand muss um eine dritte Person erweitert werden, denn die Rektorin fällt nun aus. Vor allem jedoch entfällt in der Namensgebung die Universität – ein bitterer Verlust.
Neue Perspektiven
Es zeichnen sich inzwischen jedoch neue Optionen für das Zentrum ab: Der Kulturbürgermeister der Stadt Freiburg Roland Meder hat einen Büroraum und „volle Unterstützung“ zugesagt. Vor allem die inneruniversitären Proteste gegen das Vorgehen des Rektorats führten dazu, dass auch Solidarisierung entstand; mit verschiedenen Einrichtungen, Instituten und Fakultäten wird die inhaltliche Zusammenarbeit wohl wie bisher weitergehen, vielleicht sogar ausgebaut werden können.
Und die Vision am Horizont, die von gut informierten Kreisen berichtet wird, ist diese: dass es vielleicht ein gemeinsames innerstädtisches Haus geben könnte mit dem Centre Culturel Français Freiburg (CCFF), dem Carl-Schurz-Haus (als deutsch-amerikanischem Institut), evtl. sogar weiteren bilateral kultur-politisch arbeitenden Initiativen – da könnten viele Synergien entstehen. Bislang bleibt dies noch ein Silberstreif – über den es sich aber weiter nachzudenken lohnt.
Anmerkung der Redaktion: Nach dem Erscheinen dieses Artikels in der Printausgabe Oktober 2026 hat die Universität nun eine Lösung und Co-Finanzierung angedeutet.
Foto: Margarita Augustin, Elisabeth Cheauré, Ulrich von Kirchbach Foto: Thomas Kunz




