Interview

Im Gespräch: Jérémy Goltzéné, Leiter des französisch-deutschen Kulturzentrums Art’Rhena

Kultur überwindet Grenzen. Im Fall des französisch-deutschen Kulturzentrums Art’Rhena ist dies wörtlich zu nehmen. Die Einrichtung, die von einem

Im Gespräch: Jérémy Goltzéné, Leiter des französisch-deutschen Kulturzentrums Art’Rhena

Kultur überwindet Grenzen. Im Fall des französisch-deutschen Kulturzentrums Art’Rhena ist dies wörtlich zu nehmen. Die Einrichtung, die von einem Gemeindeverbund im Elsass getragen und von der Stadt Breisach unterstützt wird, liegt beziehungsreich auf einer Insel im Rhein. Wie es gelingt, trotz der Sprachbarrieren Publikum aus beiden Ländern zu erreichen und was die neue Saison verspricht, erklärt Programmchef Jérémy Goltzéné im Gespräch mit Willi Adam.

Kultur Joker: Das Art’Rhena liegt genau zwischen zwei Ländern auf einer Rheininsel. Mehr Symbolik geht nicht für eine französisch-deutsche Kultureinrichtung. Aber was bewirken Sie konkret für den Alltag der Menschen?

Goltzéné: Im Alltag der Menschen existiert die Grenze eigentlich nicht mehr. Man fährt täglich hin und her um einzukaufen, um Freizeit auf der anderen Seite zu verbringen oder um dort zu arbeiten. Wir als Kultureinrichtung bringen die Menschen in der direkten Begegnung zusammen. Bei uns beschäftigen sich Franzosen und Deutsche mit den gleichen Themen und sie teilen die gleichen Emotionen.

Kultur Joker: Eine Grenze bleibt, nämlich die Sprachbarriere.

Goltzéné: Deshalb bieten wir viele Veranstaltungen an, die nicht auf Sprache basieren. Musik, Tanz oder Zirkus machen fast die Hälfte unseres gesamten Programms aus. Mit zeitgenössischem Zirkus, Cirque Nouveau haben wir ein besonderes Profil entwickelt, denn es gibt sonst kein großes Angebot in der weiteren Region. Etwa die Hälfte der Besucherinnen und Besucher kommt bei diesen Veranstaltungen aus Deutschland.

Kultur Joker:Wenn es doch im Alltag so selbstverständlich ist, über die Grenze zu gehen und wenn es so viel Raum gibt für gemeinsame Entdeckungen, wieso gibt es dann so wenig grenzüberschreitende Kultureinrichtungen?

Goltzéné: Es gibt zu viele administrative Hürden. Die Finanzierung funktioniert in beiden Ländern völlig anders und es ist eigentlich auch nicht vorgesehen, dass eine Seite etwas im anderen Land fördert. Es braucht also einen großen Willen, um diese Probleme zu lösen. Die Communauté des Communes Alsace Rhin Brisach, ein Zusammenschluss von 29 Gemeinden, hat diesen Willen aufgebracht. Außerdem erhalten wir von der Stadt Breisach eine Unterstützung. Die kommunale Unterstützung gibt uns eine sichere Perspektive. Außerdem bekommen wir derzeit über das Interreg-Programm Geld von der EU für bestimmte Projekte. Außerdem helfen uns die Interreg-Mittel im Bereich Kommunikation, zum Beispiel, um mehr Publikum aus Deutschland zu gewinnen.

Kultur Joker: Gelingt das?

Goltzéné: Wir hatten zum Start der Interreg-Förderung 2024 etwa zwölf Prozent Besucher aus Deutschland. Unser Ziel bis zum Ende der Projektzeit war es, mehr als 20 Prozent zu erreichen. Das haben wir fast schon geschafft. Mit dem neuen Saisonprogramm hoffen wir sogar, auf 30 Prozent zu kommen.

Kultur Joker: Was macht Sie da so optimistisch?

Goltzéné: In der neuen Spielzeit bieten wir mehr Angebote in den Bereichen Zirkus, Tanz und Musik, dafür etwas weniger Theater. In dieser Sparte macht sich neben der Sprachbarriere auch das große Angebot in Freiburg bemerkbar. Anders sieht es bei Elsässer Theater aus. Das schauen sich auch Deutsche gerne an.

