Streng befristete Zeitlosigkeit: Nachruf auf Pál Mathias
„Wir Künstler arbeiten, wenn es sein muss, 35 Stunden am Tag, wenn wir etwas Schöpferisches von Niveau herstellen wollen“,
„Wir Künstler arbeiten, wenn es sein muss, 35 Stunden am Tag, wenn wir etwas Schöpferisches von Niveau herstellen wollen“, sagt der Bildhauer Pál Mathias. „Als Kind habe ich gearbeitet und als alter Mann arbeite ich auch. Das ist einfach mein Leben, nicht einfach nur ein Beruf. Das, was ich mache, ist identisch mit mir selbst, da schaue ich auch nicht auf die Uhr …“
Pál Mathias wird 1947 im jugoslawischen Zrenjanin geboren. 1959 siedelt er mit seiner elsässischen Mutter, seinem ungarischen Vater und seiner Schwester nach Deutschland über. Nach der Unterbringung in verschiedenen Flüchtlingsunterkünften gelangt die kleine Familie schließlich nach Freiburg; doch auch dort gestaltet sich die Ankunft alles andere als einfach. Der Neuankömmling wird in der Schule gemobbt – freilich ohne das Wort dafür zu kennen. Er fühlt sich als Außenseiter, eine Position, die er gewissermaßen „kultivieren“ wird. Er macht sich früh unabhängig vom Urteil anderer, und er beschließt, die Welt selbst so zu gestalten, wie er sie sieht und wie sie ihm entspricht.
Nach seinem Kunststudium arbeitet Mathias als Bühnen- und Kostümbildner u.a. an der Berliner Schaubühne, ab Mitte der siebziger Jahre dann in Freiburg am Wallgrabentheater, am Kinder- und Jugendtheater Marienbad und schließlich mit dem Regisseur Frithwin Wagner-Lippok am gemeinsam ins Leben gerufenen Experimentaltheater „Tantalus“.
Dann wendet er sich vom Theater ab. Er habe immer zusehen müssen, wie nach der letzten Vorstellung seine Arbeit – das Bühnenbild und die Kostüme – entsorgt oder zerstört werde. „Ich wollte einfach Sachen machen, die einen bleibenden Wert haben“, erklärt er. „Ich bin immer beeindruckt gewesen, wenn man eine Skulptur aus der Antike auf dem Meeresgrund findet, wo sie vielleicht zweieinhalbtausend Jahre gelegen hat, und nun können wir sie anfassen und bewundern.“ Ein Besuch im Antikenmuseum Basel wird für ihn zu einem Schlüsselerlebnis. Eine winzig kleine, viele tausend Jahre alte, sumerische Figur schaut ihn durch das Sicherheitsglas an, und er ist tief berührt. Er beschließt, mit dauerhaften Materialien zu arbeiten. „Mich interessiert in meiner Arbeit nicht der Zeitgeist, sondern die Zeitlosigkeit … Mit Bronze habe ich mein Element gefunden. Die Beziehung zum Handwerklichen ist mir wichtig, dass ich mit meinen Händen klopfen, schleifen, hämmern und meißeln kann. Ich gehöre nicht zu den Bildhauern, die die Motive dreidimensional am Computer entwickeln“, erzählt er in einem Interview. Lieber als ein Künstler – der Kunstbetrieb ist ihm suspekt – sieht er sich als ein guter Handwerker, der seine Figuren bis zur Perfektion ausarbeitet. Seine Motive findet er in der Mythologie, in den zeitlosen Wesen, die die Menschheitsgeschichte durchwandern, denen wir in unseren Träumen und Ängsten begegnen.
In der ehemaligen Arbeitersiedlung in der Freiburger Freiau erschafft er eine Oase fernab von Hektik und oberflächlichen Wichtigkeiten. Wohnung, Atelier und Garten gehen hier nahtlos ineinander über. Menschen zusammenzubringen, Austausch und gute Gespräche sind ihm eine Herzensangelegenheit. So wird die Freiau zu einem beliebten Treffpunkt – und für die inzwischen über Berlin, Budapest und New York verstreuten Freundinnen und Freunde zu einer Art Heimat. 2005 eröffnet Mathias die „Galerie in der Freiau“, in der bereits bekannte und noch zu entdeckende Künstlerinnen und Künstler aus Freiburg und dem östlichen Europa gezeigt werden, wie der renommierte tschechische Illustrator Jindra Čapek, mit dem ihn eine enge Künstlerfreundschaft verbindet. Ein Highlight, an das sich viele bis heute erinnern, ist die Gruppenausstellung mit dem herrlich paradoxen Titel „Streng befristete Zeitlosigkeit“ (2017).
Seiner eigenen Zeitlichkeit und der Fragilität des Lebens war er sich stets bewusst. Im April ist Pál Mathias zuhause, inmitten seiner Arbeiten, verstorben.
Foto: Pál Mathias Foto © privat




