Frauen, legt die Arbeit nieder! Vom revolutionären Geist zum glitzernden Demonstrationsplakat – die Geschichte des 8. März
Alle Jahre wieder steht der 8. März vor der Tür. Weltfrauentag oder feministischer Kampftag – in 26 Staaten und
Alle Jahre wieder steht der 8. März vor der Tür. Weltfrauentag oder feministischer Kampftag – in 26 Staaten und den Bundesländern Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ist er gesetzlicher Feiertag. Hunderttausende Menschen gehen weltweit an diesem Tag auf die Straße und demonstrieren für Frauenrechte, politische Mitbestimmung, Lohngleichheit, gegen Gewalt und für die Solidarität mit Frauen, die in Ländern wie Afghanistan, dem Iran oder Saudi Arabien unter strengen Repressionen leiden. 1908 begann die Geschichte des Frauentags in den USA mit der Gründung eines Nationalen Frauenkomitees durch die Frauen der Sozialistischen Partei Amerikas. Am 19. März 1911 fand schließlich der erste Frauentag in Dänemark, Deutschland, Österreich-Ungarn und der Schweiz statt. Ein Ergebnis sozialistischer Organisationen im Kampf um Gleichberechtigung, Wahlrecht für Frauen und die Emanzipation der Arbeiterinnen. Beschlossen wurde dieser bereits ein Jahr zuvor in Kopenhagen, maßgeblich geprägt durch die deutschen Sozialistinnen Clara Zetkin und Käte Duncker. Der gefasste Beschluss lautete:
„Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht dient. […] Der Frauentag muß einen internationalen Charakter tragen und ist sorgfältig vorzubereiten.“

Das Jahr 1917 wurde zu einem Wendepunkt. Am 8. März 1917 (damals laut julianischen Kalender 23. Februar) streikten in Petrograd (heute Sankt Petersburg) Bewohnerinnen der sozialschwachen Viertel unter dem Eindruck des ersten Weltkrieges. Hunger, Inflation und Repression dominierten ihren Lebensalltag. Arbeiterinnen, Soldatenfrauen und Bäuerinnen standen gemeinsam auf der Straße, Seite an Seite – und lösten so mal eben die Februarrevolution aus. Unter den Parolen „Brot! Nieder mit dem Krieg! Nieder mit dem Absolutismus!“ füllten sich die Straßen Petrograds zunächst mit Frauen, die schließlich auch die Arbeiter der wichtigsten Rüstungsbetriebe, der sogenannten Putilow-Werke, für den Streik mobilisierten. Die Revolution begann. Zu Ehren der Rolle der Frauen in der Februarrevolution wurde das Datum durch einen Beschluss der „Zweiten Internationalen Konferenz kommunistischer Frauen“ 1921 in Moskau auf den 8. März gelegt, 1975 erklärten die Vereinten Nationen den 8. März offiziell zum „Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“.
Dass der Weltfrauentag heute noch eine Revolution auslösen könnte, ist eher unwahrscheinlich. Während sich die feministische Community in hunderte Teil- und Kleingruppen zersplittert hat und am 8. März mit pink und blau bemalten Schildern wedelt, ist der Kampfgeist längst einem glitzernden Dornröschenschlaf unterlegen. Untergräbt sich selbst, wo Einheit gefordert wäre. Was passieren kann, wenn sich jene, die unter patriarchalen Repressionen leiden, zusammenschließen, zeigt das Jahr 1975. Wie oben bereits erwähnt, erklärten die Vereinten Nationen in diesem Jahr erstmals offiziell den Weltfrauentag und gleich dazu noch das „Internationale Jahr der Frau“. Dies sollte eine Welle diverser Protestformen auslösen. Ein Leuchtfeuer, dessen Höhepunkt in einem Streik isländischer Frauen mündete. Am 24. Oktober 1975 gingen die Isländerinnen in den Streik – legten einen „freien Tag“ ein und veranstalteten im gesamten Land, den großen Städten und kleinsten Dörfern, Demonstrationen und Kundgebungen. In Reykjavik fand an diesem Tag die größte Versammlung der isländischen Geschichte statt. Nicht ohne Vorlauf, wie man sich denken kann. Bereits im Frühjahr 1974 bildeten die fünf großen Frauenorganisationen Islands ein Komitee und organisierten im Juni 1975 einen Frauenkongress, wo mit großer Mehrheit für den „freien Tag“ abgestimmt wurde. Dem voraus ging eine Werbekampagne mit Anzeigen und Artikeln, in denen über Gewalt an Frauen und die Ungleichheit der Klassen und Geschlechter aufgeklärt wurde. Insgesamt zwei Tageszeitungen widmeten dem Thema eine wöchentlich erscheinende Seite. Es wurden 47.000 Briefe versendet, die Texte und Statistiken zur sozialen Lage von Frauen beinhalteten. Der Aufkleber „Freier Tag für Frauen“ zierte Wände, Litfasssäulen, Fenster, Kleidung. Alle sollten informiert sein – alle sollten ihre Arbeit niederlegen. Und so kam es, dass am 24. Oktober die Frauen Islands auf die Straße gingen. Ein milder Tag, ohne Regen. Auch das Wetter solidarisierte sich mit den Frauen. Auf der zweistündigen Kundgebung in Reykjavik sprachen eine Gewerkschaftsfrau, eine Hausfrau und eine Verkäuferin, gefolgt vom Programm verschiedener Frauenrechtsorganisationen. Island stand still, 90 Prozent aller Frauen legten ihre Arbeit nieder – zu Hause und in den Fabriken des Landes.