Kultur Joker: Welche Rolle spielt die elsässische Kultur überhaupt noch? Gibt es noch die eigene Elsässer Identität zwischen Frankreich und Deutschland?

Goltzéné: Dieses Selbstverständnis ist teilweise noch vorhanden. Aber bei den jüngeren Generationen verändert sich etwas. Die Schüler lernen im Collège häufiger Spanisch als Deutsch, obwohl man doch im Alltag mit Deutsch viel mehr anfangen kann. Wir versuchen, die traditionelle Zweisprachigkeit der Region zu stärken. Zum Beispiel mit unseren zweisprachigen Kindertheaterstücken, bei denen die Kinder auch ohne Worte alles verstehen können und zusätzlich die jeweils andere Sprache im Ohr haben.

Kultur Joker: Sprache ist mehr als nur Kommunikation. Man kann sich heute mühelos mit Englisch oder digitalen Übersetzungsprogrammen austauschen. Aber Sprache dient auch als Schlüssel für das Verständnis der jeweils anderen Kultur. Wie gehen Sie damit um?

Goltzéné: Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, mit der Sprachbarriere umzugehen. In der vergangenen Saison hatten wir ein Theaterstück über Aenne Burda – auf Deutsch mit französischen Übertiteln. Das hat gut funktioniert. In der neuen Saison haben wir wieder ein Gastspiel, PantoMagic, ganz auf Deutsch, aber diesmal ohne Übertitel. Diese Produktion arbeitet viel mit Magie und Pantomime, so dass es auch Franzosen ohne Deutschkenntnisse verstehen können. Dann zeigen wir noch ein Kindertheater ebenfalls auf Deutsch. Dabei geht es um das Schicksal einer Frau, die als als Hütekind zu einem Bauern gegeben wurde. Ich denke, die französischen Kinder werden diese Geschichte auch ohne Worte verstehen. Dann gibt es noch das Theater Baden-Alsace, das in der neuen Saison ein Stück zeigt, das sich an die in Frankreich sehr bekannte Geschichte von König Artus anlehnt. Dabei entdeckt ein Junge, dass er noch einen Halbbruder von einer deutschen Mutter hat. Eine Figur spricht nur französisch, die andere nur deutsch.

Die kommende Saison verspricht spektakuläre Highlights … © Marius Engels

Kultur Joker: Heißt das, Sie sehen die Sprachbarriere nicht als Hürde an, sondern machen die Thematik zum eigentlichen Gegenstand des Kulturprogramms?

Goltzéné: Ja. Bevor wir das Haus eröffnet haben, hatten wir eine Reihe mit Bürgerdialogen über die Bedürfnisse und Erwartungen an ein Kulturzentrum. Dabei hat sich gezeigt, dass sowohl das französische, als auch das deutsche Publikum in die jeweils andere Sprache eintauchen will. In den ersten drei Spielzeiten hatten wir fast ausschließlich Veranstaltungen ohne Sprache – Musik, Tanz, Pantomine und so weiter. Mittlerweile hört man viel mehr Französisch, Deutsch oder Elsässer Mundart auf unserer Bühne. Fast bei der Hälfte aller Veranstaltungen. Die Sprache muss kein Hindernis sein. Das funktioniert übrigens auch nach den Vorstellungen an der Bar. Die Leute tauschen sich aus, ganz direkt und persönlich. In welcher Sprache auch immer, sei es auch auf Englisch. Das werten wir als Erfolg.

Kultur Joker: Wenn Sie Formate präsentieren, die ohne Worte auskommen, dann ist das zunächst ein pragmatischer Umgang mit der Sprachproblematik. Aber entstehen daraus nicht auch andere Formsprachen, die das Publikum weniger über den Verstand und dafür mehr über Gefühle und Sinne erreichen?

Goltzéné: Wir hatten einmal eine afrikanische Gruppe, die mit den Mitteln der Artistik erzählt hat, was der tägliche Kampf ums Wasser bedeutet. Es wäre schwer gewesen, das mit Worten zu erklären. In der neuen Saison präsentieren wir „Face aux Murs“, eine Trampolin-Show, die sich mit Barrieren befasst, an die wir im Laufe des Lebens stoßen und die wir überwinden können. Das sind poetische Bilder, aus denen sich jeder in der Fantasie eine eigene Geschichte zusamensetzen kann. Oder nehmen wir die Tanzproduktion „Macéra“, bei der das Publikum geradezu aufgefordert wird, den Kopf abzuschalten und sich nur auf seine Sinne zu verlassen. Und „449 Secondes“ bietet einen emotionalen Zugang zu einem sonst nur rational verstandenen Phänomenen der Astrophysik.

