Ein Lesevergnügen zum Entschweben: Buchtipp „La vie en rose“ – Chanson und Lebensgefühl
Ein Chanson ist mehr als Unterhaltung, es wirkt auf die Stimmung. Einige französische Klassiker sind in Deutschland gut bekannt,
Ein Chanson ist mehr als Unterhaltung, es wirkt auf die Stimmung. Einige französische Klassiker sind in Deutschland gut bekannt, etwa „Je ne regrette rien“ und „Les feuilles morte“, aber Kino und Literatur aus Frankreich finden mehr Beachtung. Von Piaf über Bécaud, Brassens und Barbara vermitteln Chansons auf ihre Weise, was in der Gesellschaft gedacht wird und wie es um Wünsche und Ängste bestellt ist. Dies erhellt Christoph Sators Buch „La vie en rose – Frankreich in 100 Chansons“; der Autor kennt die musikalischen und textuellen Finessen seiner Thematik. So kann er auch begründet vermuten, dass z.B. ein Lied wie „Je veux“ von Zaz, in anderen Ländern weniger Chancen hätte, weil zu naiv und seelenvoll.
Omnipräsent sind Chansons in französischen Medien, Cafés und bei Festen. Sie bilden zudem die Basis vieler Kinoerfolge, man denke an „Das Leben ist ein Chanson“, „Le premier jour du reste de ta vie“ (Étienne Daho) und „La valse d’Amélie“ (Yann Tiersen). Verfilmt wurden Biographien von Aznavour, Gainsbourg und Édith Piaf, deren „La vie en rose“, Ende des Zweiten Weltkriegs voller Pathos geschrieben, aktuell auf vielen Kanälen zu hören ist. Französische Texte eignen sich zum Singen und prägen sich ein, etwa das ergreifende „Ne me quitte pas“ von Jacques Brel. Stetig präsent bleiben in der musikalischen Atmosphäre Figuren wie Boris Vian („Le Déserteur“, 1954), Juliette Greco, Yves Montand, Françoise Hardy, Moustaki, Charles Trenet („La mer“), Dutronc, Le Forestier, Salvador, Jean Ferrat („Que serais-je sans toi“) und Leo Ferré („L’affiche rouge“). Vor der Jahrtausendwende kamen Guesch Patti („Étienne“) und Patricia Kaas hinzu. Unvergesslich auch France Gall mit „Ella elle l’a“, einem Wortspiel um das gewisse Etwas von Ella (Fitzgerald). Bekannt ist zudem „Göttingen“ von Barbara, mit dem sie eine deutsche Universitätsstadt in den 1960er Jahren zum Symbol der Versöhnung machte; da jüdischer Herkunft wollte sie zunächst hierzulande nicht auftreten, doch der Intendant des Jungen Theaters, Hans Günther Klein, bewegte sie zur Zusage – und so komponierte sie ein Chanson, das die Leute ins Herz traf. Auf diese Stelle zielt auch der in Frankreich populäre Jean-Jacques Goldman mit „Comme toi“.
Heutzutage stammen viele Musiker aus Familien ehemaliger Kolonien, darunter Khaled (Aicha, 1996), MC Solaar (Bouge de là) oder Aya Nakamura (La symphonie des éclairs, 2023) – sie schlagen ein neues Kapitel auf. Als modernisierte Form der französischen Tradition lässt sich die international erfolgreiche Nakamura sehen, geboren in Mali, aufgewachsen bei Paris, denn sie berührt vor allem drei Dinge: la vie, l’amour, la mort. Auch Zaho de Sagazan verkörpert das klassische Chanson, trotz elektronischer Musik; und sie bringt ihr Publikum in Wallungen. Das erreichte schon Michel Polnareff mit dem Hit „On ira tous au paradis“ (1972): zwanzigtausend Leute trieben damals seinen Text voran, während er von der Bühne zuschauen konnte. Bald melancholisch, bald provokant und ausgelassen. Immer eigensinnig!
- Christoph Sator. La vie en rose. Frankreich in 100 Chansons. KiWi 2026
Foto: KiWi Verlag