Nicht ohne Wirkung: Ein Jahr später verabschiedete das Parlament ein Gesetz zur Gleichberechtigung, 1980 wurde mit Vigdís Finnbogadóttir die erste Frau zur Präsidentin gewählt und heute führt Island den Gender Gap Index des Weltwirtschaftsforums mit der weltweit geringsten Ungleichheit in Sachen Bezahlung an – Deutschland liegt auf Platz 7.
Wie oft haben Sie schon gehört, dass die Gleichberechtigung in Deutschland ja quasi vollendet sei? Als Mann ist man jetzt der Unterdrückte! Dazu ein paar Fakten: Hierzulande sind rund 77 Prozent der Frauen erwerbstätig, eine der höchsten Quoten in der EU – 46,9 Prozent aller Erwerbstätigen sind Frauen, wobei 48,1 Prozent in Teilzeit arbeiten. Teilzeit, weil sie sich den Rest des Tages um unbezahlte Care-Arbeit bemühen müssen, also Kinderbetreuung, Hausarbeit oder die Pflege von Angehörigen. Frauen leisten 44,3 Prozent mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer, was jährlich in etwa 72 Milliarden Stunden unbezahlter Sorgearbeit entspricht (Lieber Friedrich, rechne dir mal aus, was ein funktionierendes Netz an Betreuungsangeboten bewirken könnte!). Angebliches Totschlagargument: Die Betreuung von Kindern und Angehörigen darf man ja so nicht sehen, das ist doch auch eine Frage des Gewissens. Papperlapapp! Hier geht es nicht um Gewissensfragen sondern um den Grundpfeiler eines kapitalistischen Systems: Zeit = Geld. Geld = Unabhängigkeit = Teilhabe. Lassen Sie uns das mal von einer anderen Seite betrachten, aus dem Augenwinkel Michel Foucaults erklärt: Humankapital, ein zentrales Element des neoliberalen Regierens, begreift das Individuum als „unternehmerisches Selbst“. Der Mensch ist Kapital. Faktoren wie Bildung und Gesundheit sind Investments in dieses Kapital, während das Leben selbst ökonomisiert und das Individuum zum Subjekt des Kapitals gemacht wird. Welche Arbeit könnte in einer solchen Gesellschaft mehr Wert besitzen, als das gebären und aufziehen von Kindern? Wer Kapitalismus möchte und dem Wohlstandsversprechen folge leisten will, sollte anfangen, sich um das Leben und die finanzielle Situation von Frauen zu kümmern. Jede fünfte Frau in Deutschland ist von Altersarmut betroffen, der Unterschied bei den Alterseinkünften beträgt in Deutschland ca. 46 Prozent – nicht durch Faulheit. Sondern weil sie schlicht und ergreifend nicht für ihre Arbeit bezahlt wurden. Von staatlichen Betreuungsangeboten müssen wir gar nicht erst anfangen. Legen wir das freundlich glitzernde Anstupsen am 8. März beiseite und machen’s nach dem isländischen Prinzip: Frauen, legt die Arbeit nieder!
Bild: 90 Prozent aller Frauen in Island beteiligten sich am „freien Tag“ © Women‘s History Archives Iceland






