Theater

Das Persönliche ist politisch: Liv Strömquists „Ich fühl´s nicht“ im Cargo-Theater Freiburg

Warum hat Leonardo DiCaprio Affären am laufenden Band, aber nie eine wirkliche Beziehung? Wie ist das überhaupt mit „Falling

Das Persönliche ist politisch: Liv Strömquists „Ich fühl´s nicht“ im Cargo-Theater Freiburg

Warum hat Leonardo DiCaprio Affären am laufenden Band, aber nie eine wirkliche Beziehung? Wie ist das überhaupt mit „Falling in Love“ im Spätkapitalismus – bei schier unendlichen Vergleichs- und Auswahlmöglichkeiten? Ist der Andere jetzt nur noch austauschbare Ware, die vor allem dem narzisstischen Zweck dient, sich selbst zu spiegeln und zu bestätigen? Und was bedeutet das für den Feminismus, für´s Kinderwollen und Kriegen, für Sehnsucht, Begehren und dieses Gefühl, das seit Urzeiten als überwältigende Macht und wunder-seltsames Märchen beschrieben und besungen wird? No more Love?
Die 1978 in Schweden geborene und vielfach ausgezeichnete Comic-Zeichnerin Liv Strömquist macht sich in ihrem 2020 erschienen Sach-Comic „Ich fühl´s nicht“ dazu auf Spurensuche in unterschiedlichen Theorien und wissenschaftlichen Ansätzen samt Ausflügen in die Weltliteratur.
Eine erhellende Reise, profund recherchiert und mit viel Witz in Szene gesetzt. Wie gut ihre Comics als Bühnen-Performance funktionieren können, hat das in Freiburg und München beheimatete Kollektiv Storytelling Engines um Isabella Bartdorff, Tjadke Biallowons und Lucy Wirth schon mit „Im Spiegelsaal“ gezeigt, jetzt war ihre vierte Produktion „Ich fühl´s nicht“ (Premiere 2024 im Literaturhaus Freiburg) zu Gast im ausverkauften Cargo-Theater.
Große Plakatwände mit Ausschnitten aus dem Strömquist-Comic stehen hinter Sofa, Sessel, Tischchen und vielen Vasen voller Plastikblumen. Im zuckersüßen A-cappela-Satzgesang trällern sie den Elvis-Schmachtfetzen „Can´t Help falling in Love with you“, bis Barthoff auf dem Boden liegend mit einem trockenen „Aber ich fühl´s nicht“ unterbricht. Sie wird immer wieder in die Rolle Leonardo DiCaprios schlüpfen – „eine lauwarme Herdplatte“, die einfach für nichts entflammen kann und für die Model A nicht viel anders ist als Model B. Warum? Im launigen Dialog-Ping Pong landen Isabella Bartdorff, Tjadke Biallowons und Bettina Grahs nun beim Philosophen Byung-Chul Han oder der Soziologin Eva Illouz, diskutieren leidenschaftlich und quicklebendig über deren Thesen, kreieren dazu eindrückliche Beispiele, erzählen von eigenen Erfahrungen und switchen mit umwerfender Schauspielerei blitzschnell zwischen Figuren und Diskurs-Ebenen hin und her: Werden zum verliebten Döner, zu Metzger-Klaus, Aphrodite, der liebestollen Caroline Lamb oder der hingebungsvollen Prinzessin Parvati. Ein irrer Ritt in Sachen Liebe von der Antike über das 19. Jahrhundert in die 60er Jahre bis zu Beyoncé, Self-Empowerment und nicht-gelabelte On-Off-Beziehungen.
So geht’s zwar inhaltlich entlang von Strömbergs Kapiteln durchaus in philosophische Tiefen, die dann aber lustvoll im szenischen Wechselspiel gebrochen und geerdet werden. So ist das Publikum immer auch involviert in diesen spannenden, spritzig-frechen Austausch unter Freundinnen, gegossen in eine schnell geschnittene, saulustige Comedy Show, in der das Persönliche radikal politisch ist. Dazwischen gibt’s frischgepressten Saft und Liebes-Lollis fürs Publikum. Ob Lieben wirklich wie ein Tod des Egos ist? Auch diese These macht Sinn, passt unsere Liebesunfähigkeit doch in das historische Tief in Sachen Sterben…

Foto: Ein spannender Austausch unter Freundinnen auf der Bühne des Cargo-Theaters © Maurice Korbel

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Marion Klötzer