Ying und Yang: Stiftung für Konkrete Kunst Roland Phleps zeigt Kammerer-Luka
Es ist alles eine Frage des Standpunkts. Man muss sich nur ein bisschen bewegen und aus dem schwarzen Quadrat
Es ist alles eine Frage des Standpunkts. Man muss sich nur ein bisschen bewegen und aus dem schwarzen Quadrat wird ein Rahmen und dann ein weißes Quadrat. Auch auf den beiden anderen Bildern dieser „Hommage à Malewitsch“ tut sich etwas. Aus dem Viereck werdenDiagonale, die je nach Perspektive der Betrachterin, des Betrachters durch das Bild springen. Das passt, denn, wenn (fast) alles an der Kunst von Kammerer-Luka (1929-2023) veränderbar oder zumindest kombinierbar ist, dann müssen eben auch die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung „Black or White and Nothing More“ in der Stiftung für Konkrete Kunst Roland Phleps vor den Bildern hin und her gehen. Denn je nachdem, wo man steht, ergeben die Steckkarten ein eigenes Bild oder treten zugunsten des Quadrats im Hintergrund zurück. Kinetische Kunst bedeutet eben nicht, dass allein das Werk beweglich ist.

Die Ausstellung, deren Titel auf den dominierenden Schwarz-Weiß-Kontrast in Kammerer-Lukas Arbeiten anspielt, zeigt Werke aus den späten 1970er Jahren bis in die 2010er Jahre. Wobei er durchaus Farbe einsetzt. Darunter sind auch die beiden kurzen Videos „Circulation“ und „Métamorphose numérique“, die zeigen, wie stark Kammerer-Luka nicht allein durch Malewitschs Quadrat, sondern überhaupt durch die frühe Abstraktion geprägt war. Ringsegmente, erst in schwarz und weiß, dann farbig, bewegen sich über die Bildfläche, eine grüne Kugel läuft hindurch und alles ändert sich. Die Musik ist mal grell, es gibt Bläser, dann klingt es dramatisch. Man muss an die Experimente mit der Abstraktion im Absoluten Film eines Oskar Fischinger in den 1920er und -30er Jahre denken. Bei „Métamorphose numérique“ gruppieren sich Stäbe, die sich auch als römische Ziffer I lesen lassen, ständig neu, später bilden sie die arabische Ziffer vier, die am Ende die Projektionsfläche füllt. Kammerer-Luca hat hierfür mit dem 1941 geborenen Jean-Baptiste Kempf gearbeitet. Die beiden kannten sich von der Universität Besançon, an der Kammerer-Luka Linguistik lehrte. Die 1970er und 80er Jahre waren die Zeit, in der Linguistik und Informatik ihre Verwandtschaft entdeckten. Grammatikmodelle hatten viel mit der Kybernetik zu tun und auch Arbeiten wie „Listing zu Méta Écriture“ aus dem Jahr 1980 modernisiert einerseits die Schreibmaschinenzeichnung in Richtung Nadeldrucker, andererseits reproduziert und variiert der Computer Kammerer-Lukas Module ineinandergefügter horizontaler und vertikaler Balken. Man könnte hier auch Spracheinheiten derart durch den Computer bearbeiten lassen und auf Endlospapier ausdrucken.
Als haptisches Äquivalent wirken jene Arbeiten Kammerer-Lukas, die durch simples Stecken immer neu variiert werden können. Auch Besucherinnen und Besucher können dies, da wir alle die Grammatik dieser visuellen Sprache beherrschen. Im Eingangsbereich deuten die Skulpturen „Yin et Yang“ aus dem Jahr 2000 den Kontrast als zweite Natur. Die beiden Backsteintürmchen stehen jeweils in einer Stahlwanne mit Wasser. Kammer-Luka hat die Steine so angeordnet, dass in der Mitte der Ziegel um 45 Grad gedreht ist, während außen jeweils zwei Steine mit der schmalen Seite nebeneinanderstehen. Oben liegt einmal ein weiß und einmal ein schwarz glasierter Ziegel. Sie ergänzen einander perfekt.
Kammerer-Luka, Black or White and Nothing More? Stiftung für Konkrete Kunst Roland Phleps, Pochgasse 75, Freiburg. Sonntags 11.30 bis 16 Uhr. Bis 5.07.2
Foto: Kammerer-Luka: „Reflektieren“, 1993, Acryl auf Leinwand, 100 x 150 cm, sechsteilig,
© Archiv Kammerer-Luka, Foto: Dieter Weber