Kultur Joker: Wie finden Sie die Produktionen, die in Ihr spezielles Profil passen?

Goltzéné: Es gibt Kulturschaffende, die sich selbst mit dem deutsch-französischen Austausch befassen, wie das Theater Baden-Alsace oder wie der französische Musiker Nicolas Buvat, der in Deutschland studiert hat. Ich selbst suche gezielt nach Produktionen für unseren Bedarf, auch bei Kulturmessen in Deutschland.

Kultur Joker: Stehen ausschließlich Gastspiele auf dem Programm?

Goltzéné: Nein, wir treten auch als Co-Produzent auf und wir stellen unsere Infrastruktur für Residenzen zur Verfügung, bei denen Künstler Programme erarbeiten können, die dann auf unserer Bühne gezeigt werden und dann auf Tournee gehen. Dabei verfolge ich zwei Stränge: Das Kinderprogramm, weil das die Hälfte unseres Angebots ausmacht und weil es dafür Fördermittel gibt, außerdem Zirkus, weil dieses Format beim deutschen und beim französischen Publikum gut ankommt.

Kultur Joker: Müssen alle Programmpunkte den deutsch-französischen Aspekt haben?

Goltzéné: Nein. Zum Internationalen Tag gegen die Gewalt an Frauen im November zeigen wir ein französisches Ein-Frau-Stück, „Barmanes“. Es greift die Thematik am Beispiel einer Kellnerin sehr gut auf. Einen Beitrag, der inhaltlich zu diesem Tag passt und gleichzeitig die deutsch-französische Schiene bedient, habe ich nicht gefunden. Also haben wir an diesem Tag eine Vorstellung, die sich nur an das französischsprachige Publikum richtet. Dafür gibt es im Mai einen Ausgleich, wenn wir „Das Tagebuch der Anne Frank“ auf Deutsch bringen.

Kultur Joker: Das Art’Rhena liegt auf einer Insel, außerhalb von Ortschaften, umgeben von Wasser und Landschaft. Mehr Provinz geht nicht.

Goltzéné: Wichtig ist doch nur, ob man ein gutes Programm hat und sein Publikum erreicht. Das allerdings ist bei unserer Lage etwas schwieriger. Auf der deutschen Seite fährt immerhin noch die S-Bahn nach der Vorstellung, aber das französische Publikum kommt abends ohne Auto nicht mehr weg. Also nutzen wir unsere Vorteile: Wir haben eine schöne Bar, zu jeder Vorstellung kommt ein Food Truck und so können die Leute essen, trinken und miteinander ins Gespräch kommen.

Kultur Joker: Ihre Arbeit findet statt inmitten von Zwängen und Erwartungen. Sie müssen mit der Sprachproblematik umgehen, Sie müssen den Kulturauftrag der französischen Kommunen erfüllen, Sie müssen deutsches Publikum erreichen, ohne das französische zu verlieren, Sie müssen die Interreg-Förderung rechtfertigen und vor allem sollen Sie die französisch-deutsche Kulturkooperation am Oberrhein hochhalten. Kurz: Sie sitzen zwischen allen Stühlen. Wo bewahren Sie sich den Freiraum?

Goltzéné: Indem ich meinen eigenen Stuhl finde. Art’Rhena ist von seiner Lage, von seiner Struktur und von seinem Konzept her einzigartig. Das ist mit vielen Herausforderungen verbunden, aber dafür habe ich die Freiheit zu experimentieren und neue Formen zu finden, die nicht nur über die Sprache und den Verstand funktonieren, sondern über den emotionalen Zugang Dinge erklären. Dabei geht es mir nicht nur um die äußere Form. Ich mag es, wenn sich hinter der Ästhetik ein Inhalt verbirgt, über den sich die Leute nach der Vorstellung austauschen können.

Kultur Joker: Vielen Dank für das Gespräch!

Foto: Vincent Schneider

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Willi Adam